SEXHANDEL

In der Falle des Sexhandels

Hinter den Türen scheinbar ganz gewöhnlicher Wohnungen, Häuser oder Hotels rund um die Welt existiert eine brutale Variante einer modernen Sklaverei. Warum ist das so? Und was kann dagegen getan werden? New Internationalist-Redakteurin Vanessa Baird sucht nach Antworten.

Sexhandel

Viele der jungen Frauen, von denen in hier die Rede ist, reagierten auf eine Zeitungsanzeige und bewarben sich um einen offensichtlich etwas zweifelhaften Job, weil sie einfach das Geld brauchten. Die Anzeige, auf die Louisiana reagierte, eine 26-jährige Litauerin, war im Vergleich dazu unverfänglich. Es ging um Tätigkeiten im Reinigungsgewerbe und im Cateringgeschäft in Großbritannien. Sie reiste gemeinsam mit einem Mann von der Jobvermittlungsagentur nach England. "Ich hatte meinen eigenen Reisepass. Aber als wir ankamen, nahm er mir den Pass weg und erklärte mir, ich müsste als Prostituierte arbeiten. Er sagte, ich schuldete ihm Geld für die Reise und ich müsste es ihm auf diese Weise zurückzahlen. Ich war schockiert. Ich hätte das niemals freiwillig getan. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich fühle mich nicht in der Lage, über das zu sprechen, was mir danach passierte, nicht einmal mit meiner Betreuerin."
Louisiana konnte letztlich entkommen und fand Zuflucht beim (staatlich finanzierten) Poppy Project, das Opfern von Frauenhandel Schutz bietet. Ihre heute 18-jährige Landsfrau Danielle war gerade erst 15, als sie in die Falle tappte. Ihrer Freundin war ein Sommerjob in London angeboten worden, und sie hatte sich entschieden, sie zu begleiten. "Am Flughafen trafen wir einige Männer, die einem anderen Mann, der mit mir zusammen reiste, 3.500 Pfund übergaben. Zu meinem Entsetzen begriff ich, dass ich verkauft worden war. Ich arbeitete mehrere Monate in einem Bordell, bis ich entkam. Die Kunden konnten sehen, dass ich verzweifelt war, aber keiner von ihnen bot mir an, mir zu helfen. Ich versuche nun, mein Leben wieder aufzubauen. Aber was die mit mir gemacht haben, das hat mich für immer verändert."1

Sklaverei ist nichts Neues. Aber seit Mitte der 1990er Jahre ist eine alarmierende Zunahme des Menschenhandels festzustellen. Da Menschenhandel illegal ist und im Verborgenen abläuft, sind entsprechende Statistiken seit jeher umstritten. Im Rahmen der Vereinten Nationen hat man sich jedoch darauf geeinigt, dass derzeit rund 2,4 Millionen Menschen als Opfer des Menschenhandels betrachtet werden können. Zwischen 40 und 80 Prozent davon - je nachdem, welcher UN-Agentur man folgt - wurden derart zwangsweise der weltweiten Sexindustrie zugeführt. 2,3
Wie der Menschenhandel abläuft, unterscheidet sich enorm, und ebenso das Ausmaß der Betrügerei und Ausbeutung. Manche Frauen und Mädchen haben keine Ahnung, worauf sie sich einlassen; andere erwarten, in der kommerziellen Sex- oder Unterhaltungsindustrie zu arbeiten, aber nicht unter sklavenähnlichen Bedingungen.

Zeugnisse von Mädchen und Frauen und der kleinen Minderheit von Jungen, die aus der Gewalt ihrer Ausbeuter entkommen konnten, sind herzzerreißend und lassen eine unbändige Wut hochkommen. Viele werden gefangen gehalten, immer wieder zusammengeschlagen und grausamst vergewaltigt. Andere werden zwar weniger körperlich misshandelt, aber seelisch gequält und leben in ständiger Angst, dass ihnen oder ihren Familien etwas angetan werden könnte.
Laut einem Bericht über die körperlichen und seelischen Auswirkungen des Sexhandels auf 200 Frauen und Jugendliche, die aus mehr als 20 Ländern nach Europa gebracht wurden, sind die Folgen mit denen einer Folterung zu vergleichen. 95 Prozent von ihnen wurden Opfer physischer Gewalt oder zu einer sexuellen Handlung gezwungen. Frauen beschrieben, wie sie während der Schwangerschaft getreten oder mit Zigaretten verbrannt wurden, wie man sie mit dem Kopf an Wände oder auf den Boden stieß, sie mit Prügeln verdrosch, mit dem Messer bedrohte, an den Haaren zog und ins Gesicht schlug.
Im Bericht, veröffentlicht von der London School of Hygiene and Tropical Medicine, heißt es: "Menschenhändler kontrollierten die Frauen, indem sie eine Atmosphäre der Unvorhersehbarkeit und Unsicherheit erzeugten, um die Frauen ständig unter Hochspannung zu halten." Eine Frau erzählte: "Sie sagten mir, sie würden mich in Stücke schneiden und so zurückschicken." 4 Die Opfer litten unter zahlreichen körperlichen Gesundheitsproblemen. Aber die seelischen Auswirkungen - Depression, Angstzustände, Feindseligkeit und posttraumatischer Stress - halten noch lange nach der Rettung und Betreuung an.

