SKLAVEREI HEUTE

Sklaverei ist kein Phänomen vergangener Zeiten. Sie ist höchst lebendig. Sie kommt in allen Gesellschaften vor. Betroffen sind heute Millionen von Menschen. Es sind die Verletzbarsten, die Schwächsten. Sklaverei blüht dennoch im Verborgenen. Sie öffentlich und stärker zum Thema zu machen wäre ein möglicher Schritt, ihr wirksam zu begegnen.

Von Brigitte Pilz

Sie ist wandelbarer als ein Chamäleon, das je nach Umwelt lediglich seine Farbe wechseln kann. Sie ändert Form und Ausprägung, passt sich an Gegebenheiten in verschiedenen Ländern und Kontinenten an. Was trotzdem immer gleich bleibt: tiefste Menschenverachtung, Menschenrechtsverletzung höchsten Ausmaßes (vergleichbar nur mit Folter und Todesstrafe), Ausbeutung, Unterwerfung und das Einstreifen sagenhafter Gewinne. Die Rede ist von Sklaverei, Sklaverei heute, neuer Sklaverei. Es gibt sie auf allen Kontinenten – auch in sogenannten zivilisierten Demokratien, auch im reichen Nordamerika und Europa. Sklaverei ist kein historisches Relikt, das nur da und dort aufflammt in „ewig gestrigen“ Gesellschaften. Sklaverei ist trotz offiziellen Verbots in allen Staaten dieser Erde nie verschwunden. Da das Geschäft mit der Versklavung also illegal ist, kennt man die Zahl von SklavInnen nicht: Es sind zwischen 27 und 200 Millionen, so weit klaffen die Schätzungen auseinander. Eine Minderheit wird als Sklave oder Sklavin geboren, die meisten werden zu SklavInnen gemacht – auf höchst unterschiedliche Weise.

In Thailand fristen cirka 35.000 Mädchen als Sexsklavinnen (fünf Prozent der Prostituierten des Landes) ihr Leben. Es sind nur wenige Jahre, bis sie etwa an HIV/Aids erkranken oder sonst arbeitsunfähig werden. Dann „entledigt“ man sich ihrer. Häufig kehren sie zum Sterben in ihr abgeschiedenes Dorf zurück, dorthin, wo die Eltern sie an einen Vermittler oder eine Vermittlerin verkauft haben, weil sie wirklich am Hungertuch nagten oder den Verlockungen der Konsumwelt nicht widerstehen konnten. Unwissenheit, mangelnde Bildung und das sich Fügen in sein „Karma“, auch der Gehorsam gegenüber den Eltern machen Mädchen gefügig. Sie werden um etwa 1.700 Euro verkauft, was mit enormen Reisespesen, Kosten für künftige Unterkunft und Verpflegung als Schuld gegenüber ihren Zuhältern ausgewiesen wird, eine Schuld, die höchst selten abgetragen werden kann. Diese Mädchen kommen mit ausländischen Sex-Touristen nicht in Kontakt. Sie arbeiten in Bordellen der untersten Kategorie. Ihr Widerstand wird sofort und unmissverständlich mit Gewalt gebrochen, mit Schlägen, Vergewaltigungen und Erniedrigung. Schuldknechtschaft wird diese Form der Sklaverei genannt.
Der amerikanische Sozialforscher Kevin Bales hat umfangreiche Feldstudien zur Sklaverei durchgeführt. Er beziffert den monatlichen Gewinn eines Bordells, das mit 20 versklavten Prostituierten arbeitet, mit 88.000 US-Dollar. Ein Mädchen bringt 800 Prozent Gewinn jährlich. Sklaverei ist ein lukratives Geschäft.
Manche Mädchen haben Glück. Sie werden von AktivistInnen einer NGO, etwa dem Center for the Protection of Children’s Rights, aus dem Bordell befreit und in einem Rehabilitationszentrum medizinisch und psychologisch betreut. Die soziale Gleichgültigkeit gegenüber dem Problem der Sexsklaverei in der thailändischen Gesellschaft aufzubrechen, scheint hingegen aussichtslos.
Bales schätzt, dass weltweit 20 Millionen Menschen von Schuldknechtschaft betroffen sind. (Von ihm stammt auch die Schätzung von 27 Millionen SklavInnen insgesamt.) Noch weiter verbreitet als in Thailand ist sie in Indien und Pakistan. Menschen haften für geringe Kredite mit ihrer Person, weil sie keine anderen Sicherstellungen anbieten können (siehe Artikel Seite 40). Im Laufe der Jahre wird die Schuld größer statt geringer. Sie ist in einem Menschleben nicht zurückzuzahlen. Deshalb geht sie auf die Nachkommen über. Diese werden dann faktisch in Sklaverei geboren.

