Sendepause für Machos

Im Nordosten Brasiliens bestreitet ein regionales Frauennetzwerk seit mehr als einem Jahrzehnt erfolgreich ein ganz eigenes Radioformat. Das Programm ist eine partizipative Schaltzentrale, die nicht nur kritisch die Lokalpolitik aufrollt, sondern Frauen auch auf ganz praktische Weise im Alltag unterstützt.

Von Nils Brock
Wochentags von 8 bis 9 Uhr übernehmen die Frauen das Mischpult.

Ein Fingerschnippen, dann schnellt eine ausgestreckte Hand hinter dem Mischpult hervor – Flavia Maria Lucenas Art, den Studiogästen mitzuteilen, dass der laufende Song in fünf Sekunden vorbei ist. Ein letztes verschwörerisches Zwinkern, dann zieht die junge Journalistin mit dem roten Wuschelkopf die Regler der Mikrofone herauf, dreht die Musik langsam zurück und begrüßt die BewohnerInnen von Cabo de Santo Agostinho mit einem dröhnenden „Bom Diiiiiiiiiia!“. Wochentags von acht bis neun Uhr haben im Community Radio Calheta der 200.000 EinwohnerInnen zählenden Stadt im Nordosten Brasiliens männliche Moderatoren Sendepause, denn dann macht Rádio Mulher, das Frauenradio, Programm.

Die Temperatur in der Radiokabine liegt bei frischen 16 Grad, vielleicht um die InterviewpartnerInnen nicht unnötig ins Schwitzen zu bringen. Heute stehen zwei Mitarbeiter des Rathauses Rede und Antwort zu Gesundheitsfragen. Doch statt wie gewöhnlich die Wohltaten der aktuellen Lokalregierung anpreisen zu können, hagelt es kritische Fragen. „Warum bekommen nicht alle Bürgerinnen Zugang zu kostenlosen Verhütungsmitteln? Warum tut die Stadtverwaltung nichts gegen die Mückenplage auf einer überfluteten Müllhalde am Stadtrand?“ Flavia lässt nicht locker. Dann ruft auch noch eine Hörerin an und beschwert sich, dass ein öffentliches Gesundheitszentrum in ihrem Stadtviertel nur auf dem Papier existiere. Unter den Hemdsärmeln der Gäste wachsen die Schwitzflecken. Zeit für die Moderatorin, das Tempo etwas zu drosseln. „Vielleicht sollten wir erst einmal nachsehen, wie es vor Ort aussieht, anstatt vorschnell zu urteilen.“ Sie erntet dankbares Kopfnicken und das Versprechen, offenen Fragen bis zur kommenden Woche auf den Grund zu gehen. „Wir bleiben dran an der Story. Vielen Dank und bis morgen dann wieder in Rádio Mulher.“ Das rote Licht geht aus, die Sendung ist vorbei. Doch Flavias Arbeitstag fängt gerade erst an.

In ihrem klapprigen Fiat kurvt sie sich durch den morgendlichen Verkehr zum Sitz der Mulheres do Cabo, jener NGO, welche sich seit mehr als 25 Jahren für Frauenrechte in der Region stark macht. „Das Radioprogramm musst du dir als Teil eines Netzwerks vorstellen, das aus feministischer Perspektive über aktuelle Ereignisse berichtet, in ständigem Dialog mit den Hörerinnen“, erzählt Flavia, während wir die Treppen zum Versammlungsraum hinaufhetzen. Die allmorgendliche Sitzung hat bereits begonnen, ein Dutzend Frauen wertet gerade das Auftreten ihres feministischen Karnevalblocks am vergangenen Wochenende aus. Auch die Radiomoderatorin mischt sich unter sie, schließlich könnte das ein Thema für die nächste Sendung werden.

„Networking aus nächster Nähe“, kommentiert eine flüsternde Stimme, die sich als Silvia Cordeiro, Vorsitzende der Mulheres do Cabo, vorstellt. Bei einem Becher schwarzem Kaffee erklärt sie, warum das Radio ein so wichtiger Verstärker ihrer Arbeit ist. „Nimm die Alphabetisierungskurse für erwachsene Frauen – ein fester Bestandteil unserer Aktivitäten. Potenzielle Teilnehmerinnen erreicht man schwerlich mit schriftlichen Einladungen. In Rádio Mulher sprechen wird deshalb direkt Frauen an, informieren, wo und wann unsere Lehrerinnen unterrichten. Und hier wird es spannend“, hebt Silva an. „Denn unsere Kurse sind mehr als ein schlichtes Lesenlernen. Vielmehr stellen wir Kontakt unter Nachbarinnen her, brechen Tabus, reden über sexuelle Rechte und animieren zu einem selbstbewussten Auftreten im Alltag. Der Kreis schließt sich, denn die Teilnehmerinnen werden nach und nach auch eine Art Korrespondentinnen, informieren über Probleme und aktuelle Ereignisse in den Stadteilen, die weitergetragen und in den Sendungen aufbereitet werden. Aktuell und exklusiv zu sein ist kein Privileg der so genannten großen Medien.“

