Sittenlehre

Von Redaktion ·

Martín Kohan

Roman. Aus dem Spanischen von Peter Kultzen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 246 Seiten, EUR 19,90

Unter anderem zeichnet sich ein gutes Buch dadurch aus, dass die erzählte Geschichte land- und menschenübergreifend ihre Gültigkeit hat. Kohan erzählt von Argentinien 1982. Das Land ist in den Falklandkrieg verstrickt und von der Militärjunta beherrscht. Im Zentrum steht jedoch María Teresa, Aufseherin in einem Elitegymnasium in Buenos Aires. Sie ist jung, unerfahren, schüchtern und übereifrig, wenn es darum geht, ihren Job zu machen. In diesem Fall heißt das, die Jugendlichen auf das Genaueste zu kontrollieren. Den Haarschnitt, die Socken, die Haltung – und überhaupt Disziplin durchsetzen.

Der Ort ist beklemmend und ungemütlich. Ganz allgemein passiert nicht viel. Die Schule gewährleistet vor allem Normalität. María Teresa geht durch die Tage. Um Herrn Biasutto, ihren Chef, zu beeindrucken, erzählt sie ihm nicht nur von ihrem Verdacht, dass manche Schüler in der Schule rauchen, sondern tut auch alles, um herauszufinden, wer die Schuldigen sind. Dazu kommt sie auf die Idee, sich direkt auf der Männertoilette in einer der Kabinen zu verstecken, dem einzig möglichen Ort, um die Täter ausfindig machen zu können. Stunden-, ja tagelang verbringt sie in diesen kleinen verdreckten Kojen mit einem Loch im Boden anstatt einer Toilette. Es werden für sie die Stunden der Ruhe und des Glücks der absoluten Ereignislosigkeit. Eines Tages verändert sich jedoch durch Herrn Biasutto alles auf das Grundlegendste. Nun steht nicht mehr die Überwachung der Knaben im Vordergrund, jetzt beordert Herr Biasutto sie in die Männertoilette, um mit ihr Dinge zu tun, für die sie viel zu schüchtern und verschämt ist, um darüber mit jemandem sprechen zu können. Sie weiß auch, dass sie weinen wird, jedoch erst, wenn sie zu Hause ist.

Wie viele Mädchen auf dieser Welt gibt es, die sexuelle Misshandlung erleben? Das Bedrückende ist, dass jede von ihnen mit einer Sprachlosigkeit kämpft, die unüberwindbar scheint. Martín Kohan hat dafür Worte gefunden. Worte, bei denen einem während des Lesens kalt wird.

Christine Kohlmayr

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