Das Hauptmotiv für derart ungeheuerliche Misshandlungen ist schlicht und einfach Geld. In diesem weltweiten Geschäft, das auf einen Umfang von zwölf Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt wird, können Sexhändler mit einer Frau, die sie in die reichen Länder bringen, im Schnitt 67.000 Dollar netto pro Jahr verdienen. 2 Der Handel verläuft, wie nicht anders zu erwarten, von den armen in die reichen Länder: von Lateinamerika in die USA und nach Westeuropa; von Osteuropa nach Westeuropa, den Mittleren Osten, nach Japan und Nordamerika; von Afrika nach Europa; von Nepal nach Indien; von Burma, Kambodscha und Vietnam nach Thailand, und von Thailand nach Japan und Australien - und so weiter.
Eine prominente Rolle spielen dabei früher kommunistisch regierte Länder. Der kapitalistische Umbruch war für manche eine Gelegenheit, sich ein Vermögen zusammenzuraffen, für andere bedeutete er Armut. Im Ausland zu arbeiten wurde immer mehr zu einer Überlebensfrage. Familien mit Angehörigen im Ausland, die Geld nach Hause schickten, konnten sich über Wasser halten. Die wirtschaftliche Globalisierung und der Sieg des Kapitalismus schufen zugleich den Bedarf nach Migration und die Möglichkeit dazu - legal oder illegal. In Albanien, heute eines der Zentren des Sexhandels, führte der Beitritt zur Welthandelsorganisation zu einem Verfall der Agrarpreise, was in einem von der Landwirtschaft geprägten Land nur wenig Alternativen übrig ließ.

Auch auf kultureller Ebene kam es zu Veränderungen. Katherine Avgerinos beschreibt aus Moskauer Sicht, wie der Übergang zum Kapitalismus von einer "Erotisierung" der russischen Gesellschaft begleitet wurde. Der Westen stand für Sex und Glamour. Die "neuen" Russen, die sich über Beziehungen und Korruption ein enormes Vermögen zusammenrafften, schufen die Stimmung und die Voraussetzungen für einen Boom des Sexgewerbes. Nach einer Erhebung in den 1990er Jahren stand Prostitution an achter Stelle der 20 häufigsten Berufe des Landes. In einer anderen Umfrage gaben 60 Prozent der Moskauer Schulmädchen an, zu überlegen, Sex gegen harte Währung zu verkaufen. 5
Nichts davon führt zwangsläufig zu der im Sexhandel notorischen Sklaverei. In Anbetracht der rund 9.000 kriminellen Organisationen, die in Russland operieren, versteht man jedoch eher, wie das Land zu einer bedeutenden Bezugsquelle und einem wichtigen Ziel des Frauen- und Mädchenhandels werden konnte.
Auch in anderen Regionen der Welt werden Frauen und Kinder als wertvolle sexuelle Handelswaren betrachtet. Extreme Armut ist zwar oft ein entscheidender Faktor, aber nicht immer. Im Norden Thailands etwa, berichtet die britische Wissenschaftlerin Louise Brown, drängen Familien ihre Töchter nicht aus Verzweiflung in das Sexgewerbe, sondern um sich Wünsche wie etwa nach einem Auto, einem neuen Haus oder dem modernsten Fernsehgerät erfüllen zu können. In einigen Teilen Asiens ist es sogar zu einem regelrechten Geschäftszweig geworden, Mädchen auf die Prostitution vorzubereiten. 6
Von Montreal bis Melbourne, von London bis Los Angeles kam es in der reichen Welt zu einer Explosion des Angebots sexueller Dienstleistungen, das großteils von Mädchen und Frauen aus dem Ausland bereitgestellt wird. Heute stammen drei Viertel der Menschen, die in der Sexindustrie der Niederlande, Italiens oder Großbritanniens arbeiten, aus dem Ausland. Früher galt es einmal als Ausdruck einer gewissen Verzweiflung, wenn sich Männer Sex kauften. In Großbritannien hat sich jedoch die Zahl der Männer, die bereitwillig zugeben, sich Sex zu kaufen, innerhalb des letzten Jahrzehnts auf einen unter zehn verdoppelt, wie eine Untersuchung ergab. Die meisten Kunden oder "Freier" sind mittleren Alters, verheiratet oder haben eine Partnerin. 7
Wenn Sven-Axel Mansson recht hat, handelt es sich dabei um eine Reaktion auf den Feminismus. "Viele europäische oder nordamerikanische Männer erleben die zunehmende Gleichberechtigung der Frauen als Verlust der männlichen Vormachtstellung. Manche reagieren heftig darauf, zeigen zutiefst rückschrittliche und antifeministische Einstellungen." 8
Es könnte aber auch sein, dass die Konsumkultur, die heute die Welt beherrscht, den Menschen mit Erfolg eintrichtern kann, dass sie ein bestimmtes Produkt oder eine bestimmte Dienstleistung wollen, verdienen und brauchen. Mit der Erweiterung des Angebots - immer mehr Frauen aus ärmeren Ländern gelangen in reiche Länder, ob freiwillig oder zwangsweise - ist auch der Preis für diese Leistungen gefallen.

