Sie so arm und wir so reich ...

Der Faktor Kultur und interkultureller Dialog nimmt in der Entwicklungszusammenarbeit einen zunehmend höheren Stellenwert ein. Kulturaustausch bedeutet gegenseitige Anerkennung, bringt Anregungen und Auseinandersetzung.

Von Werner Hörtner

SÜDWIND: Hat die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit für das Thema Kultur und Kulturaustausch eine programmatische Grundlage ?

Die fehlt bislang noch. Aber die Diskussion darüber hat begonnen. Es ist seit einiger Zeit eine anerkannte Tatsache, daß so etwas notwendig ist, und zwar sowohl für die stärkere soziokulturelle Sensibilisierung der Entwicklungszusammenarbeit insgesamt als auch für die Kooperation im kulturellen Bereich, gerade in den Schwerpunktländern, sowie auch für den Kulturaustausch.

 

Frage: Wenn ich mir das Thema Entwicklungszusammenarbeit und Kultur anschaue, so sehe ich dabei zwei eigentlich ganz verschiedene Bereiche: Einmal Maßnahmen im Bereich des Kulturerbes, wie etwa Restaurierungsarbeiten von Kulturdenkmälern - zum Beispiel des Patan-Palastes in Nepal - und zum zweiten den Bereich des Kulturaustausches als interkulturellen Dialog. Wird Kultur in der EZA als ein einheitliches Thema betrachtet oder auch so getrennt, wie ich es eben schilderte?

Es soll programmatische Leitlinien geben sowohl für den Kulturaustausch als auch für eine stärkere Berücksichtigung der Kultur überhaupt in der Zusammenarbeit. "Kultur und Entwicklung" ist ein Thema, das in den letzten Jahren immer stärker in den Vordergrund getreten ist und die Sichtweise von Entwicklung verändert hat - ich verweise nur auf die große UNESCO-Konferenz "The Power of Culture"im Vorjahr in Stockholm.

Auch in den Projekten der österreichischen EZA finden kulturelle Belange eine immer stärkere Berücksichtigung. Der Kulturaustausch Nord-Süd wird intensiviert, auch als wichtiger Teil der Öffentlichkeitsarbeit für EZA in Österreich.

Kultur ist ja kein gänzlich neues Thema in der österreichischen EZA. Die österreichischen NROs haben immer schon Wert auf die Berücksichtigung des gesellschaftlichen Kontextes der Projekte gelegt. Es gibt also einen breiten Fundus an Erfahrungen, der nun ausgewertet werden kann und in programmatischer Hinsicht reflektiert werden soll, gerade auch in Auseinandersetzung mit der internationalen Diskussion. Und auch in Hinsicht darauf, wie man mit einem gewissen Wildwuchs in diesem Bereich umgehen soll.

 

Frage: Gibt es ein eigenes Budget für diesen Bereich oder werden die Mittel dafür aus verschiedenen Töpfen zusammengeholt?

"Kultur und Entwicklung" wird als ein Thema der EZA behandelt und nicht als eigener Sektor. Das Thema Kultur und Kulturaustausch ist ja in der Entwicklungszusammenarbeit nicht unumstritten. Es gibt kritische Auffassungen, die fragen: Was hat denn das mit Armutsbekämpfung zu tun? Oder: Um den Kulturaustausch sollen sich andere Sektionen bzw. Förderer kümmern.

 

Frage: Von welchem Kulturbegriff gehen Sie denn aus? Die EZA gibt sich zum Beispiel ja nicht als Vermittler österreichischer Hochkultur, sondern schickt die Tschuschenkappelle und Roland Neuwirth & Co. nach Afrika ...

Ich halte mich da an die Definition der Weltkonferenz über Kulturpolitik (Mondiacult) von 1982, die sehr weit gefaßt ist. Kultur ist demnach die komplexe Gesamtheit der verschiedenen spirituellen, geistigen, emotionalen und materiellen Merkmale einer Gesellschaft oder sozialen Gruppe. Sie umfaßt nicht nur Lebensstile, sondern auch Werte und Überzeugungen, Traditionen und Wahlmöglichkeiten bzw. Rechte. Die künstlerischen Ausdrucksweisen sind Teil der Kultur und befinden sich gleichzeitig in einer besonderen Form der Auseinandersetzung mit ihr.

Mit dieser Perspektive geht es nicht mehr bloß darum, kulturelle Faktoren im Entwicklungsprozeß - quasi instrumentell - stärker zu berücksichtigen, sondern die Kultur als Quelle von Inspiration und Selbstbehauptung, als soziale Grundlage und letztlich als Zielorientierung von Entwicklung zu begreifen. Kultur ist dabei nichts Statisches, sondern befindet sich in einem mehr oder weniger dynamischen Prozeß, der wesentlich vom Austausch belebt wird.

