Sexismus, salonfähig

Die Hasstiraden eines Michel Houellebecqs sind erschreckend, doch noch vielmehr sind es seine Erfolge und die Anerkennung beim Publikum.

Von Lydia Matzka
Michel Houellebecq liest im Wiener Rabenhof aus seinem neuen Roman „Plattform“. Seine These: Die Menschen im Westen sind zwar materiell abgesichert, jedoch sexuell frustriert und „bis auf die Knochen unglücklich“. Auf der anderen Seite gäbe es „mehrere Milliarden Menschen“, die nichts besitzen und nichts verkaufen könnten außer „ihren Körper und ihre intakte Sexualität“. Die ideale Lösung für den Nord-Süd-Konflikt sozusagen. Dass minderjährige Mädchen in Bordellen arbeiten, findet der französische Skandalautor in Ordnung. Mehr noch: „Es ist ein guter Job.“
Die zwei Millionen Kinder, die (laut Unicef) weltweit zur Prostitution gezwungen werden, kann er damit wohl nicht ernsthaft meinen. Und was ist mit jenen, die an den Folgen der Misshandlungen sterben, oder jenen, die in Krankenhäuser mit schwersten Verletzungen an Vagina und Anus eingeliefert werden? So genau will es dann doch niemand wissen.
Die Armut und die sozialen Umstände, die Mädchen und Frauen zur Prostitution zwingen, stellt Houellebecq in Abrede und macht sich darüber lustig: „Im thailändischen Pattaya Beach sind die Prostituierten reicher als ihre Kunden.“ Das Publikum im Rabenhof lacht schrill auf, als aus dem Roman zitierend die Frage aufgeworfen wird, ob diese Frauen schlecht verdienen würden – ha!

Houellebecq erregte schon öfters die Gemüter ob seiner rassistischen und islamfeindlichen Aussagen. „Ich habe keine Wertschätzung für den Islam und ich wünsche mir, dass er verschwindet“, so Houellebecq. Islamische Frauen seien „dicke frustrierte Schlampen“, wird er in einem profil-Interview (Nr. 7/ 11. Februar 2002) zitiert.
„Jedesmal wenn ich erfuhr, dass ein palästinensischer Terrorist, ein palästinensisches Kind oder eine schwangere Palästinenserin im Gazastreifen erschossen worden war, durchzuckte mich ein Schauer der Begeisterung bei dem Gedanken, dass es einen Muslim weniger gab“, schreibt Houellebecq in „Plattform“.

Und trotzdem oder vielleicht sogar deswegen: Das Buch steht ganz oben auf den Bestsellerlisten. Manche KritikerInnen prügeln Houellebecq als Pornografen und Rassisten. Andere feiern ihn als literarische Sensation. Publicity in Hülle und Fülle. Im Rabenhof wurde er von AutogrammjägerInnen bestürmt. Der ORF berichtet in „Treffpunkt Kultur“ von der Lesung und streicht mit der Leichtigkeit einer Feder über das „enfant terrible“. Amüsiert und mit einem wohlwollenden Augenzwinkern nimmt man seine rassistischen und sexistischen Aussagen hin und nennt sie sanft „Provokationen“. Obwohl böse, erscheint er einem doch irgendwie sympathisch. Und kaum jemand schreit auf, wenn Sexismus und Rassismus salonfähig werden.

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