Schwergewichte im Ungleichgewicht

Im Krüger-Nationalpark hat sich die Zahl der Elefanten in den letzten zehn Jahren nahezu verdoppelt. Südafrikas Umweltminister steht vor der Entscheidung, den kontrollierten Abschuss – das so genannte „Culling“ – wieder zuzulassen.

Von Arno Mayer
Wutschnaubend bricht der riesige Elefantenbulle aus dem Busch. Keine 15 Meter vom Auto entfernt beginnt er, Furcht einflößend zu trompeten und nähert sich aufgeregt dem vermeintlichen Rivalen. „Bleibt’s ganz ruhig, der greift nicht an.“ Alois Haberhauer, der die Dickhäuter im Krüger-Park seit langem studiert, bleibt ruhig und erhebt nicht einmal die Stimme. Tatsächlich bleibt der Bulle abrupt stehen und trollt sich wieder in den Busch. Dort macht er weiter ziemlichen Lärm, rollt sich am Boden und bricht einen armdicken Baumstamm entzwei, als ob er ein Streichholz wäre.
Haberhauer, ein 55 Jahre alter Österreicher, der mit den Universitäten in Potsdam und Saarbrücken zusammenarbeitet, diagnostiziert den Bullen mit fachmännischem Blick als etwa 25-jährig und weiß sofort, dass er so nervös ist, weil er einen erhöhten Hormonspiegel hat. Es dauert gut 20 Minuten, ehe sich das Schwergewicht beruhigt hat und weiterzieht.
Szenen wie diese bleiben BesucherInnen des Krüger-Parks unvergesslich. Umso mehr, seit von neuem eine Diskussion darüber entbrannt ist, ob die Elefanten dort nicht wieder zu Hunderten getötet werden sollen, weil ihre Zahl zu groß zu werden droht. Das so genannte Culling war in Südafrika gang und gäbe, ehe es 1995 auf Druck der TierschützerInnen eingestellt wurde.
Seither konnten sich die Dickhäuter ungestört vermehren. Lebten früher rund 7.500 Elefanten im Park, der ungefähr so groß ist wie Israel, so sind es heute bereits zwischen 12.000 und 13.000. Der südafrikanische Umweltminister Marthinus van Schalkwyk hat keine beneidenswerte Aufgabe. Er muss demnächst entscheiden, was geschehen soll, um das biologische Gleichgewicht im Park zu sichern. Der Streit um das Culling wird unter Fachleuten und Laien kompromisslos und äußerst hitzig geführt.

Das gezielte Töten von Elefanten im Krüger begann 1967 und wurde bis 1995 praktiziert. Dabei wurden insgesamt 14.562 Tiere erlegt. Bilder über das blutige Abschießen der Schwergewichte samt ihrem Nachwuchs gingen um die Welt und trieben die TierschützerInnen auf die Barrikaden. Als das Culling eingestellt wurde, begann die Zahl der Elefanten unaufhaltsam zuzunehmen, mit einer Rate von etwa sieben Prozent im Jahr.
Im Laufe der Zeit wurden verschiedene Methoden zur Kontrolle dieses Wachstums erprobt. Zu ihnen gehörte die Überführung von insgesamt 2.175 Elefanten in Parks außerhalb des Krüger. Außerdem wurde Geburtenkontrolle mit einer Art Antibaby-Pille für die weiblichen Tiere ausprobiert. Das Verfahren ist äußerst kostspielig. Die Elefantenkühe müssen vom Hubschrauber aus mit Spezialmunition betäubt und an Ort und Stelle mit einem tragbaren Röntgen-Gerät auf eine mögliche Schwangerschaft untersucht werden.
Wenn sie nicht trächtig sind, wird den Kühen ein Mittel verabreicht, das Nachwuchs verhindern soll. Die ganze Prozedur ist kompliziert, für die Elefantenherden sehr stressig und im Grunde genommen nur zur Kontrolle von kleinen Beständen geeignet.
Die Park-Verwaltung ist nach längerer Untersuchung zu dem Schluss gekommen, dass nur das Culling von etwa 5.000 bis 7.000 Elefanten über einen längeren Zeitraum das biologische Gleichgewicht im Krüger garantieren und anderen Tierarten das Überleben sichern kann. Zu viele Elefanten schädigen die Buschvegetation in einem Ausmaß, dass nach einiger Zeit zum Beispiel Giraffen keine Nahrung mehr finden.