Ein Kulturaustausch im weiteren Sinn findet ja in jeder Begegnung statt und in jeder Kooperation. Der künstlerische Austausch hingegen hat demgegenüber besondere Aufgaben; er stellt ein besonderes Medium der Reflexion und der Kommunikation mit künstlerischen Mitteln dar. Künstler - Musiker im besonderen - sind sehr gut geeignet , auf dieser Ebene zu kommunizieren und auf eine spezielle Art und Weise Inhalte zu vermitteln, als Sympathieträger zu wirken, aber auch als kritische Reflektoren.

Ob Roland Neuwirth auf den Kapverden oder Attwenger in Simbabwe - das war immer auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Frage, was wir denn eigentlich dort machen mit unserer Entwicklungszusammenarbeit. Kunst soll ja nicht eine behübschende Funktion haben, sondern eine reflektierende: eine Auseinandersetzung mit der soziokulturellen und politischen Realität eines Landes. Auf der Tournee von Roland Neuwirth auf den Kapverden haben wir z.B. ständig diskutiert: Was geht da vor sich? Warum ist das Land so arm in Bezug auf Ressourcen und Lebensbedingungen und andererseits so reich in Bezug auf kulturelle und künstlerische Ausdrucksformen und auch im Menschlichen. Das Lachen der Leute, wie es Roland Neuwirth so stark aufgefallen ist - und wo er befürchtet, daß durch den Tourismus, den wir ja mit der EZA ebenfalls fördern wollen, "den Leuten das Lachen vergehen wird".

 

Frage: Was kann denn dieser Kulturaustausch dort bewirken, etwa in den afrikanischen Ländern, wo bisher österreichische Musikgruppen auftraten?

Es gibt da eine ganze Reihe von Ergebnissen und Wirkungen. Einmal der gleichrangige, echt partnerschaftliche Austausch, die gegenseitige Anregung und Auseinandersetzung im künstlerischen Bereich. Es ist deutlich, daß hier einmal nicht einseitig ausgebeutet wird, wie es sonst im Nord-Süd-Verhältnis oft üblich ist. Eine andere Wirkung ist das Kennenlernen, die persönliche Erfahrung und Information über einen anderen Kulturkreis. So ein Besuch aus dem Ausland und ein Austausch hat auch eine sehr stark ermutigende Wirkung; er wird als respektvolles Angenommen- und Ernstgenommenwerden verstanden und läßt dadurch viel Sympathie füreinander entstehen. Im besten Fall entstehen daraus Beziehungen und Arbeitszusammenhänge, die dauerhaft sind ...

 

Frage: Gibt es dafür Beispiele?

Ja, etwa das Tonga-Projekt, wo in der Folge des unmittelbaren musikalischen Austauschs zwei CDs und eine Filmdokumentation entstanden sind, wo sich eine Reihe von weiteren Besuchen ergeben hat und wo nun einkommensschaffende Projekte zur Förderung des Kleingewerbes und Kunsthandwerks geplant werden, die in Zusammenhang mit einem angepaßten Tourismus stehen. (Vgl. auch SWM Nr. 10/97 und 5/98; Anm. d. Rd.) Eine andere Wirkung ist die bessere Sichtbarkeit der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit in der Öffentlichkeit vor Ort und in Österreich, d.h. es wird im Kontext dieser Begegnungen die EZA auf sympathische Weise wahrnehmbarer gemacht, als es in der technischen Zusammenarbeit sonst möglich ist.

 

Frage: Wenn man sich die bisherigen Projekte im Rahmen des Kulturaustausches ansieht, so fällt eine starke Konzentration auf Afrika und Musik, eventuell noch Bildende Kunst, auf. Welche Kriterien bestimmen die Auswahl solcher Projekte?

Das hängt bislang sehr stark mit persönlicher Erfahrung und Engagement, aber auch der geographischen Konzentration der österreichischen EZA auf Afrika zusammen. Für die Musik spricht, daß sie zweifellos das universalste und gleichzeitig populärste Medium der Verständigung ist, insbesonders, und das natürlich nicht nur in Afrika.

Kriterien einer systematischeren Auswahl gibt es noch nicht , daran wird gearbeitet. Ein Kriterium wird aber sicherlich ein deutlicher Bezug zur Entwicklungszusammenarbeit bzw. zu einem Schwerpunkt- oder Kooperationsland sein. Gerade auf der Ebene des Kulturaustauschs wird aber hoffentlich der engagierte persönliche Bezug, die Sympathie und Solidarität, weiterhin eine große Rolle spielen.

Peter Kuthan ist geboren und aufgewachsen in Vorarlberg. Studium der Soziologie in Linz und anschließend Spezialisierung auf Sozialarbeit und Sozialprojekte. Von 1989 bis 1992 Aufenthalt in Simbabwe, wo er als Journalist und lokaler Konsulent im Koop

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