„Sehr erschütternde Dinge“

Bruna Cristina Engel berichtet Südwind-Mitarbeiterin Nora Holzmann per Skype über die negativen Auswirkungen der Aluminiumherstellung in Brasilien.

Bauxitförderband in Trombetas, mitten im Regenwald Amazoniens.

Südwind Magazin: Wer profitiert von der Aluminiumproduktion in Brasilien?
Bruna Cristina Engel:
Die Mitglieder der lokalen Eliten und einzelne Regierungsbehörden, etwa jene, die mit dem Energieministerium in enger Verbindung stehen. Dort werden die Genehmigungen sowohl für Minen als auch für Stromkraftwerke erteilt. Und die großen multinationalen Unternehmen, die hierher kommen und sich alle Reichtümer nehmen. Nichts von dem Gewinn bleibt wirklich in der Region oder im Land.

Werden im Rahmen der Aluminium-Produktionskette nicht auch Jobs geschaffen?
Eine unbedeutende Anzahl. Außerdem sind die Arbeitsbedingungen äußerst prekär. Großteils sind es Menschen, die aus anderen Regionen des Landes zugewandert sind, oft Halb-Analphabeten, die für niedrigste Löhne und ohne Gesundheitsschutz arbeiten. Das gilt für die ganze Produktionskette, vom Abbau in den Minen bis zur Verarbeitung in der Industrie.

Ist die Produktionskette von Aluminium in Brasilien bereits gänzlich in der Hand von ausländischen Firmen?
Ja, das ist sie. Die Aluminiumindustrie in Brasilien begann in den 1970ern, mit Investitionen aus Japan. Bis etwa 2000 war noch ein Teil der Industrie in brasilianischer Hand. Heute ist sie fast komplett in der Hand von Norwegen, Japan und den Vereinigten Staaten.

Welche Folgen hat die Produktion von Aluminium für die Menschen im Land? Worauf sind Sie bei Ihren Recherchen gestoßen?
Wir haben auf unserer Reise einige sehr erschütternde Dinge gesehen. Der schlimmste Ort war Barcarena, wo sich zwei große industrielle Verarbeitungszentren angesiedelt haben. Die Stadt hat sich vollkommen verändert, seit diese Industrie dort Einzug gehalten hat. Es haben sich Armutsgürtel am Rand gebildet. Die Stadt hat nun eine der niedrigsten Entwicklungsraten des Landes. Die Menschen haben davon gelebt, Fische zu fangen, Kunsthandwerk zu produzieren, Nüsse zu sammeln. Heutzutage können sie diesen Aktivitäten nicht mehr nachgehen, weil die Flüsse entsetzlich verschmutzt sind. Praktisch mitten in der Stadt gibt es nun Lagunen voll giftigem Rotschlamm. Das ist ein enormes Problem. Viele arme Menschen leben rund um die Industrieanlagen. Es gab schon mehrere Unfälle: Lecks, Überschwemmungen. Wir haben eine Versammlung besucht, bei der sich Vertreterinnen und Vertreter von 96 an diesem Fluss lebenden Gemeinschaften getroffen haben. Die meisten Personen in diesen Gemeinschaften sind arbeitslos oder krank. Die Leute, die in den Fluss baden gehen, kommen mit Brandblasen und Ausschlägen wieder heraus. Die Anführerin einer Gemeinschaft, die auch zur Versammlung hätte kommen sollen, sagte ab. Am selben Tag in der Früh hatte sie ein Bad in einem Seitenarm des Flusses genommen und sie wurde krank. Sie bekam Fieber, einen Ausschlag, Juckreiz – und musste zuhause bleiben.

Findet die lokale Bevölkerung wenigstens Anstellungen in der Aluminiumproduktion?
Nein. Überall, wo sich die Firmen niederlassen, beginnt die gleiche Propaganda. Die Zeitungen schreiben, dass jede Menge Jobs geschaffen würden. Aber sie stellen die Leute aus der Region nicht ein – die haben nämlich nicht die in ihren Augen notwendigen Qualifikationen. Sie stellen ein paar Leute für die Bauarbeiten ein, und wenn die Fabrik fertig ist, entlassen sie sie wieder. Und die Arbeiter aus anderen Regionen, die einen Job in der Produktion bekommen haben, werden oft krank. Sie leiden unter schweren Berufskrankheiten, haben Probleme mit der Leber, den Nieren. Das geht bis zu Gedächtnisproblemen oder sogar Blindheit.

