Smart gegen Souveränität

Warum Ernährungssicherheit allein zu wenig ist, erklärt Nils McCune.

Alt, aber gut: Traditionelle Landwirtschaft als Technologie gegen Hunger und Umweltzerstörung.© BAIF Foundation / CC BY 2.0

Traditionelle Landwirtschaftssysteme haben historisch eine bemerkenswerte Fähigkeit demonstriert, ländliche Gemeinschaften, Städte und Ökosysteme zu erhalten. Das in diesen Systemen akkumulierte Wissen war in der Zeit der „Grünen Revolution“ nach dem Zweiten Weltkrieg bedroht und ging oft verloren.

Mit dem wachsenden Umweltbewusstsein und der sinkenden Rentabilität der Landwirtschaft werden so genannte „grüne Lösungen“ ins Gespräch gebracht, die einen Teil der Umweltargumente berücksichtigen und in die kapitalistische Landwirtschaft integrieren. Eine Allianz von Stiftungen, internationalen NGOs und Agrounternehmen propagiert das Konzept einer „Climate Smart Agriculture“, das einen Mix aus vor Ort verfügbaren nachhaltigen Techniken mit „verbessertem“ Saatgut und Agrochemikalien vorsieht. Dabei handelt es sich im Kern um eine aktualisierte Version der klassischen „Technikpakete“, die den Bäuerinnen und Bauern seit Beginn der Grünen Revolution verkauft wurden. Agrounternehmen gehen mittlerweile so weit, sich als Lösung für die von ihnen selbst verursachten Probleme zu betrachten; sogar Monsanto bezeichnet sich stolz als „nachhaltiges Landwirtschaftsunternehmen“.

Im vorherrschenden Konzept der „Ernährungssicherheit“, verstanden als garantierter Zugang zu angemessener, sicherer, nahrhafter und kulturell akzeptabler Ernährung, spielt es keine Rolle, woher diese Nahrungsmittel kommen oder wie sie erzeugt werden.

1996 prägte La Vía Campesina, ein internationales Bündnis ländlicher sozialer Bewegungen, den Begriff der Ernährungssouveränität, worunter mittlerweile das Recht der Völker und Nationen verstanden wird, das eigene Ernährungssystem festzulegen und unter Anwendung eigener Techniken aufzubauen. Ernährungssouveränität verträgt sich nicht mit industrieller Landwirtschaft. Sie besteht auf politischen – und nicht bloß technischen – Lösungen im Kampf gegen den Hunger und die Zerstörung der Umwelt. Hinter La Vía Campesina stehen rund 200 Millionen Familien, organisiert in mehreren hundert ländlichen sozialen Bewegungen aus 79 Ländern, die sich für eine Ablöse der industriellen Landwirtschaft durch das Paradigma der Agrarökologie einsetzen. Agrarökologie stützt sich auf das komplexe, ortsspezifische Wissen ländlicher Bevölkerungen über den nachhaltigen Anbau von Nahrungsmitteln und die Sorge um Mutter Erde. Während ein großer Teil der „biologischen“ Landwirtschaft im Norden die monokulturellen Strukturen bloß unter Einsatz anderer Inputs beibehalten kann, beruht Agrarökologie auf ökologischen Grundsätzen, darunter der Kreislauf der Nährstoffe, Energieeffizienz und biologische Vielfalt, die je nach lokalen Bedingungen unterschiedlich angewendet werden.

Es müssen Technologien gefunden werden, die nicht die westliche, konsumorientierte Lebensweise nachahmen oder verfestigen, sondern das Leben der Menschen bereichern, ohne ihr kulturelles Erbe auszulöschen.

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Nils McCune ist Mitglied des technischen Teams von La Vía Campesina für das im Aufbau befindliche Instituto Agroecológico Latinoamericano in Nicaragua (IALA Mesoamérica), einer bäuerlichen Universität mit Schwesterorganisationen in Paraguay, Venezuela, Brasilien und Chile.

www.viacampesina.org

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