Selber Themen zu setzen hat sich als verlässliche Strategie erwiesen, HörerInnen neugierig zu machen. Manchmal fährt Flavia dafür so wie heute zwei Stunden in die Provinz. Die hügelige Landschaft ist von Zuckerrohr wie von einem Teppich bedeckt, hie und da unterbrochen durch rostrote Feldwege. „Hier auf dem Land hat alles angefangen“, erzählt Flavia: „denn ursprünglich war das Anliegen des Programms vor allem, Zuckerrohrschneiderinnen hier im Bundesstaat Pernambuco über die Symptome von Gebärmutterkrebs aufzuklären – bis in die 1990er Jahre eine der häufigsten Todesursachen in der Region.“ Da beim Aufladen der Ernte die LKW-Fahrer immerzu einen beliebten Regionalsender laufen ließen, kamen feministische Gewerkschafterinnen auf die Idee, dort jede Woche eine halbe Stunde über die Krankheit und kostenfreie Vorsorgeuntersuchungen in Krankenhäusern zu informieren.

Der anfängliche Erfolg machte die McCarthy- und später die Ford-Stiftung auf die Frauengruppe aufmerksam, Mittel für eine tägliche Magazinsendung wurden bereitgestellt. Flavia war eine der ersten, die einen Sprecherinnenworkshop absolvierte.

Die Dächer der Stadt Palmares tauchen im Fenster auf. Flavia verfährt sich gleich an der ersten Brücke, denn die wurde erst nach den verheerenden Überschwemmungen im Juni 2010 gebaut. Über 50 Menschen starben damals, 83.000 wurden obdachlos. In Flussnähe hielten nur wenige Straßen und Gebäude dem Wasser stand. Doch obwohl viele davon einsturzgefährdet sind, kehrten zahlreiche frühere BewohnerInnen inzwischen in ihre Häuser zurück. „Aus Mangel an Alternativen“, sagt Eliana, eine andere Mitarbeiterin des Radios. „Deshalb haben wir gemeinsam mit den zwölf Frauengruppen aus der Region hier heute ein Forum für den Wiederaufbau organisiert. Die Stadtverwaltung hat ihre Teilnahme zugesagt und wir haben viele Bewohnerinnen mobilisiert. Es ist Zeit, Bilanz zu ziehen, Druck zu machen und davon im Radio zu berichten.“

„Unser Radio ist die effektivste Methode, den Frauen Gehör zu verschaffen“, erzählt Flavia. Damit meint sie nicht nur sich. Auch viele AnruferInnen schalten sich täglich live in die Sendungen ein. Heute hat es die Programmgestalterin Magal nur mit Musikwünschen zu tun, aber fast jede Woche erhalte sie auch Anrufe, die nicht über den Äther laufen. „Das Programm ist seit Jahren eine Art Beratungsstelle für Frauen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind und Hilfe brauchen“, sagt Magal während eines Musikblocks. „Wir vermitteln dann Kontakt mit den Frauengruppen, welche die Anruferinnen ins Krankenhaus oder auf die Polizeiwache begleiten.“ Ohne deren Präsenz würden Anzeigen sonst oft nicht aufgenommen, sagt die Moderatorin weiter, während sie den nächsten Jingle abspielt. „Ein endemisches Problem, denn Machismus und Unterwürfigkeit, materielle Not und fehlende Bildungsmöglichkeiten drohen dieses Phänomen stets aufs neue zu reproduzieren.“

Eben deshalb seien die Sendungen von Rádio Mulher so wichtig, kommentiert Flavia, die vor dem Telefon auf weitere Anrufe wartet. „Aber wenn wir Pech haben, ist Mitte des Jahres Schluss, denn unsere Geberorganisationen sind der Meinung, wir hätten inzwischen dauerhaft eine breite Öffentlichkeit sensibilisiert.“ Ohne Geld keine Sendungen, weder in Privatradios noch in nicht-kommerziellen Sendern. „Was die Medien angeht, so hat unser Kampf hier gerade erst angefangen“, findet Flavia deshalb. „Es fehlen Moderatorinnen, Geld für Workshops und ein Plan, kostenlose Sendezeit in den vielen Community Radios der Region zu erobern. Ansonsten wird es in nächster Zukunft schwer für uns. Wir haben uns unzähliger Probleme angenommen und dabei ein bisschen versäumt, uns um das Überleben von Rádio Mulher zu kümmern.“

Das Telefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung interviewt Eliane die Frauenbeauftragte von Palmares. Magal gibt wenig später die Frage einer Anruferin weiter, die wissen will, welche Rolle Frauen bei der Planung von neuem Wohnraum in Palmares spielen. „Es ist wichtig, dass die Bewohnerinnen aktiv an den Planungen beteiligt sind und nicht erst im Nachhinein ihre Meinung sagen“, ermutigt die Lokalpolitikerin. „Die alte und neue Infrastruktur auf gerechte Weise den Frauen zugänglich zu machen muss Priorität haben. Flavia und Magal nicken versonnen, rappeln sich dann schnell zu einem Schlusswort auf: „Ja, gerechte Zugänge überall. Wir bleiben dran. Bis morgen dann wieder bei Rádio Mulher.“

Der deutsche Journalist Nils Brock lebt in Mexiko und berichtet von dort aus über ganz Lateinamerika.

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