Soja und der Hunger auf Fleisch

Über Jahrhunderte war die Sojabohne wichtigste Quelle der Eiweißversorgung für die Menschen in Ostasien, vor allem in Form von Tofu. Heute ist ihr Anbau zwar global weit verbreitet, dennoch auf Abwege geraten. Wie die agroindustrielle Sojaproduktion das Recht auf Nahrung untergräbt, erläutert Brigitte Pilz.

Die Guarani-Kaiowá kämpfen schon lange um das Land in Mato Grosso, auf dem sie seit Jahrhunderten gelebt haben. Erst heuer besetzten Angehörige dieser indigenen Gruppe ein Landstück zum zweiten Mal. Sie wurden im Juli von paramilitärischen Schlägertrupps der Großgrundbesitzer erneut vertrieben. Mit ihren 43.000 Mitgliedern sind die Guarani-Kaiowá die zweitgrößte Indio-Gruppe Brasiliens. Ihr Lebensraum im weitläufigen Amazonasgebiet war früher von dichtem Regenwald bedeckt. Riesige abgeholzte Flächen dienen heute agroindustrieller Landwirtschaft, vor allem dem Anbau von Sojabohnen. Der Hunger der Welt nach dieser Hülsenfrucht ist schier unermesslich. Dabei werden nur ein bis zwei Prozent der Ernte als menschliche Nahrung verwendet. Bis zu 90 Prozent gelangen in die Tiermast. Je nach Bedarf und Marktlage auch in die Produktion von Biosprit.

USA und Brasilien. Am meisten Sojabohnen werden in den USA produziert, gefolgt von Brasilien. Der Hauptexporteur ist jedoch Brasilien. Die EU verbietet zwar die Einfuhr von Agrarprodukten, für deren Anbau Wald gerodet wird. Dieses Verbot wird häufig umgangen, indem in einem ersten Schritt gerodet wird, um Holz zu gewinnen und Weideflächen für Rinder zu schaffen. In einem zweiten Schritt wird auf den ehemaligen Weiden Soja angebaut. In Brasilien hat sich auf diese Weise die Anbaufläche von Soja zwischen 2000 und 2013 nahezu verdoppelt.

Auf den Monokultur-Plantagen sind 80 Prozent der Sojapflanzen gentechnisch verändert. Ende Juli dieses Jahres hat die EU-Kommission den Weg weiter geöffnet: Drei neue gentechnisch veränderte Sojasorten der Konzerne Monsanto und Bayer wurden für die Einfuhr zugelassen. Auch in Österreich ist die Nutzung von Produkten aus gentechnisch veränderten Sojapflanzen als Tierfutter erlaubt.

Die Mechanisierung der Landwirtschaft und die Rodung der Wälder schränken den Lebensraum indigener Völker wie der Guarani-Kaiowá immer weiter ein. Zusätzlich zerstören die Monokulturen und die eingesetzten Pestizide die Biodiversität und damit die Lebensgrundlage der WaldbewohnerInnen. Mittlerweile sind 90 Prozent von ihnen von Lebensmittelhilfen abhängig. Besonders Kinder leiden an Unter- und Mangelernährung. Bei den Behörden stoßen die Betroffenen auf taube Ohren. Die Profite des Agrobusiness scheinen wichtiger zu sein als die Einhaltung von Menschenrechten. Aufgrund der aktuellen unsicheren politischen Situation im Land dürfte eine Verbesserung der Lage der Indigenen in noch weitere Ferne gerückt sein.

ProSavana in Mosambik. Inzwischen wird das Agrarmodell Brasilien auch in anderen Ländern praktiziert. Paraguay ist mittlerweile der weltweit viertgrößte Sojaexporteur. Und in Afrika steht Mosambik in den Startlöchern.

