Sieg ohne Aussöhnung

Von Redaktion · · 2012/02

Nach dem Kriegsende in Sri Lanka sind fast alle Flüchtlinge wieder in ihre Heimatregion zurückgekehrt. Der Wiederaufbau lässt die Wirtschaft boomen, doch der Weg zu einer wirklichen Versöhnung ist schwierig.

Klemens Ludwig (Text) und Monika Nutz (Fotos)

Ein Fahrrad kann ein Symbol für einen erfolgreichen Neuanfang sein; zumindest im Norden von Sri Lanka. Dort ging im Mai 2009 ein knapp 30jähriger Bürgerkrieg zu Ende. 300.000 Menschen waren damals Flüchtlinge im eigenen Land, entwurzelt, traumatisiert, perspektivlos. Mahalingam Pakkiyarasa, seine Frau und seine zwei Kinder gehörten dazu. Seit 1997 befanden sie sich immer wieder auf der Flucht, doch die letzten Jahre des Krieges waren die schlimmsten. Zerrieben zwischen der singhalesischen Armee und den Tamil Tigers, die sich an Brutalität und Rücksichtslosigkeit nicht nachstanden, spielte sich ihr Leben nur noch in Lagern und Bunkern ab.

Nach der vollständigen Niederlage der Tigers konnten Mahalingam Pakkiyarasa und seine Familie in ihr Dorf Vinganakulam zurückkehren. In gewisser Weise gehören sie zu den Privilegierten. Die Hilfsorganisation Sewa Lanka, ein Partner der Deutschen Welthungerhilfe, stellte ihnen ein Haus, eine Wasserpumpe sowie Saatgut zur Verfügung, der Start in ein neues Leben. „Der Markt ist nicht weit, und unsere Produkte sind sehr gefragt. Durch den Verkauf von Zwiebeln, Chili, Bohnen und Kohl verdienen wir gut“, zeigt sich der Familienvater zufrieden. Mit dem ersten Erlös kaufte er zwei Fahrräder, sein ganzer Stolz, denn damit wurde der Transport zum Markt erheblich erleichtert.

Überhaupt boomt der Norden. Die Regierung propagiert die Aussöhnung und pumpt viel Geld dorthin. Neue Straßen werden gebaut, alte erweitert, und neue Gebäude entstehen aus den Ruinen. Dazwischen künden große Schautafeln in Singhalesisch, Tamilisch und häufig auch Englisch von der nationalen Versöhnung und dem Ende der „Tigers“, die in den Augen der Regierung nie etwas anderes als eine terroristische Vereinigung waren.

Vordergründig hat die Regierung einiges erreicht. Nahezu alle Flüchtlinge sind inzwischen wieder angesiedelt. Mit Unterstützung ausländischer Hilfsorganisationen haben manche von ihnen sogar eine Perspektive wie nie zuvor in ihrem Leben, denn die Jüngeren haben niemals den Frieden gekannt. Noch etwa 5.000 befinden sich in Lagern im äußersten Nordosten, darunter 1.500 ehemalige Tiger-Kämpfer. Massiver internationaler Druck hat dazu beigetragen, dass die Regierung den Norden für Hilfswerke geöffnet und die rasche Wiederansiedlung der Vertriebenen ermöglicht hat.

National-religiöse Spannungen: Es dürfte kaum einen Konflikt geben, in dem die soziale, ethnische und religiöse Identität auf so fatale Weise ineinander greifen. Die überwiegend hinduistischen Tamilen machen etwa 18 Prozent der gut zwanzig Millionen EinwohnerInnen aus. Während der Kolonialzeit wurden sie von den Briten besonders gefördert, um ein Gegengewicht gegen die Mehrheit der buddhistischen Singhalesen zu schaffen. So stellten sie einen großen Teil der Verwaltung und waren überdurchschnittlich gut gebildet.

Die Singhalesen rächten sich nach der Unabhängigkeit und verdrängten die Tamilen aus vielen öffentlichen Positionen. Das führte zu deren Radikalisierung. Ausdruck davon war die Entstehung der Liberation Tigers of Tamil Eelam, zumeist Tamil Tigers genannt. Diese Bewegung wollte die Abspaltung von Sri Lanka und einen unabhängigen Staat mit Gewalt durchsetzen. Fast drei Jahrzehnte dominierten sie den Norden; Waffen besorgten sie sich über das Meer. Als es der Armee gelang, ihre Flotte zu zerstören, war das Ende der Tigers eingeläutet.

Die von der R­egierung propagierte Erfolgsgeschichte seit dem Ende der Kämpfe hat jedoch Brüche und Widersprüche. Auffällig ist die weit verbreitete Angst in den Gemeinden der Tamilen. Kaum jemand weint den Tigers nach. Deren Unversöhnlichkeit und Unwilligkeit, mit der Regierung ernsthaft über eine Autonomie-Lösung zu verhandeln, hat zu ihrem eigenen Untergang geführt und ihnen die Sympathien der Zivilbevölkerung geraubt. Dazu kamen Zwangsrekrutierungen unter Jugendlichen und Liquidierungen von Abweichlern.

Dennoch wird ihnen zugute gehalten, dass sie ungeachtet aller Brutalität die Träger der tamilischen Identität waren – und die sehen viele heute ernsthaft bedroht. Unter den Neubauten befinden sich buddhistische Tempel, obwohl der Buddhismus keinerlei Wurzeln im Norden hat. „Wir haben gewiss nichts gegen den Buddhismus, aber die Tempel, die hier gebaut werden, sollen den singhalesischen Soldaten mit ihren Familien bei uns eine neue Heimat geben. Das ist kein Beitrag zur Versöhnung“, beklagt ein alter Tamile, der lieber nicht genannt werden möchte.

