„So ein Leben kann nicht lange durchgehalten werden“

Anu Muhammad ist Ökonom, Universitätsprofessor, politischer Aktivist und Buchautor. Wegen seiner kritischen Ansätze erhielt er Todesdrohungen. Südwind-Mitarbeiterin Christina Schröder traf ihn in Dhaka.

Anu Muhammad im Gespräch über die prekären Bedingungen in Bangladeschs Textilindustrie.

Südwind-Magazin: Trotz der Vorfälle in Tazreen und Rana Plaza sind die Bekleidungsexporte Bangladeschs in den letzten zwölf Monaten um 17,5 % gestiegen. Was denken Sie, wenn Sie das hören?

Anu Muhammad: Bekleidungsunternehmen aus Europa und den USA machen hier die besten Geschäfte, davon werden sie sich nicht abbringen lassen. Klar, einige Unternehmen haben zugesagt, den Fabrikbesitzern Kredite zu geben, um die Fabriken sicherer zu machen. Aber niemand weiß, wann und wieviel Geld kommt und ob es wirklich den Arbeiterinnen und Arbeitern zugute kommt. Ich zweifle an der Wirksamkeit dieser Initiativen, solange es keinen allumfassenden Plan gibt. Die Regierung müsste die Sicherheitsüberprüfungen für Fabriken neu organisieren, die Effizienz der Feuerwehr steigern etc. Das wurde allerdings noch gar nicht angegangen.

Es ist nach wie vor nötig, Druck auf die internationalen Unternehmen auszuüben, um dem unheimlichen Preis- und Konkurrenzdruck Einhalt zu gebieten.

Wenn ich in Österreich ein T-Shirt „Made in Bangladesch“ kaufe – Wer verdient daran wieviel?

Ein T-Shirt, das in Bangladesch direkt von der Fabrik weg verkauft wird, ist etwa zwei bis drei Euro wert. Das gleiche Shirt wird dann in Europa oder den USA um ca. elf Euro verkauft. Maximal 1,5 Euro kostet die Herstellung des Shirts, da sind die Lohnkosten schon inkludiert. Sie machen nur zehn Prozent der Herstellungskosten aus. Die Arbeiterinnen und Arbeiter bekommen also nur 1 bis 1,5 Cent, ein bis zwei Prozent vom Verkaufspreis, während die Unternehmen 60 bis 70 Prozent einstreifen.

Wie liegt der Mindestlohn in der Textilindustrie in Bangladesch im internationalen Vergleich?

Der Mindestlohn hier von derzeit etwa 30 Euro im Monat ist der niedrigste weltweit: Das ist ein Drittel der Mindestlöhne, die in Indien gezahlt werden, rund die Hälfte jener von Kambodscha oder Vietnam und ein Zehntel von dem, was in China bezahlt wird. Selbst wenn der Mindestlohn hier verdoppelt wird, wäre das Lohnniveau immer noch niedriger als in Indien oder China. Diese Länder sind derzeit Bangladeschs stärkste Konkurrenten im Wettrennen um die Aufträge.

Wie können die Arbeiterinnen und Arbeiter von dem Mindestlohn überhaupt leben?

In Armut, denn der Mindestlohn liegt unter der Armutsgrenze. Diese wird für eine vierköpfige Familie bei ca. 180 Euro angesetzt. Das ist etwa das Sechsfache des Mindestlohns einer Person. Um existenzsichernd zu sein, müsste das Familieneinkommen bei mindestens 200 Euro liegen. So würde den Menschen ermöglicht, auch noch ein kleines Guthaben für Notfälle zu erwirtschaften. Der Großteil der Beschäftigten in der Textilindustrie sind junge Frauen zwischen 16 und 26 Jahren, die mit ihrem Lohn die ganze Familie ernähren. Sie sparen bei sich selbst, an ihrer Ernährung, teilen sich Zimmer zu fünft oder zu zehnt, nur um am Ende des Monats noch Geld für die Familie übrig zu haben, die am Land lebt. So ein Leben kann nicht lange durchgehalten werden. Viele werden krank und sind gezwungen, zurück aufs Land zu gehen. Das bedeutet enormes Leid, wird allerdings kaum bemerkt oder öffentlich thematisiert.

Bieten Gewerkschaften Schutz?

Nur ein bis zwei Prozent der Arbeiterschaft sind gewerkschaftlich organisiert. In Bangladesch sind viele Gewerkschaften nur kosmetische Maßnahmen oder eine Art Show Business. Sie vertreten nicht die Interessen der Arbeiterinnen und Arbeiter. Es gibt rechtliche Einschränkungen und Hürden für die Bildung von Gewerkschaften und darüber hinaus eine Reihe von Einschüchterungsmaßnahmen, wenn eine Organisierung versucht wird. Zu diesem Zweck existiert eine eigene Berufsgruppe, die für die Fabrikbesitzer arbeitet. Die beobachten alles, was in und um die Fabriken vor sich geht und berichten das dann den Fabrikbesitzern. Die wiederum sind in einem mächtigen Verband organisiert, der Bangladesh Garment Manufacturers and Exporters‘ Association (BGMEA). Darin sitzen Parlamentarier, Bürokraten, ehemalige Armee- oder Polizeioffiziere. Die vier Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter haben keine gemeinsame Stimme.

Nach einem Unfall in einer Fabrik oder wenn die Mindestlöhne neu verhandelt werden, wie im Oktober, dann kann es passieren, dass es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt. Eine legale Organisierung würde dem vorbeugen und konstruktive Verhandlungen zwischen Arbeiterschaft und Fabrikbesitzern ermöglichen.

Wer trägt Ihrer Meinung nach die Hauptverantwortung für diese Missstände und wer kann etwas zu einer Verbesserung der Situation beitragen?

Verschiede Akteure. Die Fabrikbesitzer machen Gewinne, aber leisten nicht das Mindeste für halbwegs tragbare Arbeitsbedingungen oder existenzsichernde Löhne. Dann ist da die Regierung, die ja eigentlich Verantwortung für ihre Staatsbürger trägt und für deren Sicherheit und menschenwürdige Existenz sorgen sollte. Das ist in Bangladesch nicht der Fall. Und dann sind da noch Unternehmen und der Handel aus Europa und den USA, die den Löwenanteil der Profite einstreifen. Die wissen um die Missstände bestens Bescheid, tun aber nichts dagegen.

Was können die europäischen Konsumentinnen und Konsumenten beitragen?

Auf keinen Fall sollten sie Boykott­Aufrufen gegen „Made in Bangladesch“ folgen. Das wäre absolut das Falsche und würde die Arbeiterinnen und Arbeiter stärker treffen als die Fabrikbesitzer. Konsumentinnen und Konsumenten können von den Unternehmen Einsatz für existenzsichernde Löhne und sichere Arbeitsplätze fordern und andernfalls bei anderen Anbietern einkaufen. Solidarität zwischen Arbeiterinnen und Arbeitern aus Bangladesch und europäischen Konsumentinnen und Konsumenten ist wichtig. Dazu braucht es Information über die Arbeitsbedingungen hierzulande und natürlich ein Bewusstsein für die Ausbeutung der Menschen durch die Firmen in Bangladesch.

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