„Seit Ruanda suche ich mir andere Themen“

Von Christine Tragler · · 2019/Sep-Okt

Der Genozid in Ruanda jährt sich heuer zum 25. Mal. Der deutsche Fotograf Guenay Ulutuncok dokumentierte damals die Schrecken mit seiner Kamera.

Herr Ulutuncok, Sie haben sich 1994 und danach längere Zeit als Fotograf in Ruanda aufgehalten. Wie kam es dazu?

Als Fotojournalist in Afrika konnte ich das Geschehen in Ruanda nicht ignorieren. Ich war damals in Uganda. Von dort aus bin ich mit einem Mietwagen und einem Passierschein der Ruandischen Patriotischen Front, die damals das Land kontrollierte, nach Ruanda gereist. Es war unheimlich. Das Land war fast leer. In manchen Häusern standen die Türen halb offen. Blutspuren waren zu sehen. Ich war froh, als ich im SOS-Kinderdorf in der Hauptstadt Kigali angekommen war.

Der Flughafen war in dieser Zeit geschlossen. Die Infrastruktur war komplett zusammengebrochen, alles war geplündert. Was die Menschen nicht mitnehmen konnten, stand am Straßenrand. Die Überlebenden flüchteten in die Nachbarstaaten. Eine große Zahl floh ins damalige Zaire, in die Städte Goma und Bukavu.

Rückkehr: 1996, zwei Jahre nach dem Genozid, hat Ruandas neue Armee die Lager im ehemaligen Zaire aufgelöst.© Guenay Ulutuncok

Hutu gegen Tutsi

Der Abschuss des Flugzeugs mit dem damaligen Präsidenten Juvénal Habyarimana am 6. April 1994 war der Auslöser für einen organisierten Massenmord in Ruanda: Innerhalb von 100 Tagen wurden 800.000 Menschen, vorwiegend Angehörige der Tutsi-Minderheit und gemäßigte Hutu, getötet. Zwei Millionen Menschen flüchteten ins Ausland, 300.000 Kinder wurden zu Waisen. Die Wurzeln des Hasses reichen bis in die Kolonialzeit zurück. Die Bezeichnungen Tutsi und Hutu standen ursprünglich für politische und soziale Zugehörigkeit.     chrit

Wie sehr fühlten Sie sich beim Fotografieren in einem Hin und Her zwischen dem Schrecken angesichts des vorgefundenen Horrors und den eigenen Ansprüchen als Fotograf?

Die Kunst ist es, die politischen und dokumentarischen Ansprüche in Balance zu halten. Ein Beispiel, das diesen Zwiespalt beschreibt: Während der Cholera-Epidemie in den Flüchtlingslagern von Goma, bei der über 80.000 Menschen in wenigen Tagen gestorben sind, wartete ich auf einen Kollegen am Rande des Leichenfeldes. Auf einmal bewegte sich da ein Bub unter den Toten! Ich machte einen Mitarbeiter von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen darauf aufmerksam und er konnte gerettet werden. 20 Minuten später wäre er lebendig im Massengrab gelandet.

Ihre Bilder lassen die Grausamkeit des massenhaften Mordens erahnen. Gab es Momente, wo Sie sich dachten, Sie können das jetzt nicht mehr fotografieren?

Selten. Aber ich habe viele grausame Bilder, die ich fotografiert habe und mir selbst nicht gerne ansehe, nicht für eine Veröffentlichung freigegeben. Ich habe also meine Auswahl später gemacht. Es gab immer wieder die Diskussion, ob man bestimmte Bilder veröffentlichen soll. Bilder von Massakern, wo eine Familie enthauptet am Boden liegt und Ratten über ihre Körper laufen. Irgendwann habe ich aufgehört, solche Szenen zu fotografieren. Was bewirkt man mit diesen Bildern? Und was will ich damit bewirken? Der Krieg wird dadurch nicht grausamer dargestellt.

Die Fotos sind von einer maximalen Nähe zur Realität geprägt. Wie haben die Menschen auf Ihre Kamera reagiert?

Meine Anwesenheit als Fotograf hat sie weder beeindruckt noch erschrocken. Die Menschen waren mit sich selbst beschäftigt. Einmal, als ich auf der Strecke Goma-Giyseni mit meinem Auto fuhr, bemerkte ich eine Unruhe zwischen den Menschen am Rande der Straße. Ich stoppte das Fahrzeug und ging dorthin, wo sich die Menschengruppe sammelte, und beobachtete das Geschehen. Ich hatte Angst. Plötzlich hatten zwei Personen große Steine in den Händen und schlugen eine Frau vor meinen Augen tot. Das empörte mich so sehr, dass ich meine Angst verlor. Ganz automatisch fing ich an zu fotografieren. Niemand reagierte auf meine Kamera.

Mordwerkzeuge: Getötet wurde zum allergrößten Teil mit Macheten.© Guenay Ulutuncok

Sie haben auch Porträts von Überlebenden des Völkermordes gemacht. Eine Ihrer Aufnahmen zeigt ein kleines Mädchen, das die Ermordung seiner Familie überlebt hat. Ihr Gesicht ist durch einen Macheten-Hieb gezeichnet, der ihr eigentlich den Kopf abtrennen sollte. Sie haben das Mädchen auch später noch getroffen …

Claudine war damals fünf Jahre alt. Ihre Geschichte hat mich dazu bewegt, immer wieder dorthin zu reisen und sie zu besuchen. Das erste Bild hat dazu beigetragen, dass eine Familie aus Deutschland die Kosten für eine Nasenoperation übernommen hat. Meine Besuche waren für Claudine einerseits positiv, weil ich mit ihr kleinere Ausflüge unternommen habe. Das hat sie abgelenkt. Andererseits war meine Anwesenheit aber auch negativ, weil sie durch mich immer wieder mit der Vergangenheit konfrontiert wurde, an die sie sich eigentlich nicht mehr erinnern wollte.

Wie sehen heute Ihre Gedanken zum Thema Grenzen des Darstellbaren aus?

Ich denke, man sollte die Schrecken des Geschehens dokumentieren. Aber: Man muss sich immer wieder mit der Frage konfrontieren, wie es gelingen kann, den Opfern die Würde zu belassen. Aber Kriege und ähnliche Themen habe ich seither nicht mehr fotografiert. Seit Ruanda suche ich mir andere Themen.

Interview: Christine Tragler

Guenay Ulutuncok, geboren 1954 in Istanbul, lebt in Köln und ist seit 1981 als freier Fotojournalist tätig. In den Jahren 1994 bis 2003 war er regelmäßig in Ruanda und Zaire (heute Demokratische Republik Kongo). Er wurde für seine Bilder mehrfach ausgezeichnet.

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