Sich entwickeln lernen

Was ist Entwicklung? Ist es der „American Way of Life“ für alle Menschen? Oder ist es Vielfalt und die Möglichkeit, selbst seinen Weg zu bestimmen? Oft erspart sich die Entwicklungszusammenarbeit die Klarstellung darüber, welche Art der Entwicklung sie anstrebt. Andreas Novy plädiert für eine selbstkritische Herangehensweise und die Neugier, nach alternativen Wegen der Entwicklung zu suchen.

Von Andreas Novy
Entwicklung ist ein Begriff aus dem Denken des 19. Jahrhunderts: Menschen, inspiriert von der Aufklärung, nehmen ihr Leben in die eigenen Hände. Sie nutzen ihren Verstand, um ihr Lebensumfeld zu gestalten. Sich entwickeln bedeutet, aus dem Leben etwas zu machen, neue Techniken einzusetzen und Lebensumstände zu verbessern. Entwickeln heißt, Möglichkeiten zu haben und zu nutzen. Die Technik und der Fortschritt der Wissenschaft scheinen Freiheit für alle bereit zu halten.
Doch Entwicklung und Aufklärung gehen in Europa von Anfang an mit der Durchsetzung des Kapitalismus Hand in Hand. Kapitalistische Entwicklung ist widersprüchlich. Sie entfaltet Produktivkräfte und schafft Reichtum; gleichzeitig geschieht menschlicher Fortschritt nur, wenn dies auch Gewinn bringt. Daher zivilisiert und missioniert Europa nicht nur, sondern holt Rohstoffe und schafft sich Absatzmärkte. Kapitalistische Entwicklung war und ist ein zivilisatorischer Auftrag, ein exzellentes Geschäft – und eine menschliche Tragödie. Fünf Millionen Menschen sind allein im Silberberg Potosí in Bolivien ums Leben gekommen. Kapitalistische Entwicklung schafft Reichtum und Armut gleichermaßen.
Im 20. Jahrhundert radikalisiert sich die Gleichsetzung von Entwicklung mit kapitalistischer Entwicklung. Den „American Way of Life“ anzustreben und die Freiheit der Unternehmen zu verwirklichen, wird zum einzig akzeptablen Entwicklungsziel. Die USA werden zum Vorbild, dem nachgeeifert wird. In den 1970er und 1980er Jahren wächst die Skepsis gegenüber dieser Art von Entwicklung als einem anzustrebenden Gesellschaftszustand. Ölschock und Tschernobyl wecken das Bewusstsein, dass die Lebensweise der Reichen nicht verallgemeinerbar ist. Autos, Kühlschränke und Fernreisen für alle – für alle ChinesInnen, InderInnen, AfrikanerInnen – das ist nicht möglich. Die verschwenderische Konsumgesellschaft ist ein Privileg für einen Teil des Globus, nicht aber der Endzustand von Entwicklung für alle. Es ist eine Sackgasse. Umdenken tut Not, ein anderes Handeln ist gefragt. In dieser Zeit entsteht das Konzept der nachhaltigen Entwicklung und beginnt die Suche nach alternativen Lebensweisen. Es werden Veränderungen angestrebt, die die Lebenschancen aller Menschen, auch der Armen und auch zukünftiger Generationen berücksichtigen.

Parallel zur Entwicklung im Schoße des Kapitalismus ist seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts die Entwicklungshilfe, heute Entwicklungszusammenarbeit (EZA) genannt, gewachsen. Doch die Ansätze alternativer Entwicklung finden nur bruchstückhaft Eingang in die EZA. Vielmehr unterliegt diese gegenwärtig überhaupt einem Vereinheitlichungsprozess, ob man sie nun im internationalen oder im kleinen österreichischen Kontext betrachtet. Ihre Maßnahmen werden immer weitergehender zwischen Staaten und Geberorganisationen, ja selbst mit Nichtregierungsorganisationen abgesprochen. Kohärenz heißt das Schlagwort. Daraus ergeben sich Chancen und Gefahren.
Die Chance besteht darin, in breiten Diskussionen einen ethischen Konsens über die Ziele der Weltentwicklung zu vereinbaren. Dies ist mit der Verpflichtung zur Armutsbekämpfung und der Erreichung der Millenium Development Goals (MDGs) gelungen. Wiewohl an der Umsetzung dieser Strategien viel zu kritisieren ist: die Orientierung auf die soziale Entwicklung der Benachteiligten ist zu begrüßen. Entwicklung ist die Möglichkeit, das eigene Leben zu gestalten. Dazu stellt der Zugang zu Geld, Gesundheit und Bildung einen wichtigen ersten Schritt dar.
Gleichzeitig geht die Vereinheitlichung der EZA einher mit einer Verengung der Entwicklungsperspektive und einem Verlust ihres kritischen Potenzials. Zunächst fast unbemerkt kehrte in den letzten Jahren der alte, kapitalistische Entwicklungsbegriff zurück: Mit Shopping Malls, Cineplex und Autobahn, PCs, Handy und CD setzen sich die verschwenderische Konsumgesellschaft und der Glaube an die schöpferische Kraft des Unternehmertums durch.

