Seuchenherd Wall Street

Zwischen Marktfundamentalismus und Re-Regulierung pendeln die Reaktionen auf die gegenwärtige Finanzkrise. Doch die aktuellen Versuche des Krisenmanagements werden dem Grundübel keineswegs gerecht, meint Rainer Falk.

Der finanzielle Schaden, der mit der im letzten Sommer ausgebrochenen Immobilien- und Kreditkrise einher geht, übertrifft alles, was die Finanzwelt in den letzten beiden Jahrzehnten erlebt hat. Auf nahezu 1 Billion US-Dollar beziffert ihn der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem neuesten Bericht zur Finanzstabilität. Für den US-amerikanischen Starökonomen Nouriel Roubini markiert diese Zahl ein Mindestmaß und keineswegs eine Obergrenze.
Jedenfalls übertroffen werden die Verlustdimensionen, die mit der Japankrise in der ersten Hälfte der 1990er Jahre und der Asienkrise einhergingen. Größer als die Kapitalvernichtung im Gefolge des Zusammenbruchs des US-Hedgefonds LTCM 1998 oder des Platzens der Internetblase Anfang 2000 sind sie sowieso. Und dabei sind hier bloß die direkten Verlustabschreibungen der Banken und anderer Finanzinstitutionen eingerechnet - die indirekten Kosten für die Realwirtschaft sind noch gar nicht absehbar. Umso wichtiger wird die Frage nach den Ursachen.
Von der Asienkrise unterscheidet sich die aktuelle Krise u.a. dadurch, dass die Ursachenanalyse nicht zu irgendeinem crony capitalism (eine Art Kumpanei-Kapitalismus; Anm. d. Red.) in den aufstrebenden Ökonomien des Südens führt, sondern direkt in das Herz der Weltfinanzen, an die Wall Street, mit ihren komplexen, innovativen "Produkten" wie der Verbriefung von Schuldtiteln und Anlagewerten. Gemeinsam mit ihren Vorgängern hat sie das allgemeine Muster von steigenden Anlagepreisen, expandierender Kreditvergabe, zunehmender Spekulation bis zum Exzess und dann fallenden Preisen, Zahlungsinsolvenzen und schließlich ausbrechender Panik der "Anleger".

Dass die Krise im Immobiliensektor der USA ihren Ausgang nahm, ist kein Zufall. Lange und oft ist auf das bevorstehende Platzen der Immobilienblase hingewiesen worden. Das unmittelbare Übergreifen auf den Finanzsektor erklärt sich daraus, dass die Ansprüche der Banken auf die von ihnen ausgegebenen Hauskredite minderer Bonität ("Subprime-Kredite") umgehend weitergereicht wurden, und zwar in Form von Schulden- bzw. Anlagen-besicherter Papiere, den sog. ABS ("Asset Backed Securities") oder CDO ("Collateralized Debt Obligations"). Zum Alphabet der aktuellen Finanzkrise gehören jedoch auch die LBO ("Leveraged Buy-Out"). Diese sind eng mit der jüngsten Welle von Firmenübernahmen und -zusammenschlüssen verbunden, bei der in einem Ausmaß kreditfinanziert wurde, das bei weitem nicht mehr durch den Wert der übernommenen Firmen gedeckt war.
Alle diese Titel wurden und werden von den Banken verbrieft und international gehandelt, wodurch das Gläubigerrisiko internationalisiert wird, was seinerseits ein hohes internationales "Ansteckungspotenzial" erzeugt.

Verbunden mit der jüngsten Finanzkrise ist ein überdurchschnittlich hohes Niveau an Unsicherheit und Misstrauen der Marktteilnehmer untereinander und daher ein höheres Risiko einer Kettenreaktion. Der US-Ökonom Paul Krugman hat diese Mechanismen so beschrieben: "Die Finanzinstitution A kann ihre Immobilien-gedeckten Wertpapiere nicht verkaufen, so dass sie nicht genug Barmittel aufbringen kann, um ihre Verbindlichkeiten bei der Institution B zu bedienen. Die wiederum hat dann nicht mehr die Mittel, um die Institution C zu bezahlen. Und die, die Barmittel haben, sitzen auf ihnen, weil sie niemandem mehr zutrauen, einen Kredit zurückzahlen zu können, was die Situation noch mehr verschlimmert."
Das ist die Situation, die vor allem die Europäische Zentralbank, aber auch die US-amerikanische FED und die Bank of England veranlasst hat, weit mehr Liquidität in den Interbankenmarkt zu pumpen als bei allen anderen Krisen zuvor. Dabei ist längst klar, dass es sich um wesentlich mehr als um eine Liquiditätskrise handelt. Vielmehr verknüpfen sich mit den Liquiditätsproblemen Elemente einer Insolvenz- und Schuldenkrise, die nach tiefer greifenden Lösungsansätzen verlangen.

Zentral für die aktuelle Krise ist, dass ihr Entstehungspotenzial sich weitgehend außerhalb der durch staatliche Regulierungsmechanismen erfassten Bereiche der Finanzwirtschaft entwickelt hat. Wie George Soros schreibt, bestand das Grundübel darin, dass einem "Marktfundamentalismus" gehuldigt wurde, dessen zentraler Glaubenssatz die Fähigkeit der Märkte zur Selbstkorrektur ist. Insofern signalisiert die aktuelle Krise auch den Zusammenbruch dieses neoliberalen Glaubensgebäudes.
Die aktuellen Versuche des Krisenmanagements werden dieser Diagnose keineswegs gerecht. Sie konzentrieren sich auf den Versuch, in den Handel mit den "neuen Produkten" mehr Transparenz zu bringen, um zu ihrer besseren Bewertung, einschließlich eines besseren Risikomanagements, zu gelangen. Gefordert wäre jedoch eine direkte Regulierung der Märkte, und da Regulierungsmaßnahmen immer die Gefahr bergen, den "Innovationen" der Märkte hinterherzulaufen, auch direkte Interventionen und Verbote in besonders gefährlichen und risikoträchtigen Marktsegmenten.
Gefragt, ob derlei Interventionen nicht die Vorteile der finanziellen Globalisierung erheblich mindern könnten, antwortete der US-Ökonom Dank Rodrik von der Harvard-Universität mit frappierender Offenheit: Es sei sehr schwer, solche Vorteile zu entdecken, wenn man nicht zu indirekten oder spekulativen Argumenten Zuflucht nehme. Es sei höchste Zeit für ein neues Modell der finanziellen Globalisierung, das endlich anerkenne, dass mehr nicht notwendigerweise besser ist.

Rainer Falk ist Herausgeber des Informationsbriefs Weltwirtschaft & Entwicklung (www.weltwirtschaft-und-entwicklung.org).

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