Vertragssklaverei hat ähnlich verheerende Folgen für die Betroffenen. Immerhin wird sie nicht vererbt. In Brasilien steht bis heute eine kleine Elite immens reicher Menschen, viele mit ausgedehnten Ländereien, einem Heer von Armen ohne Arbeit und Grundbesitz gegenüber. Insbesondere im Nordosten des Landes sind diese sozialen Verhältnisse Ausgangslage von sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen. Geschuftet wird in riesigen Plantagen für den Export von Soja, Holz, Rindfleisch. In den abgelegenen Weiten des Amazonasgebietes wird gerodet und Holzkohle produziert, die wiederum in der Stahlproduktion Verwendung findet.
Sogenannte Gatos (Katzen) werben in armen Siedlungsgebieten in der Mehrzahl Männer an. Ihnen wird guter Lohn und Versorgung versprochen. Tausende Kilometer vom Heimatort entfernt stellt sich dann heraus, dass alles nur das Vorspiegeln falscher Tatsachen war. Die Realität: unmenschliche Schufterei ohne Freizeit, Unterbringung in schäbigen Verschlägen, kein sauberes Trinkwasser, schlechtes Essen, keine medizinische Versorgung. Auch hier werden Transportkosten, Verpflegung etc. hoch in Rechnung gestellt. Auch diese ArbeiterInnen entrinnen nur vereinzelt der Schuldenfalle. Die Entfernungen, der Regenwald und vor allem Gewalt machen eine Flucht nahezu unmöglich. Bewaffnete Wächter ersticken jedes Aufbegehren im Keim. Geschätzte 40.000 Personen sind in Brasilien in solchen sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen gefangen.
Ungemein mutig setzen sich AktivistInnen etwa der CPT (Commissão Pastoral da Terra) oder des MST (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra) für (entflohene) SklavInnen und für ein Ende der Sklaverei ein. MenschenrechtlerInnen, Priester und Nonnen, GewerkschaftsführerInnen und viele mehr setzen ihr Leben aufs Spiel. Sie haben das Gesetz auf ihrer Seite. Trotzdem wurden viele ermordet, die Sklavenhalter kämpfen schonungslos um ihren wirtschaftlichen Vorteil.

Warum müssen wir diese Missstände Sklaverei nennen, heißt es immer wieder. Sklaverei sei genau definiert. Sie beziehe sich auf historische Vorgänge in der Antike und zu Zeiten des Kolonialismus und auf den transatlantischen Sklavenhandel. Immanent sei ihr doch der legale Besitz von Menschen durch andere Menschen. Es stimmt. Legal ist Sklaverei heute nirgends. Sowohl internationale Vereinbarungen als auch Landesgesetzgebungen verbieten sie.
Es ist auch richtig, dass Sklaverei häufig als Metapher verwendet wird. Viele ausbeuterische Beziehungen und Gegebenheiten werden als Sklaverei bezeichnet. Für einen Hungerlohn zu schuften, ein kleiner Landpächter zu sein, dem von den Erträgen kaum etwas bleibt, als Kind den ganzen Tag arbeiten zu müssen – all dies sind ungerechte Verhältnisse, doch sie sind nicht Sklaverei. Sklaverei zeigt sich in der vollkommenen Beherrschung einer Person durch eine andere und im Entzug jeglicher persönlicher Freiheit zum Zwecke wirtschaftlicher oder sexueller Ausbeutung. Dies gelingt vor allem durch die Androhung oder Ausübung von Gewalt. Es geht also um die umfassende Verfügungsmacht einer Person über eine andere. Die Grenzen auch hin zur Zwangsarbeit sind fließend.
Leibeigenschaft ist selten geworden, sie kommt der alten Sklaverei nahe, weil Menschen als „Besitz“ des Sklavenhalters angesehen werden. Leibeigenschaft besteht da und dort im arabischen Raum weiter und in einigen Ländern Nord- und Westafrikas, allen voran in Mauretanien. Zwar wurde auch dort 1980 die Sklaverei per Gesetz abgeschafft. „Möglicherweise ein Drittel der Bevölkerung wurde mit einem Schlag zu ‚ehemaligen Sklaven‘ erklärt“, sagt Kevin Bales. Geändert hat sich das Leben der meisten von ihnen in keiner Weise. Sie schuften wie vorher für ihre Herren, die so genannten arabischen Mauren. Sklaverei ist in der mauretanischen Gesellschaft weiterhin fest verwurzelt. Engagierte AktivistInnen haben es in diesem Polizeistaat besonders schwer. Zudem ist fast die gesamte Oberschicht in das Problem der Sklaverei verstrickt.
Und in Europa? Und in den USA? Sklaverei ist in modernen Industriestaaten seltener, doch sie kommt vor. Frauenhandel aus Osteuropa wird höchst professionell betrieben. Schätzungen zufolge werden in der EU jedes Jahr 200.000 Zwangsprostituierte durch MenschenhändlerInnen an Zuhälter verkauft. Wohlgemerkt, das ist nicht die Zahl der Prostituierten aus Osteuropa insgesamt. In Paris, London und anderen Großstädten werden immer wieder Fälle von HaussklavInnen aufgedeckt, zum Teil von ihren HerrInnen „importiert“. Auch Zwangsheirat etwa von türkischen Mädchen wird als Sklaverei gewertet, weil Eltern und später der Ehemann totale Kontrolle und Verfügungsmacht ausüben. Und einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch zufolge arbeiten Kinder aus Einwandererfamilien auf US-Großfarmen und werden dort ausgebeutet.

