„So etwas machen nur Verrückte“

In Buenos Aires wurde eine besetzte Aluminiumfabrik nebenbei auch zu einem Kulturzentrum.

Von Antje Krüger
Es wirkt wie eine Einladung. Unter dem rot-weißen Schild IMPA – Fábrica Ciudad Cultural (IMPA – Fabrik Kulturstadt) stehen die Torflügel weit offen. Jeder, der will, tritt in das riesige Gebäude ein. Ein Haus, das in Argentinien Einzigartiges verbirgt: eine selbstverwaltete Kooperative von ArbeiterInnen und KünstlerInnen. IMPA (Industria Metalúrgica y Plástica Argentina), die Aluminiumfabrik in Buenos Aires, ist seit fünf Jahren fest in der Hand derjenigen, die sonst nur für Brot und Lohn hinter den Maschinen stehen – und wird zudem noch für Kunst und Kultur jeder Art genutzt.
Schattiges Dunkel verhüllt den Gang hinter dem Eingang. Unter dem Plakat eines Mädchens mit Fackeln, Rücken an Rücken mit einem Arbeiter vor einem Alumiumberg, hängen lose Zettel, die zu Workshops einladen oder von Theateraufführungen künden. Links ein kleiner Wartesaal der Arztpraxis, die hier für kostenlose Behandlung eingerichtet wurde. Am Ende des Ganges lässt sich die Fabrik erahnen.
Statt einer adrett gekleideten Empfangsdame tritt ein Arbeiter aus einer Tür. In seinem breiten, braunen Gesicht zeichnet sich ein vorsichtiges Lächeln ab. Schlicht fragt er nach dem Begehren und greift zum Telefon. Man sieht ihm an, dass ihm die Arbeit hinter seiner Maschine mehr liegt als der Empfang der BesucherInnen.

Ein Mann im blauen Mechanikeranzug bietet sich spontan für eine Fabriksführung an. Es ist der selbe, der mit stolz-schüchternem Lächeln von dem Bild im Gang herunterblickt: Horacio Campos, der Präsident der Kooperative. Vorstellungsformalien wischt er beiseite. „Hier sind alle willkommen. Hier stört keiner.“
Geräusche schwerer Maschinen dröhnen über den Worten. Eine riesige Halle gibt den Blick frei auf Öfen, Walzen und Berge von Aluminium. Vereinzelt sind im schummrigen Licht zwischen den alten, grün-grauen Maschinen Männer zu sehen. IMPA wurde 1910 mit deutschem Kapital errichtet, aber 1945 von Perón kurzerhand verstaatlicht und später in eine Kooperative umgewandelt. Diese funktionierte jedoch wie ein privates Unternehmen. Zur besten Zeit werkten in dem 22.000 m2 großen Gebäude mehr als 2.000 ArbeiterInnen. Heute bedient IMPA vor allem die Lebensmittelbranche mit Aluminiumpapier, Tabletts, Dosen und Töpfen.
Doch Ende der 90er Jahre ging es abwärts. Die Fabrik meldete Konkurs an. Anfang 1998 gab es kein Gas, keinen Strom und kein Wasser mehr. Die Schließung stand unmittelbar bevor. Fünfzig ArbeiterInnen taten sich daraufhin zusammen, um ihren Arbeitsplatz zu verteidigen. Sie wollten ihre eigene Verwaltung wählen, die Fabrik in die eigenen Hände nehmen. Nach dem Statut der Kooperative war dies ihr gutes Recht, die Praxis jedoch sah anders aus. Monatelange Verhandlungen führten zu nichts. „Deshalb beschlossen wir, die Fabrik zu besetzen. Am ersten Tag kam die Polizei, aber die konnte uns nicht rausschmeissen, da wir ja auch Mitglieder der IMPA waren. Wir blieben fast einen Monat, bis sie uns am 22. Mai die Leitung übergaben“, erinnert sich Horacio Campos.