Der Buddhismus gilt als besonders friedfertige und tolerante Religion. In Sri Lanka hat die Lehre Buddhas indes eine nationalistische Note bekommen. Mönche haben die Militäroperationen mit all ihren Grausamkeiten als „humanitäre Kampagne“ gepriesen, die verantwortlichen Offiziere gesegnet und die Regierung zur Unnachgiebigkeit angehalten.

Mangala, selbst ein Mönch, erläutert die Motivation seiner Glaubensbrüder. Der 29-jährige führt im Norden Trainingsprogramme für tamilische und singhalesische Jugendliche durch. Viele treffen dabei zum ersten Mal auf einen Angehörigen der anderen Gruppe – und sind überrascht, wie gleich sie sich sind. Dennoch räumt Mangala ein: „Als der Buddhismus nach Sri Lanka kam, wurden die Mönche zu Ratgebern des Königs. Damit fiel ihnen auch die Aufgabe zu, das Land zu beschützen. Mönche haben sich also von Beginn an in politische Angelegenheiten eingemischt. Daran hat sich bis heute nichts geändert. In gewissem Sinn kann man natürlich sagen, das widerspricht dem Buddhismus. Aber um ehrlich zu sein: Wenn es um unser Land geht, dann ist es ein singhalesischer Buddhismus, und der fühlt sich verpflichtet, das Land und seine Einheit zu verteidigen.“

Der Krieg, der dadurch angeheizt wurde, hatte auch zur Folge, dass fast ein Viertel aller Haushalte von Frauen geführt wird, weil die Männer tot oder geflohen sind. Dadurch fehlt buchstäblich der Beschützer, denn in einer traditionellen Gesellschaft gelten allein stehende Frauen, egal ob mit oder ohne Kinder, als Freiwild. Unter der Hand wird häufig von Übergriffen berichtet, an denen auch das Militär beteiligt sein soll. Doch niemand wagt es, offen darüber zu reden oder gar jemanden anzuklagen. Angst und Scham bilden eine Mauer des Schweigens.

Die Hauptstadt der Tigers war Kilinochi, im Herzen des Nordens direkt an der wichtigsten Straßenverbindung nach Jaffna. Kurz bevor die tamilischen Kämpfer im Jänner 2009 ihre Hauptstadt aufgeben mussten, sprengten sie den großen Wasserturm, um die Versorgung zu unterbinden. Dieser barbarische Akt wird heute von der Regierung für ihre Propaganda genutzt. Der umgestürzte Turm ist keineswegs entfernt, sondern wurde in eine nationale Gedenkstätte umgewandelt. Reisebüros aus dem Süden bringen in Bussen täglich zahlreiche Singhalesen hierher, die völlig gefahrlos, aber mit leisem Schaudern die Verbrechen der Tamilen nachspüren können. Nach dem Rundgang wartet nebenan noch ein kleiner Laden. Dort ist den Menschen aber offenbar mehr nach Kaltgetränken und Snacks zu Mute als nach weiteren Informationen über den Tiger-Terror.

Der zerstörte Wasserturm ist nicht das einzige Mahnmal seiner Art. Nicht weit entfernt davon erinnert ein monumentales Denkmal an den Sieg über die Tigers, und weiter nördlich, am Elefantenpass, dem immer schwer umkämpften Übergang zur Jaffna-Halbinsel, sind die Heldentaten der singhalesischen Soldaten überdimensional dokumentiert; etwa ein Leutnant, der sein Leben geopfert hat, um ein Selbstmordattentat eines Tiger-Kommandos zu verhindern.

All diese Ereignisse sind nicht erfunden, aber sie sind nur die halbe Wahrheit, denn gleichzeitig unterbindet die Regierung jede Auseinandersetzung mit den eigenen Gräueltaten.

Darauf angesprochen, lächeln die Tamilen verlegen und schweigen. Sie sind die Geschlagenen, und daran sollen sie jeden Tag erinnert werden. An ihren Reaktionen wird deutlich, wie sehr sie derartige Demonstrationen der Sieger als Demütigung empfinden, auch wenn die sozialen Errungenschaften durchaus anerkannt werden. Doch allein damit können ihre Herzen nicht gewonnen werden und nationale Aussöhnung findet nicht statt.

Zwar stellt die wichtigste Tamilen-Partei, die Tamil National Alliance, 14 von 244 Abgeordneten im nationalen Parlament, doch ihr Einfluss ist gering. Die Allianz lehnt die Unabhängigkeit ab und fordert eine echte Autonomie. Doch auch davon ist der Norden weit entfernt. Die Geschicke liegen – wie überall im Land – in der Hand eines Gouverneurs, der vom Präsidenten ernannt wurde, sowie des allgegenwärtigen Militärs.

Klemens Ludwig ist Autor und Journalist mit dem Schwerpunkt Asien. Langjähriger Mitarbeiter der Gesellschaft für bedrohte Völker. Jüngste Buch­veröffentlichung „Die Opferrolle. Der Islam und seine Inszenierung“ (Herbig Verlagsbuchhandlung, ­München 2011). www.klemensludwig.de
Monika Nutz, freie Grafikerin und Reisefotografin. In erster Linie eine Reisende, die ein Land und seine Menschen kennen lernen möchte – so ergeben sich die schönsten Motive für die Kamera. www.monikanutz.at

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