Neue Sklaverei hat viele Gesichter. Doch Länder, in denen sie massenhaft auftritt, haben Gemeinsamkeiten. Sie verzeichnen einen hohen Anteil an extrem armer Bevölkerung. Das Reservoir potenzieller SklavInnen ist groß. Sie sind billig zu haben, sie zu besitzen wird gar nicht gewünscht, braucht man sie nicht mehr, entledigt man sich ihrer wieder. In der historischen Sklaverei waren SklavInnen in vielen Regionen wertvoller Besitz. Heute wird dieser durch Kontrolle ersetzt. Sklaverei ist flexibel geworden. Hohes Bevölkerungswachstum allein ist keine hinreichende Erklärung dafür, dass es Sklaverei gibt. Viele Länder, in denen Sklaverei gehäuft auftritt, haben im letzten Jahrhundert nicht zuletzt infolge der Globalisierung der Wirtschaft und der Modernisierung der Landwirtschaft gewaltige Umwälzungen erlebt. Die Vorteile kommen nur wenigen zugute. Es sind schwache Staatsgebilde, in denen Korruption im Verwaltungs- und Polizeiapparat gang und gäbe ist. Sklaverei blüht besonders in Gesellschaften, deren Strukturen ganz allgemein Armut, Bildungsmangel und Ungerechtigkeit für einen großen Teil der Bevölkerung perpetuieren oder gar vergrößern. Langfristige Erfolge werden – wie Entwicklung ganz allgemein – nur aus den betroffenen Gesellschaften heraus möglich sein.

Was bleibt zu tun? Sklaverei geht uns auch im reichen Norden direkt etwas an. Über unseren Konsum sind auch wir verstrickt, wie wir ganz allgemein mit ungerechten (wirtschaftlichen) Beziehungen zwischen Nord und Süd unseren Beitrag an Not und Elend leisten. Es gibt gute Beispiele erfolgreicher Aktionen engagierter KonsumentInnen, etwa beim Kampf gegen Kinderarbeit in der Teppichindustrie. Vielleicht wird man beim Einkauf in Zukunft fragen: „Können Sie beweisen, dass dieses Produkt nicht mit Sklavenarbeit hergestellt wurde?“
Die Anti-Sklaverei-Gruppen einzelner Länder brauchen mehr internationale Publizität und Vernetzung. Eine umfassende internationale Anti-Sklaverei-Bewegung, wie es etwa die Anti-Apartheid-Bewegung war, ist nicht auszumachen. Sklaverei wird von der internationalen Öffentlichkeit nicht ihrem Ausmaß entsprechend wahrgenommen und bekämpft.


Lesetipp: Kevin Bales: „Die neue Sklaverei“,
Verlag Antje Kunstmann, München 2001, 381 Seiten, EUR 22,70.

Brigitte Pilz ist freie Journalistin mit dem Schwerpunkt Entwicklungspolitik und Herausgebervertreterin des Südwind-Magazins.

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