Im Norden des Landes wurde 2009 damit begonnen, für ein 14 Millionen Hektar großes Gebiet das Projekt ProSavana zu planen. Wie der Journalist Kurt Langbein in seinem Buch „Landraub“ (Ecowin Verlag 2015) berichtet, handelte es sich dabei um eine Initiative der Brasilianischen Entwicklungsagentur (ABC), der Japanischen Internationalen Entwicklungsagentur (JICA) und dem Landwirtschaftsministerium von Mosambik (MINAG). Von brasilianischen Agraringenieuren kam das technische Know-how zum agrarindustriellen Anbau von Soja, Japan sollte sich unter anderem um die Vermarktung in Asien, die Regierung von Mosambik um die Landfrage kümmern. Das Gebiet, größer als Griechenland, wurde Nacala-Korridor genannt. Nun ist es nicht so, dass Grund und Boden, der von Agraringenieuren für den Soja-Anbau als geeignet ausgewählt wird, brach liegt. Tausende Kleinbauernfamilien leben dort von ihrer Hände Arbeit. Mehr noch: Es handelt sich um das Hauptagrargebiet des Landes. Trotzdem versuchten die Initiatoren von ProSavana, Großinvestoren für das Projekt zu begeistern. Die ansässigen Bauern und Bäuerinnen sollten irgendwie eingebunden oder abgefertigt und abgesiedelt werden.

Widerstand. Ohne Wissen der Initiatoren kam der Masterplan 2013 an die Öffentlichkeit. NGOs aus Mosambik, Japan und Brasilien forderten das Aus. Insbesondere die mosambikanische BäuerInnenvertretung União Nacional de Camponeses (UNAC) hat sich für einen Projektstopp stark gemacht. „ProSavana wurde nicht von Mosambikanern gemacht und würde das gesamte System der lokalen Agrarproduktion gefährden“, so Agostino Bento, Vertreter der UNAC. Nicht die Stärkung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft und die vermehrte Beteiligung von Frauen würden vorangetrieben, erwiesenermaßen die effektivsten Maßnahmen zur Verwirklichung des Rechts auf Nahrung und Förderung der Ernährungssouveränität, sondern Produktivitätssteigerung durch Monokulturen und Gentechnik sowie der Ausverkauf des Landes würden angestrebt. Es sei zu erwarten, dass die selbst formulierte Vision von ProSavana, „die Lebensqualität für die Menschen im Nacala-Korridor zu verbessern und regionale Landwirtschaft und Entwicklung zu fördern,“ so nicht umgesetzt werde.

Die Betreiber versuchten erfolglos, einige kleinere Teilprojekte in Gang zu bringen. Schließlich wurde ProSavana vorläufig auf Eis gelegt.

Erfahrung mit AgroMoz. Die Bauern und Bäuerinnen stützten sich bei ihrem Kampf auf Erfahrungen um das Joint Venture AgroMoz. 2012 hatten sich der damalige mosambikanische Präsident Armando Guebuza (2005 bis 2015), ein einflussreicher brasilianischer Soja-Baron und Portugals reichster Mann, Americo Amorim, zusammengetan, um in der Gemeinde Lioma in der Provinz Nampula großflächig Soja anzupflanzen. Auch dort war das Land keineswegs unbewohnt und unbebaut, sondern wurde von Kleinbauernfamilien bestellt. Deshalb setzte man beschönigend gesagt die „Umsiedlung“ von 1.000 Menschen im Dorf Wakhua um. Weder kam AgroMoz seinem Versprechen nach, eine Schule zu bauen, noch wurden angemessene Entschädigungen an die Enteigneten bezahlt. „Ich wurde gezwungen, einen Vertrag zu unterschreiben, dessen Inhalt ich nicht kannte, und habe umgerechnet 155 US-Dollar für mein Haus und mein Land erhalten“, berichtet die Kleinbäuerin Mariana Narocori der mosambikanischen Zeitschrift Verdade.

Für die nahe der Plantage wohnende Bevölkerung kommt es darüber hinaus nachweislich zu schweren Gesundheitsschäden. Der Anbau von Gen-Soja geht ja mit dem Einsatz großer Mengen von Herbiziden einher. So wird auf den Feldern etwa mit dem in der EU derzeit umstrittenen Glyphosat alles Unkraut abgetötet, nur die Gen-Sojapflanze übersteht den Angriff.