Wissen die Arbeiter, woher ihre gesundheitlichen Probleme kommen?
Das wissen sie. Wer einmal länger in der Aluminiumindustrie gearbeitet hat, ist nachher praktisch arbeitsunfähig. Den Arbeitern eilt der Ruf voraus, dass sie danach nicht mehr für irgendeine andere Arbeit zu gebrauchen sind. Die zuständigen Gewerkschaften waren in den 1990ern sehr stark. Mittlerweile sind sie von der Industrie vereinnahmt worden. Die Funktionäre treten nun für die Industrie-Interessen ein. Betroffene Arbeiter haben jetzt eine Vereinigung gegründet, die sich für die Gesundheit der Arbeiter einsetzt. Sie haben allerdings unglaubliche Schwierigkeiten, Ärzte zu finden, die bescheinigen, dass die Krankheiten von der Arbeit herrühren. Hier ist Korruption im Spiel, aber es gibt auch viele Drohungen gegen Ärzte. Daher ist der offizielle Anteil der Arbeiter, die entschädigt werden oder eine Invaliditätspension erhalten, sehr sehr niedrig.

Bruna Cristina Engel

Organisiert sich die lokale Bevölkerung gegen die Aluminiumproduktion, formiert sich Widerstand?
Ja, da gibt es mehrere Beispiele. Wir waren ja bei einer Versammlung von 96 Gemeinschaften. Ich war schockiert angesichts dieser hohen Zahl an Betroffenen. Diese Gruppe ist auf der Suche nach alternativen Einkommensmöglichkeiten. Sie wollen ein Wirtschaftsmodell finden, das ihnen erlaubt, in ihrem ländlichen Umfeld zu bleiben.
In Juruti, das wir auch besucht haben, liegt eine Mine mitten im Regenwald-Dorf. Die lokale Bevölkerung leistete Widerstand. Sie zeltete monatelang vor dem Eingang der Mine, um zu erreichen, dass ihr ihre Minimalrechte gewährt werden – dazu gehört zum Beispiel 1,5 Prozent des Wertes der abgebauten Bodenschätze. Teilweise war sie schon erfolgreich, aber der Kampf geht weiter.

Gibt es im übrigen Brasilien, zum Beispiel in den großen Städten, auch Gegnerinnen und Gegner der Aluminiumproduktion?
In der allgemeinen Bevölkerung gibt es kaum Bewusstsein in dieser Hinsicht. Viele denken, Aluminiumdosen sind etwas Gutes, denn man kann sie recyceln. Und das Recycling bringt Einkommen für arme städtische Bevölkerungsgruppen. Dazu wurde das Baugewerbe in den vergangenen Jahren stark subventioniert. Und mit diesem Immobilien-Boom ist auch die Nachfrage nach Aluminium im Land gestiegen.

Die Aluminiumindustrie ist sehr energieintensiv. Glauben Sie, dass ausländische Unternehmen auch deshalb gerne die Industrie in andere Länder wie Brasilien verlagern?
Dies ist mit Sicherheit ein wichtiger Faktor für die Unternehmen. Der Staat unterstützt großzügig die Errichtung der Industrieanlagen. Und nach Inbetriebnahme werden die Stromtarife subventioniert. Diese Firmen zahlen dann 20 oder 30 Jahre lang unglaublich niedrige Preise.

Wieso macht der brasilianische Staat das?
Erstens trägt das Wirtschaftsmodell noch immer starke koloniale Züge. Zweitens gibt es wirtschaftliche Tauschgeschäfte und internationale Verträge. Die Regierung öffnet diese Lücken, weil sie dafür etwas anderes bekommt. Natürlich gibt es auch viel Angst vor Konkurrenz. Dabei arbeitet die Aluminiumindustrie stark über die Medien. Im Moment haben sie eine Art Kampagne laufen. Sie sagen, die Aluminiumindustrie werde sich bald nicht mehr im Land niederlassen, weil der Strom so teuer sei [lacht].

Bruna Cristina Engel arbeitet für Amigos da Terra Brasilien und ist Mitautorin einer aktuellen Studie im Rahmen des REdUSE-Projektes (s. S. 16).

Amigos da Terra ist Mitglied von Friends of the Earth International, einem internationalem Netzwerk mit über 5.000 lokalen AktivistInnengruppen in 71 Ländern. Arbeitsschwerpunkte von FoEI sind Themen wie Landwirtschaft, Gentechnik, nachhaltiges Wirtschaften, Wald, Klima oder Umwelt und Welthandel.

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