Shonibares Spiel mit dem Kolonialismus

Von Marvin Tare Landl ·
Afrikanische Muster und europäische Schnitte, typisch Shonibare
Afrikanische Muster und europäische Schnitte, typisch Shonibare © Museum der Moderne Salzburg /Rainer Iglar

Was die Kunst der Stoffmuster von Yinka Shonibare über Afrika und Europa aussagt, und was eine Salzburger Modeschöpferin damit zu tun hat.

Kann ein Produkt des Kolonialismus Kritik am selbigen ausüben? Ja, die Kunst von Yinka Shonibare zeigt das ganz klar. Das kann man auf seiner Website yinkashonibare.com nachvollziehen. Auch live war das möglich, bei seiner Ausstellung im Museum der Moderne in Salzburg im Sommer 2021.

Die in Shonibares Kunst gezeigten Stoffe und Muster, die man sofort mit Afrika in Verbindung bringt, schmücken Gegenstände und Abbildungen von Personen, die man ganz wo anders verorten würde: europäische Personen aus der Viktorianischen Ära (1837 bis 1901) oder abstrakte, „europäisch wirkende“ Figuren.

Shonibare spielt auch mit der Form des historischen Gemäldes, etwa indem er auf einem klassisch anmutenden Bild in der Mitte eine afrikanische Person auftauchen lässt.

Die kulturellen Verflechtungen zwischen Europa und Afrika spiegeln sich auch in Shonibares eigenem Weg: Der weltweit angesehene Künstler ist in London geboren, in Nigeria aufgewachsen und fürs Studium zurück nach England gekommen. Er erkrankte, saß fortan im Rollstuhl – und begann Kunst zu studieren.

Hybride Kunst, hybrider Künstler. Er selbst bezeichnet sich als „postkolonialen Hybrid”. Dass seine Kunstwerke für die meisten Menschen außergewöhnlich oder gar befremdlich wirken, regt zum Nachdenken über globale Strukturen und Beziehungen an: Welche Art von Kunst wird als Maßstab herangezogen? Wieso wird europäisch geprägte Kunst so oft anderen Formen vorgezogen?

Shonibares Werke tragen zur Aufklärung der kolonialen Vergangenheit bei, und das in einer humorvollen, teils provozierenden Art und Weise.

Es geht dabei auch um Würde. Beispiel Textilien: Die Herstellung der Stoffe, die so eine zentrale Rolle in Shonibares Arbeiten einnehmen, hat ihren Ursprung im Kolonialismus. Die sogenannte Dutch-Wax-Methode wurde von niederländischen Händler*innen nach Westafrika gebracht und dort zu einem Bestandteil der Kultur. Die meisten Stoffe werden dabei wiederum in Indonesien hergestellt und in den Niederlanden bedruckt. Doch von Westafrika aus gelangen sie in die ganze Welt.

Die Stoffe und der Handel mit ihnen sind ein wichtiger Bestandteil der Kultur Westafrikas, der viele ethnische Gruppen miteinander vernetzt.

Salzburgs Auftritt. In Salzburg arbeitete Shonibare mit einer Salzburger Modedesignerin zusammen: Erica Emefonmwan hat viele Stoffe für Shonibares Ausstellung im Museum der Moderne bereitgestellt. Die Salzburgerin verbindet mit den Mustern und Farben Erinnerungen an ihre Kindheit, die sie zum Teil in Nigeria verbracht hat. Sie fühle sich einfach wohl, wenn sie die Stoffe trägt, erklärt sie dem Südwind-Magazin.

Alle Muster haben laut Emefonmwan eine ganz eigene Bedeutung, je nach Herkunft und Kontext. Bei den Kulturen im Niger-Delta in Nigeria beispielsweise ziehen die Menschen aus dem engen Familienkreis für Beerdigungen Bekleidung mit einheitlichen Mustern und Stoffen an.

Dominant sind die Farben Gelb und Rot, die für den Adel stehen. Pferde symbolisieren in manchen Fällen Krieger.

Modedesignerin Emefonmwan will die Stoffe auch in Europa vertreiben und bot sie während Shonibares Ausstellung im Shop des Museums der Moderne an. „Wir waren uns am Anfang nicht sicher, ob die Leute meine Stoffe überhaupt kaufen werden, doch sie waren ein voller Erfolg – wir kamen nicht mehr nach mit den Nachbestellungen!”

Und das, obwohl sich viele weiße Leute sichtlich unsicher waren, ob sie die Stoffe ohne Bedenken tragen können, Stichwort kulturelle Aneignung oder „cultural appropriation“. Sie meinten, sie wollten keine Gefühle von afrikanischen Menschen verletzen, in dem sie ihre Kleidung tragen. Emefonmwan begegnet solchen Bedenken mit dem Hinweis, dass afrikanische Kleidung längst präsent sei auf dem internationalen Modemarkt. Und dass es doch ein gutes Zeichen sei, wenn afrikanische Mode immer gefragter werde und eine größere Rolle spiele.

Website von Yinka Shonibare: yinkashonibare.com
Website von Modedesignerin Erica Emefonmwan: www.pmbyerica.com

Marvin Tare Landl (25) ist Kulturjournalist und ehemaliger Zivildiener bei Südwind. Während des Zivildienstes lernte er seine Leidenschaft für Kunst und Kultur mit der des Schreibens zu verknüpfen. Da er selbst nigerianische Wurzeln hat, ist Kunst aus Afrika und afrikanischen Diasporas eines seiner Spezialgebiete. 

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