Eine Reaktion, die in den letzten Jahren verstärkt zu beobachten war, ist der Ruf nach einem Durchgreifen gegen die Sexindustrie. Liberale Toleranz hat nicht gebracht, was man sich von ihr versprach. Sexarbeit wie jede andere Form der Beschäftigung zu behandeln und sie auch als solche zu regulieren, ein Ansatz, der in den Niederlanden, in Deutschland, Kanada und Teilen Australiens verfolgt wurde, hat die Verbindung der Branche mit der kriminellen Unterwelt nicht beseitigt. Im Oktober 2003 beschloss der Amsterdamer Stadtrat, die so genannte "Toleranzzone" für Straßenprostitution abzuschaffen. "Es schien unmöglich", so Bürgermeister Job Cohen, "eine sichere und kontrollierbare Zone für Frauen zu schaffen und dabei jede Ausbeutung und jeden Missbrauch durch das organisierte Verbrechen auszuschließen." 9
Früher wurden - im Rahmen einer Politik, die auf die Abschaffung der Prostitution abzielte - SexarbeiterInnen aufs Korn genommen und kriminalisiert. Die Prostitution existierte weiter. Heute wird mit dem selben Ziel auf eine andere Strategie gesetzt, inspiriert vom Beispiel Schwedens. 1998 wurde dort ein Gesetz verabschiedet, dass das Kaufen von Sex unter Strafe stellte, gestützt auf eine radikale feministische Position, wonach jede Prostitution Ausbeutung sei, ein geschlechtsspezifisches Verbrechen wie etwa eine Vergewaltigung. Ungarn hat ähnliche Gesetze eingeführt, um die Nachfrage einzudämmen, während im schottischen Glasgow nun Männer verfolgt werden, die im Auto den Straßenstrich abfahren. In den USA, Kanada und Großbritannien entstanden "Freierschulen" ("John Schools"), um Männer umzuerziehen, die auf dem Straßenstrich erwischt wurden.

Die Logik hinter diesem Ansatz ist einfach und attraktiv, hat aber einen Fehler: Gesetze gegen die Prostitution richten nichts gegen den Sexhandel aus. Wenn sich jemand dem Gesetz entziehen kann, dann sind es Sexhändler. Ob in den USA, in Japan, Pakistan, den Philippinen, China oder in den meisten Ländern des Mittleren Ostens, überall gibt es Gesetze gegen die Prostitution, und doch blüht überall dort auch der Sexhandel. Das schwedische Modell ist zwar allgemein beliebt, stößt jedoch auf Kritik von ExpertInnen: Das Risiko für SexarbeiterInnen sei nun höher, da das ganze Geschäft in den Untergrund gedrängt wurde. Mit der Kriminalisierung der Freier sinkt auch die Wahrscheinlichkeit gegen Null, dass Kunden über Gewalt- und Missbrauchsituationen berichten, die sie vorgefunden haben. Zweifellos aber ist das Modell ein Affront gegen die SexarbeiterInnen und ihre Organisationen, die zuvor einen mühevollen Kampf gegen ihre Stigmatisierung und für sicherere Arbeitsbedingungen geführt hatten. 10
Die Erscheinungsformen der Sexindustrie sind äußerst unterschiedlich und reichen von totaler Ausbeutung unter Zwangsarbeit bis zum anderen Extrem, den völlig unabhängigen SexarbeiterInnen. Für viele von ihnen ist die "Opfer"-Schublade stigmatisierend, schädlich und völlig unangemessen.
Noch mehr Schaden richtet die übliche Reaktion der meisten Regierungen der reichen Länder an, nämlich Menschenhandel als Erscheinungsform der illegalen Einwanderung zu betrachten und auf rasche Abschiebungen als Lösung zu setzen. Das hat dazu geführt, dass Opfer von Menschenhandel gerettet und beinahe postwendend in ihre Herkunftsländer abgeschoben werden - wo kriminelle Banden darauf warten, sie neuerlich zu verschleppen. Eine weitere Folge ist, dass gewalttätige, gefährliche Menschenhändler kaum mit höheren Strafen zu rechnen haben als mit einem Abschiebungsbescheid.