Mechanismen um Cash Crops. Ist das vorläufige Aus von ProSavana ein Erfolg des zivilgesellschaftlichen Widerstands? Großinvestoren haben jedenfalls einen langen Atem. In Mosambik verfolgt man inzwischen weitere Pläne in mehreren Provinzen, um die Landwirtschaft des Landes Schritt für Schritt in eine exportorientierte Agrarindustrie zu verwandeln. Die Entwicklungen rund um sogenannte Cash Crops zeigen in vielen Ländern dieselben Mechanismen. Regierungen aus dem globalen Süden schließen umstrittene Allianzen mit transnationalen Konzernen. Als Gegengeschäft für potenzielle Investitionen im Land werden unternehmerfreundliche Gesetzgebungen wie Lockerung der Vergabepolitik bei Landkonzessionen, Zulassung von Gentechnik, Steuersenkungen und die Nivellierung von ArbeitnehmerInnenrechten geschaffen. Dadurch bekommen diese Unternehmen Einfluss auf Gesundheits- und Agrarpolitik.

Fleischhunger. Die negativen Folgen des großindustriellen (Gen-)Soja-Anbaues sind ebenso dramatisch wie unumkehrbar. Deshalb ist eine fundamentale Kritik am dominanten Agrarmodell gerechtfertigt. Sie muss auch die Situation in den Soja-Import-Ländern in den Blick nehmen. Europa importierte im Jahr 2013 laut US-Landwirtschaftsministerium rund 30 Millionen Tonnen Sojabohnen und -kuchen, vor allem aus Südamerika. Ohne die großen Mengen dieses eiweißreichen Futtermittels aus dem Ausland wären die hohen Produktionsmengen und niedrigen Preise bei tierischen Produkten nicht vorstellbar. Die benötigte Anbaufläche für Futtermittel in Europa würde ganz einfach nicht für Europas Hunger nach Fleisch ausreichen. China und Indien holen dank ihrer immer breiteren Mittelschicht, die sich häufigen Fleischkonsum leisten kann, mit Riesenschritten auf und liegen in der Importstatistik von Soja bereits weit vorne. Die globale Fleischproduktion ist also eine große Verschwendung an Energie, Wasser und Nahrungsmitteln.

Solange der Fleischkonsum in wohlhabenderen Ländern nicht hinterfragt wird, ist die Landwirtschaft dem Druck ausgesetzt, immer billiger immer größere Mengen produzieren zu müssen, was ohne (Gen-)Soja unmöglich erscheint. Eine nachhaltige, umwelt- und tierschonende Landwirtschaft in Europa und weltweit kann nur mit einer Drosselung der Produktionsmengen erreicht werden.

Donausoja. Die Allianz Donausoja reagiert auf die Abhängigkeit von gentechnisch verändertem (also 80 Prozent), importiertem Soja aus Übersee mit dem Anbau von gentechnik-freiem Soja in der Donauregion. Donausoja wurde 2012 in Österreich etabliert. Mitglieder der Plattform sind HändlerInnen und VerarbeiterInnen der Lebensmittel- und Futtermittelindustrie, Forschungsinstitute und NGOs. Donausoja bemüht sich um mehr Nachhaltigkeit, kürzere Transportwege, wechselnde Fruchtfolgen und höhere Qualitätsstandards. KritikerInnen, so Eco Ruralis, eine Organisation von KleinbäuerInnen in Rumänien, merken allerdings an, dass die Initiative zur Ausdehnung eines agrarindustriellen Produktionsmodells beiträgt. Wichtiger wäre es, eine kleinbäuerliche Landwirtschaft und damit die Agrarökologie zu fördern.

Für diesen Beitrag wurden unter anderem Recherchen von Melanie Oßberger, Mitarbeiterin von FIAN-Österreich herangezogen. Diese NGO setzt sich vor allem für das Recht auf Nahrung ein. Weitere Informationen: www.fian.at

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