Der Preis für die Teilhabe am Konsum ist die Teilnahme am Wettbewerb. Alle wissen es: Im härter werdenden Wettbewerb geht es erneut um Geschäfte, um Öl, Rohstoffe und Absatzmärkte an der Peripherie der Weltwirtschaft – wenn nötig auch mit Gewalt. Alle wissen, dass ein zunehmend härterer Konkurrenzkampf um Einflusssphären und Märkte die Weltpolitik prägt.
Die EZA als Teil der Entwicklungspolitik – welche die gesamten Wirtschaftsbeziehungen zwischen der reichen und armen Welt einschließt – dient nun dazu, mit friedlichen Mitteln das einzig gültige Modell von Entwicklung bis in die hintersten Winkel der Welt zu exportieren. Die weltweite Vereinheitlichung der EZA geht ja von der Überlegenheit unseres Entwicklungsmodells aus. Auf diese Weise exportiert die EZA Werte, die zum Teil im eigenen Land gar nicht umgesetzt sind. Allein in den USA leben 37 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze. Amnesty International kritisiert Menschenrechtsverletzungen in Staaten, die ihre EZA an die Einhaltung von Menschenrechten koppeln. Die EU führt Schulungen in Demokratie durch und hat keine Idee, wie Demokratie in einem vereinten Europa zu organisieren ist.
Darüber hinaus führt kapitalistische Entwicklung auch bei uns zu Phänomenen, die wir als Dritte-Welt-Probleme kennen: Obdachlosigkeit, Kinderarbeit und Tagelöhnerei – und eine ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen. In Österreich besitzt das reichste Prozent der Bevölkerung so viel Vermögen wie die „unteren“ 90 Prozent. Ein Gesellschaftsmodell setzt sich durch, das mehr Freiheit für einige mit mehr Unsicherheit für fast alle verbindet. Wie werde ich im Alter leben? Wie werden meine Kinder ihr Leben meistern?

Auch in Österreich fehlt die offene und öffentliche Auseinandersetzung über Ziele von und Wege zur Entwicklung. Wie gestaltet sich die Beziehung zwischen sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Entwicklung? Sind die Reichen wirklich entwickelter oder bloß mächtiger? Viel ist schon erreicht, wenn Entwicklungszusammenarbeit ihren Namen Ernst nimmt und gemeinsam Entwicklungswege erforscht und ausprobiert, um Fehlentwicklungen in der eigenen und in fremden Gesellschaften zu beheben. Dann kann sie mithelfen, die Frage zu beantworten, wie der Reichtum bei uns mit Entwicklung für alle vereinbar ist. Entwicklung als Freiheit bedeutet Chancengleichheit im eigenen Land und weltweit.
Wir müssen unseren Lebensstil überdenken und Ressourcen im Land und weltweit anders verteilen. Dabei ist es illusorisch, sich Patentrezepte zu erwarten. Vielmehr gilt es, gemeinsam zu lernen. Wir brauchen eine andere Entwicklung, zum Beispiel ein Verkehrssystem, das nicht vom Öl abhängt, Investitionen – etwa in Bildung –, selbst wenn sie kurzfristig keinen Gewinn bringen, und eine Demokratie, an der sich die Menschen auch beteiligen.
Entwicklungszusammenarbeit ist mehr als der Export des eigenen Wirtschaftsmodells.
Zur Zusammenarbeit gehört auch, von der Peripherie zu lernen. So hat Venezuela gezeigt, wie Verfassungen mit dem Volk erarbeitet werden und vom Volk getragen sein können. Und auch das „Partizipative Budget“ in Porto Alegre lädt ein, mutige Modelle der Bürgerbeteiligung auch bei uns zu wagen. Entwicklung ist keine Einbahnstraße. Eine der Aufgaben der EZA besteht darin, das Bewusstsein zu schärfen, dass Veränderungen nicht nur an der Peripherie, sondern auch im Zentrum nötig sind. Bei uns und an der Peripherie geht es um die Fähigkeit, sich zu entwickeln und das Leben zu gestalten.

Andreas Novy ist Universitätsprofessor an der Wirtschaftsuniversität Wien und wissenschaftlicher Leiter des Paulo Freire Zentrums.

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