Ohne Culling wird es, so argumentiert die Park-Leitung, im Jahr 2020 ungefähr 34.000 Elefanten geben. Auch Haberhauer ist nicht gegen das Culling. Seiner Meinung nach sollte aber noch fünf Jahre abgewartet werden. Seit 1950 ist, so Haberhauer, im Park eine „massive Verbuschung“ festzustellen. Elefanten haben damit kein Problem, aber andere Tierarten – vor allem größere Antilopen – fühlen sich im dichten Busch nicht wohl, da sie offeneres Savannen-Gelände bevorzugen. Wenn die Dickhäuter den Busch aufbrechen, kommt das nach Ansicht Haberhauers zum Beispiel den Antilopen zugute.
„Gegenwärtig kann die Frage, wie viele Elefanten der Krüger-Park wirklich verträgt, noch nicht beantwortet werden“, sagt Haberhauer. Er ist strikt gegen die Geburtenkontroll-Methode, „weil das die Herdenstruktur zerstört“.
Die Culling-GegnerInnen werfen der Park-Verwaltung vor, sie wolle zu den Methoden der Apartheid-Zeit zurückkehren. Das ist eine schwere Anschuldigung, denn die früher weiße Führungsspitze des Krüger ist inzwischen von einem schwarzen Management abgelöst worden. Ferner sei die Park-Leitung, so die Gegenstimmen, im Grunde nur hinter dem Elfenbein her, um durch den Verkauf der Stoßzähne zu Geld zu kommen. Tatsächlich haben sich im tresorartig gesicherten Depot des Krüger in der Culling-freien Zeit Tausende von kostbaren Stoßzähnen angesammelt. Seit einigen Jahren dürfen die Länder mit Elefanten-Population wieder Elfenbein verkaufen, aber nur in begrenzten Mengen. Das „weiße Gold“ ist vor allem in Japan immer noch heiß begehrt.

Einer der schärfsten Gegner des Culling ist der Internationale Tierschutzfonds (IFAW). „Der Ruf Südafrikas kann nur leiden, wenn das Abschießen von Elefanten wieder beginnt“, warnt IFAW. Immerhin werde der Krüger-Park jährlich von 1,3 Millionen Menschen besucht. Die Leitung habe zehn Jahre Zeit gehabt, einen Ausweg aus dem Elefanten-Dilemma zu finden und nichts getan. „Jetzt, mit dem Rücken zur Wand“, wolle sie das Problem auf Biegen und Brechen mit Culling lösen, so die Organisation.
Immerhin haben sich aber in Südafrika selbst sieben Naturschutz-Organisationen für das Culling als letztes Mittel ausgesprochen. Darunter ist auch die WWF-Sektion am Kap, der bestimmt nicht vorgeworfen werden kann, dass sie sich leichtfertig über ethische Bedenken hinwegsetzt.
Umweltminister van Schalkwyk hat bereits zahlreiche ExpertInnen angehört. Dabei wurde aber kein Kompromiss gefunden. Möglicherweise wird sich sogar das südafrikanische Parlament mit der kniffligen Frage befassen müssen, was mit den Dickhäutern geschehen soll.

Arno Mayer arbeitete 40 Jahre lang für die Deutsche Presse-Agentur, davon 30 Jahre als Auslandskorrespondent, unter anderem in der Sowjetunion, in den USA und im südlichen Afrika.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen