„Somalis sind in erster Linie Individualisten“

Von Redaktion ·

Nuruddin Farah gilt als einer der bedeutendsten afrikanischen Schriftsteller der Gegenwart. Der in Kapstadt lebende Autor aus Somalia, dessen Romane stets in Somalia spielen, gilt seit langem als Kandidat für den Literaturnobelpreis. Im Interview mit Marc Engelhardt spricht er über sein schwieriges Verhältnis zu seiner Heimat.

Südwind-Magazin: Herr Farah, Sie schreiben seit Jahrzehnten über Somalia. Verstehen Sie sich als Chronist?
Nuruddin Farah:
Ich sehe mich als jemanden, der einen anderen Blickwinkel auf Somalia bietet. Wenn ich Somalis zuhöre, dann stimme ich ihrer Interpretation der Dinge meistens nicht zu. Viele Somalis leben einfach nur erfundene Klischees und glauben an die Lügen, die sie selbst erzählen. Auch mit Einschätzungen von Ausländern, Diplomaten oder so genannten Experten tue ich mir schwer. Viele von ihnen verstehen Somalia nicht, sei es aus Naivität oder weil sie eine eigene Agenda verfolgen. Seit ich mit zwanzig Jahren begonnen habe zu schreiben, versuche ich deshalb, eine alternative Geschichte Somalias zu erzählen – eine, denen die anderen natürlich ebenso wenig zustimmen müssen.

Welche Klischees, welche Lügen meinen Sie?
Nehmen wir als erstes den festen Glauben nahezu jedes Somalis, dass seine Zugehörigkeit zu einem Clan sein Leben bestimmt. Dabei sind Somalis in erster Linie Individualisten. Klar, ein Somali wird das Clansystem oder auch das politische System nutzen, um selbst nach oben zu kommen. Doch spätestens wenn er oben angekommen ist, hasst er den ganzen Rest: weil er so vielen anderen so viele Gefallen schuldig ist, und weil die Forderungen so überwältigend groß sind. Angeblich leitet sich das alles aus dem Clangefüge her, aber noch nie hat jemand alle Mitglieder eines angeblichen Clans zusammengerufen und gefragt, was das gemeinsame Ziel ist. Es ist das eigene Ego, das den Somali vorantreibt, nicht der Clan.

Ist das ein Grund dafür, dass Somalia so lange ohne Regierung auskommen musste?
Dazu ein Vergleich: Äthiopien ist bis heute ein Feudalstaat, in dem Unterordnung eine zentrale Rolle spielt. In Somalia ist genau das Gegenteil der Fall. Auch die Kolonialmächte haben es nie geschafft, die Somalis zu unterdrücken. Somalis brechen das Gesetz, nur um zu beweisen, dass sie unabhängig sind von Recht und Gesetz. Da sind sie wie Teenager, die dir zeigen wollen, dass sie cleverer sind als du, indem sie etwas Verbotenes tun. Das ist geradezu eine Besessenheit.

Wäre es dann nicht besser, die Somalis würden auf eine zentrale Regierung verzichten?
Vor einigen Jahren habe ich einen Artikel im Magazin „The New Yorker“ gelesen: ein US-amerikanischer Journalist kam nach Mogadischu und sah, dass das Internet funktionierte, es Banken gab und die Leute sich irgendwie eingerichtet hatten. Das verglich er mit anderen afrikanischen Ländern, wo all das nicht funktionierte, und kam zu dem Schluss: Afrika braucht keine Regierungen, keine staatlichen Strukturen. Ich bin da vollkommen anderer Meinung. Die derzeitige Regierung in Mogadischu ist nicht besonders gut, typisch somalisch eben. Aber man braucht eine Regierung, um ein Gesundheitssystem einzurichten. Man braucht eine Regierung, um Normen und Recht durchzusetzen und damit Frieden zu schaffen, für einen Erziehungssektor, und um Schulen und Hilfe für die Schwächsten zu garantieren. Wir hatten das alles in den 1970er und 1980er Jahren, waren aber unzufrieden, weil wir von einem Diktator gegängelt wurden. Wenn man es hinbekäme, zumindest ein paar von den damaligen Strukturen wieder herzustellen, zusammen mit Demokratie und Föderalismus, dann würde Somalia ein kleines bisschen besser funktionieren.

Sie leben seit 1974 im Exil – warum kehren Sie nicht nach Somalia zurück?
Ich bin nicht zurückgekehrt, und ich kann nicht zurückkehren. Ich brauche Frieden, Ruhe und Anonymität. Das kann ich in Somalia nicht finden. Kapstadt dagegen bietet das alles, allem voran Anonymität. Die ist für einen Schriftsteller essenziell. Zudem herrscht in Somalia kein Frieden, es gibt keine Bücher, und mir fehlen die für mich so nötigen Gesprächs- und Diskussionspartner.

Fühlen Sie sich denn überhaupt noch als Somali – nach all diesen Jahren, und bei all der Kritik an ihren Landsleuten?
Unbedingt! Somalia ist ein Teil von mir, und ich bin ein Teil Somalias. Überall sonst auf der Welt erinnern mich Menschen permanent daran, dass ich aus Somalia komme. Und die Frage, ob die Somalis mich – bei aller Kritik und Herausforderung von meiner Seite – noch als einen der ihren verstehen, ist inzwischen beantwortet. Somalis sagen zu mir: Nuruddin, Du kannst schreiben was Du möchtest – wir werden Dich immer akzeptieren und respektieren für das, was Du bislang getan hast. Das höre ich nirgendwo sonst, auch nicht in Kapstadt, wo ich schon so lange lebe.

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