Noch in der selben Nacht wählten die ArbeiterInnen ihre eigene Führung. „Was wir gemacht haben, war vollkommen verrückt. Wir waren ja alle nur Arbeiter und hatten plötzlich eine Fabrik, ohne zu wissen, wie wir sie verwalten und führen sollten. Die verzweifelte Angst vor der Arbeitslosigkeit hat uns dazu getrieben“, sagt Campos. Nur mit viel Solidarität konnten die Maschinen wieder in Gang gebracht werden. Wie von einem Wunder erzählt Campos von einem Menschen, der einfach die erste Tonne Aluminium kaufte und sie den ArbeiterInnen zur Verfügung stellte. „Es gibt keine Worte, die ausdrücken, was ich fühlte, als ich am Morgen kam und sah, dass die Fabrik funktionierte.“
Der Begriff „Kooperative“ wurde in der IMPA neu belebt. Die Chefetage ist keine Tabuzone mehr für die ArbeiterInnen in ihren ölverschmierten Anzügen. Ein klappriger Fahrstuhl fährt ohne Unterlass zwischen der Fabrikshalle und den Büros auf und ab. Che, Evita und Perón, die Symbolfiguren des argentinischen Arbeitskampfes, hängen an der Wand.
Die 150 Mitglieder der Fabrik erhalten alle den gleichen Lohn. „Wir stellen nach dem Arbeitsbedarf ein, den wir haben, nicht nach dem Gewinn. 80% der Einnahmen geben wir für den Lohn aus“, erklärt Gewerkschafter Eduardo Murúa, der nach der Besetzung zu den ArbeiterInnen stieß und bei der Organisation der elementarsten Sachen half.
Die Krise Argentiniens und die Abwertung des Peso waren für die Fabrik paradoxerweise ein Glücksfall. Die Schulden wurden gedrittelt und die Nachfrage auf dem Binnenmarkt stieg an, nachdem Importe unerschwinglich wurden. „IMPA ist heute aus dem Gröbsten raus“, glaubt Murúa.

Und die Kultur? „Wir brauchten dringend Leute, um die Fabrik zu beleben und halten zu können. Da kam uns die Idee, sie für KünstlerInnen zu öffnen“, erklärt Campos. Der Anfang jedoch war nicht leicht. Mit dem Einzug der Kulturschaffenden sind zwei Welten aufeinander geprallt, die sonst wenig miteinander in Berührung kommen. „Da gab es Misstrauen auf beiden Seiten“, erinnert sich der Keramiker Sebastián Maissa.
Sein Atelier macht dem Klischee der kreativen Unordnung alle Ehre. Solche gelebten Stereotypen erschwerten die Annäherung von ArbeiterInnen und KünstlerInnen. Doch die gemeinsamen Proteste zum Erhalt der Fabrik ließen beide Parteien bald spüren, was sie verbindet – die Ablehnung einer vom Egoismus geprägten Welt. „Wir wollen eine solidarische Kultur, die den sozialen Charakter der Fabrik betont und zeigt, dass Geld nicht alles ist“, sagt Sebastián.
Das Konzept der Kulturfabrik hat Erfolg. Über 250 Personen besuchen pro Woche die mehr als 30 Kurse von Malerei über Tango bis Clownerie.
An den ArbeiterInnen vorbei geht man durch Öllachen in ein Mikrokino oder in den Zirkus. Oft schon haben die Maschinen als Theaterkulisse gedient. Selbst ohne gezielte Werbung füllen sich die Veranstaltungen. Nirgends sonst auf der Welt fließen produktive und Kulturarbeit derart ineinander über.

IMPA hat Schule gemacht. Inzwischen werden 140 Betriebe in Argentinien selbst verwaltet. „Die Besetzung von Fabriken ist zur Kampfmethode geworden, dem einzigen Weg aus der Arbeitslosigkeit“, sagt Eduardo Murúa. Mehr als 60 Kooperativen haben sich in der „Bewegung der wiedergewonnenen Betriebe“ vereint. Sie wollen ein Gesetz durchbringen, das die Übernahme von Fabriken und die Zahlung eines Startkapitals regelt. Denn noch hängen die Kooperativen vom guten Willen der Richter ab.
Dabei ist die Verzweiflungstat der ArbeiterInnen wahrscheinlich der richtige Schritt, um die zerstörte Wirtschaft Argentiniens aus eigener Kraft wieder aufzubauen. Das alleine schon wäre Grund genug, um am 22. Mai das fünfjährige Jubiläum der IMPA groß zu feiern.

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