Das UN-Zusatzprotokoll gegen den Menschenhandel, das 2003 in Kraft trat, stellt einen Versuch einer internationalen Antwort dar. Aber auch dieses Protokoll widmet sich mehr der illegalen Einwanderung als den Menschenrechten der MigrantInnen.
"Alle MigrantInnen haben ein Recht auf Schutz", unterstreicht Richard Danziger, Leiter des Anti-Menschenhandelsprogramms der International Organization for Migration (IOM). "Wenn man ihre Rechte gewährleistet und ihnen ermöglicht, einen anständigen Lohn unter anständigen Arbeitsbedingungen zu verdienen, dann wird das Gastland von ihrer Produktivität profitieren, und ebenso auch ihr Herkunftsland. Und das wird auch die Macht der Menschenhändler untergraben." 11
Reichere Länder jedoch behandeln traumatisierte Menschen als Kriminelle, und die Anzeichen von Menschenhandel werden oft übersehen. Es gibt Ausnahmen. Italien hat mit seinen 200 Heimen das vielleicht weltweit beste Opferschutzprogramm. Innerhalb von vier Jahren etwa kam es zu 3.000 Anklagen gegen rund 8.000 mutmaßliche MenschenhändlerInnen.12
Eine weitere positive Entwicklung ist das Europäische Übereinkommen gegen den Menschenhandel, das eine "Erholungs- und Bedenkzeit" von mindestens 30 Tagen garantiert, innerhalb welcher Opfer von Menschenhandel Unterstützung erhalten können, einschließlich einer sicheren Unterkunft und Gesundheitsversorgung. Sie können auch befristete Aufenthaltsgenehmigungen erhalten, wenn eine Rückführung in ihr Herkunftsland sie in Gefahr bringen könnte, oder um ihnen eine Mitwirkung an der Strafverfolgung zu ermöglichen. AktivistInnen begrüßen diese Bestimmung, argumentieren aber, dass die Erholungs- und Bedenkzeit in Anbetracht der Traumatisierung 90 Tage betragen sollte und Aufenthaltsgenehmigungen nicht an die Bereitschaft der Opfer zu einer Zeugenaussage geknüpft sein dürften. Sie fordern auch eine angemessene finanzielle Unterstützung der Zufluchtsstätten für Frauen.

Menschenhandel ist die abscheulichste Manifestation der Globalisierung. Dass es keine Patentlösungen für die vielen hässlichen Wurzeln dieses Problems gibt, ist nicht überraschend: Armut, Gier, Ausbeutung und eine Frauenfeindlichkeit, die schrecklichste Formen der Gewalt gegen Frauen zur Norm erklärt; die offensichtliche, ungeheuerliche Gewalttätigkeit der Menschenhändler, aber auch die egozentrische Grausamkeit des Kunden, der sich um nichts kümmert; die Gewalt all der Männer, die bezahlten, um Sex mit der 15-jährigen Danielle zu haben, ihre verzweifelte Lage erkannten und doch nichts dagegen unternahmen.

Copyright New Internationalist

(1) Karen Robinson, Paris 2007
(2) International Labour Organization, A Global Alliance Against Forced Labour, 2005
(3) UN Office on Drugs and Crime, Trafficking in Persons, Global patterns, 2006
(4) Cathy Zimmerman et. al., Stolen Smiles: a summary report on the physical and psychological health consequences of women and adolescents trafficked in Europe, London School of Hygiene and Tropical Medicine, 2006
(5) Katherine Avgerinos, The Sensationalization and Normalization of Prostitution in Post-Soviet Russia, pinko.net, 2007
(6) Louise Brown, Sex Slaves, Virago, 2001
(7) Diane Taylor, The deadly force of zero tolerance, The Guardian, 18. Jänner 2006
(8) Julie Bindel und Liz Kelly, A Critical Examination of Responses to Prostitution in Four Countries: Victoria, Australia; Ireland; the Netherlands; and Sweden, London Metropolitan University, 2003
(9) Het Parool, Editorial, 2003
(10)Petra Östergren, Sexworkers' Critique of Swedish Prostitution Policy, 2004, www.libertarias.com
(11)Interview von Louisa Waugh.
(12)Amnesty International, Briefing - People Trafficking into the UK and the European Convention Against Trafficking, 2007

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