Sind wir noch zu retten?

Was kann der oder die Einzelne tun, um drohende Gefahren für Flüsse in der Nähe und der Ferne abzuwenden? Peter Bosshard beantwortet Fragen zum Engagement.

Peter Bosshard© internationalrivers.org

Die Gefährdung von Flüssen durch den Menschen ist vielfältig und gewichtig. Prognosen sind deprimierend. Ist ein Fluss einmal total ausgebeutet und ohne Leben, kann man trotzdem etwas für seine Rettung tun?

Flüsse zeigen große Widerstandsfähigkeit. In den USA, wo ich derzeit arbeite, konnten wir immer wieder feststellen, dass nach dem Rückbau von Staudämmen natürliche Flusslandschaften und Lachse innerhalb weniger Jahre zurückkehrten.

Multinational agierenden Konzernen wird bei Staudammprojekten eine sehr negative Rolle zugesprochen. Ist das gerechtfertigt?

Wir haben festgestellt, dass einzelne Banken und staatliche Exportkreditagenturen recht risikobewusst sind und sich nicht auf sehr fragwürdige Projekte einlassen. Multinationale Konzerne wie die Andritz AG ermöglichen Projekte, schieben allerdings in der Regel die Verantwortung dafür ganz auf die nationalen Regierungen ab.

Wie kann Widerstand von betroffenen Bevölkerungsgruppen bei der Rettung eines Flusses erfolgreich werden?

Millionen von Menschen sind für ihr wirtschaftliches Überleben und für ihre kulturelle Identität auf Flüsse, Wälder und andere Ökosysteme angewiesen. Es überrascht nicht, dass diese Menschen immer wieder Widerstand leisten, wenn ihre Lebenswelten, ihre Ressourcen bedroht sind. International Rivers arbeitet mit über hundert lokalen und nationalen Organisationen zusammen, die sich beispielweise für den Schutz des Amazonas, des Mekong, des Brahmaputra, des Ganges und des Sambesi einsetzen. In den letzten Jahren konnten solche NGO-Netzwerke erfolgreich zerstörerische Projekte in Chile, Peru und China verhindern.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

 Der Widerstand beginnt zumeist auf lokaler Ebene, mit Protesten und sogar Blockaden. Wenn lokale Gruppen mit nationalen und internationalen Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen zusammenarbeiten, können sie den Widerstand oft verstärken, zum Beispiel durch unabhängige Umweltgutachten, internationale Medienberichterstattung und Gerichtsprozesse.

In Sarawak/Malaysia blockieren indigene Gruppen seit mehr als 700 Tagen die Baustelle des Baram-Staudamms, welcher 400 Quadratkilometer Regenwald überfluten und 20.000 Menschen zur Umsiedlung zwingen würde. SAVE Rivers, der Bruno Manser Fonds und International Rivers haben die Besetzung unterstützt. Soeben hat uns die Nachricht erreicht, dass die Regierung von Sarawak ein Moratorium über das Projekt verhängen will.

Warum sollen sich Menschen, die nicht direkt an Flüssen leben, für ein solches Engagement angesprochen fühlen?

Es wäre arrogant zu glauben, dass wir langfristig ohne Flüsse überleben könnten. Der Schutz von Flüssen und anderen Ökosystemen ist im Eigeninteresse von uns allen. Gesunde Flüsse haben nicht zuletzt eine spirituelle Bedeutung. Sie haben Religionen gestiftet und waren Inspiration für großartige Romane, Filme oder Songs. Sollen unsere Kinder in einer Welt aufwachsen, in welcher es keine natürlichen Flüsse mehr gibt?

Was können der und die Einzelne tun oder ist ein Engagement für Flüsse nur in einer Gruppe erfolgreich?

Wir sind alle aufgerufen, als Eltern, Erziehende, Staatsbürgerinnen oder Konsumenten, unsere Verantwortung für gesunde Flüsse und andere Ökosysteme wahrzunehmen. Der sparsame und sorgsame Umgang mit Wasser und Energie ganz allgemein ist hier zu nennen. Und wir alle können unsere Stimme erheben, ob auf Gemeindeebene, in Leserbriefen oder im Internet. Wir können uns informieren, wie es etwa um Staudämme und entsprechende Pläne im eigenen Land bestellt ist.

Noch wirksamer ist es natürlich, wenn wir uns in zivilgesellschaftlichen Gruppen und Organisationen für unsere Ziele einsetzen – gegenüber den Behörden in unserem Tal, nationalen Regierungen oder sogar internationalen Organisationen wie der Weltbank.

Peter Bosshard ist Geschäftsführer der Kampagneorganisation International Rivers mit Sitz in Kalifornien.

Die Fragen stellte Brigitte Pilz.

Informationen und Möglichkeiten zur Kampagnenmitarbeit: www.internationalrivers.org und www.riverwatch.eu

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