Selbsthilfe erlaubt

Bilder aus Äthiopien: Der kostspielige Krieg mit Eritrea und auf der anderen Seite die Hunger leidende Bevölkerung, die dringend Nahrungsmittelhilfe benötigt. Afrika ist aufgerufen, im Falle von vorhersehbaren Katastrophen auch selbst zu reagieren, meint

Von Peter Böhm
Die äthiopische Botschaft in Nairobi schreibt an die kenianische Tageszeitung "Daily Nation": "Es ist nicht fair, die Hungersnot mit dem Krieg zu verknüpfen. Sie hat nichts mit dem äthiopisch-eritreischen Konflikt zu tun."

Was war passiert? Die "Nation" hatte einige Tage zuvor einen mit "Äthiopien" beschrifteten Panzer gezeigt, aus dessen langem Rohr ein Arm mit einer leeren Schale wuchs. Die Hartnäckigkeit, mit der äthiopische Offizielle darauf bestehen, dass der fast zweijährige Krieg mit Eritrea nichts mit der Nahrungsmittelknappheit von acht Millionen Menschen in diesem Land zu tun hat, könnte einen fast glauben machen, dass sie selbst glauben, was sie sagen.

Andere wiederum argumentieren, es sei "unangemessen", wenn nicht "unverschämt", dass die Regierung angesichts des drohenden Hungertodes von so vielen Menschen nach unabhängigen Schätzungen täglich eine Millionen US-Dollar für ihren Krieg ausgibt.

Die äthiopische Regierung kritisierte auf dem EU-Afrika-Gipfel Ende März in Kairo die "Internationale Gemeinschaft", dass sie "Skelette auf den Bildschirmen brauche", bis sie Nahrungsmittelhilfe schicke.

Jedoch was braucht die äthiopische Regierung, bis sie auf die Krise reagiert? Denn es ist ja kein großes Geheimnis, dass die Mehrzahl der Lkws, die die Hilfe verteilen könnten, an die äthiopisch-eritreischen Front gebunden sind. Dazu kommt, dass Äthiopien seit dem Sturz Mengistu Haile Mariams und dem Regierungsantritt der heutigen EPRDF-Regierung 1991 ein privilegierter Empfänger von Nahrungsmittelhilfe war. Die EU, die besonders von der äthiopischen Regierung kritisiert wurde, hat vorgerechnet, dass das Land in den vergangenen vier Jahren (95-99) allein von der Europäischen Union Nahrungsmittelhilfe im Wert von 250 Millionen Euro erhalten hat. Im vergangenen Jahr wurden 4 Millionen Menschen in Äthiopien vom UNO-Welternährungsprogramm mit Nahrungsmitteln versorgt - mehr als in jedem anderen afrikanischen Land.

Leider bestätigt der "Fall Äthiopien" einen Trend in Afrika. Bei der Überschwemmungskatastrophe in Mosambik wuchsen in Afrika allerorten Kritiker aus dem Boden, die zu wissen glaubten, dass die Industriestaaten immer zu lange mit ihrer Katastrophenhilfe warteten. Und dann kam heraus, dass kein Hubschrauber und kein Soldat der mosambikanischen Armee an der Hilfsaktion teilgenommen hatte.

Ende April zeichnete sich in Indien ab, dass dieses für "arm" gehaltene Land unter den Folgen einer Dürre zu leiden haben wird. Der indische Premierminister hielt eine bewegende Ansprache im Fernsehen und sagte, dass mehrere Millionen Menschen in Gujarat und Rajastan dringend Hilfe benötigten. Mit den Gegebenheiten in Afrika vertraut, musste man denken, o je, jetzt kommt gleich, wie viel Millionen US-Dollar dafür von der "Internationalen Gemeinschaft" gebraucht werden. Aber Nein! Vajpayee hatte wirklich nur sein Land auf die Krise aufmerksam machen wollen. Ein paar Tage darauf begann die indische Armee in einer offensichtlich wohlgeplanten Art und Weise, Wasser und Nahrungsmittel in den Nord-Westen des Landes zu bringen. Welch ein Unterschied!

Diese Entwicklung müsste in Afrika wirklich die Alarmglocken läuten lassen. Denn auf einmal scheint es im Süden außerhalb von Afrika, fast nur noch "Schwellenländer" zu geben. Afrika wird zum Sonderfall.

Um den afrikanischen Ländern ins Gedächtnis zu rufen, dass sie im Falle einer Naturkatastrophe selbst auch tätig werden dürfen, war die Kritik aus dem Westen an Äthiopiens Kriegspolitik, auch wenn sie stark emotionalisiert war, sinnvoll und richtig.

Nachdem die Aufregung etwas verklungen ist, wird man Äthiopien jedoch wieder in einem etwas weiteren Rahmen betrachten müssen: Es ist klar, dass das Land chronisch auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen ist und noch länger sein wird. Auf lange Sicht werden dort 55 Millionen Menschen von der Landwirtschaft allein nicht zu ernähren sein. Die Böden sind ausgelaugt, und viele Felder im Hochland sind inzwischen so klein wie ein Wohnzimmer in Europa. Was Äthiopien händeringend braucht, sind alternative Erwerbszweige. Diese Politik hatte die äthiopische Regierung, wie viele ExpertInnen meinen, teilweise verfolgt. Dann wurden die neuen Fabriken an der eritreischen Grenze stillgelegt. Die Regierung hatte sie dort wegen dem kurzen Weg zu den eritreischen Häfen konzentriert und natürlich, weil dort Tigriner leben, die die Regierung unterstützen. Dann suspendierten die multilateralen und bilateralen Geber ihre Entwicklungszusammenarbeit. Wobei wir wieder beim Krieg wären, der ja, wie wir gesehen haben, mit der Hungersnot nichts zu tun hat.

Peter Böhm ist Afrika-Korrespondent der Berliner Tageszeitung "taz" mit Sitz in Nairobi/Kenia.

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