Selbst ist der Blick

Ein erfrischend unorthodoxes Projekt eröffnet in Nord und Süd neue Zugänge zur Fotografie.

Von mak
Selbst“ – lateinisch „ipsum“ – ist das Zauberwort eines österreichischen Fotografie-Projektes, das neue Einblicke in ferne Lebenswelten gewähren will. Die meisten Bilder aus dem Süden, die wir hier zu Gesicht bekommen, entstehen im Auge westlicher BetrachterInnen. Sie sagen viel über Erwartungen und Projektionen Reisender und BerichterstatterInnen aus, und oft wenig darüber, wie „die Anderen“ ihre Lebenswelt selbst wahrnehmen. Dem wollen Vera Brandner, Johanna Kellermann, Kurt Prinz und Erik Hörtnagl, das junge Projektteam von Ipsum, eine andere Sicht entgegensetzen. Die vier sind teils Diplomfotografinnen, teils Computerwissenschafter und Studierende der Internationalen Entwicklung in Wien.

Das Pilotprojekt lief 2003 in Cacuaco in der Nähe von Angolas Hauptstadt Luanda in einer von Don Bosco-Schwestern geführten Schule. Im Rahmen freiwilliger Mitarbeit führte Brandner mit Jugendlichen zwei Fotografieworkshops durch. Die Workshops laufen immer nach demselben Muster. Zuerst basteln die Teilnehmenden eine einfache Lochkamera und gehen damit an die Ursprünge der Fotografie. „Es läuft nicht so wie andere Projekte, wo man Kindern Kameras in die Hand drückt, damit sie ihr authentisches Bild zeigen, man das Bild mitnimmt und hier vermarktet“, betont Brandner. Mit der Lochkamera heißt es lange belichten, das sensibilisiert die Fotografierenden dafür, „dass Fotografieren nicht nur dieser Moment des ‚Klick‘ ist, sondern dass mehr dabei passiert.“ Für Teil zwei erhalten alle TeilnehmerInnen eine eigene Kompaktkamera und ziehen los, um damit ihre Geschichten zu erzählen. Inhaltliche Vorgaben gibt es keine. Teil drei vermittelt Bewusstsein für Urheberschaft und Copyright, damit die Negative nicht auf dem Mist landen oder leichtfertig aus der Hand gegeben werden. Zum Abschluss wird je nach Wunsch der Gruppe eine Ausstellung organisiert.

Nach Angola folgten Workshops in Wien und in der pakistanischen Millionenstadt Lahore, wo das Team engagierte PartnerInnen vor Ort fand. Die Ausstellungseröffnung im Kulturzentrum von Lahore wurde landesweit im Fernsehen übertragen. Weitere Workshops in Pakistan und in Kabul sind geplant. Zuletzt arbeiteten die FotografInnen mit den Wiener Kinderfreunden im Rahmen der Parkbetreuung von Jugendlichen zusammen.
Über Kontaktpersonen bleiben die Workshop-LeiterInnen mit den Teilnehmenden in Verbindung. Die Idee ist, einen Vertrieb im Sinne einer Bildagentur aufzubauen und die Fotos an Medien und andere Interessierte zu verkaufen. Bisher läuft der Verkauf über die eigene Homepage, Einnahmen gehen zu 100 Prozent an die UrheberInnen.
Vor kurzem hat das Team auch erstmals eine öffentliche Förderung von „Youth for Europe“ erhalten. Zuvor hat es die Workshops privat oder über andere Aufträge finanziert, Firmen sponserten das Material. Auf Förderansuchen in Österreich gab es bisher Absagen. „Die Kunstsektion sagt, sie ist nicht zuständig, weil es ein Sozialprojekt ist, die entwicklungspolitische Sektion im Außenministerium lehnt ab, weil es Kunst ist“, umreißt Brandner das Problem. Dem hohen Maß an Eigeninitiative der Ipsum-TrägerInnen tut das keinen Abbruch.


Infos auf www.ipsum.at
Bis 4. Juni läuft im Rahmen von „soho in Ottakring“ eine Ausstellung mit Videopräsentation. Ort: 1160 Wien, Grundsteingasse 12, tägl. bis 21 Uhr.

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