Spirale der Irrsinnigkeiten in Nahost

Von Robert Misik · · 2024/Jan-Feb
© Thomas Kussin

Die Debatten über Hamas-Massaker und Krieg in Nahost sind voller falscher Wahrheiten und wahrer Falschheiten.

Mehr als drei Monate ist der Überfall der Hamas und anderer Terrorbrigaden auf Israel jetzt her. Erst fehlten die Worte. Schnell kam daraufhin ein Zuviel der hohlen, leeren Phrasen, bei denen man stets das Gefühl hatte, man müsse Ja und Nein zugleich schreien. Als wäre die Sprache krank geworden. Dem Massaker der Hamas fielen innerhalb von nur wenigen Stunden rund 1.300 Menschen zum Opfer, Zivilist:innen, Alte, Babys, Partyteens. Massenvergewaltigungen, geschändete Mädchen, ermordete Kleinkin-der, aufgezeichnet mit Bodycams und bejubelt durch euphorisierte Täter und Helfer. Eine Blutorgie, ein Fest des Mordens. Die Sprache ist seither nicht gesundet.

Der sogenannte Kontext kann nichts an diesem bestialischen Massaker rechtfertigen. Aber ohne Kontext kann man wiederum überhaupt nichts verstehen, niemals. Doch wie der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani richtig schrieb, nicht das Aber ist das Problem, sondern das, was dem Aber vorausgeht. Die Gefühlskälte, die zu oft dem Aber vorausgeht. Das Blut der Massakrierten war noch nicht getrocknet, da feierten manche schon offen oder klammheimlich das Gemetzel.

Gewalt verroht. Nicht alleine aus dem Unrecht von Besatzung in der Westbank und der Abschnürung von Gaza lässt sich das erklären. Extremistische faschistische Siedler:innen haben im vergangenen Jahr die Vertreibung in der Westbank radikalisiert.Immer wieder kam es zu Pogromen. Es gab hunderte Tote und Vertriebene. Aber niemand interessierte das. Die seit 1967 von Israel besetzte Westbank ist in drei juristische Zonen unterteilt – jene in Verwaltung der palästinensischen Autonomiebehörde, jene in gemischter Verwaltung, jene in israelischer Verwaltung –, ein Flickenteppich isolierter Bantustans.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und seine aufeinanderfolgenden rechten – und jetzt rechtsextremen – Regierungen haben, auch das ist Teil der Wahrheit, die Hamas vorsätzlich gestärkt, um die Autonomiebehörde zu schwächen. Die erweckte mehr und mehr den Eindruck, unfähig zu sein und mit sich alles machen zu lassen.

Die bittere Wahrheit: Auch deswegen reagierten viele Palästinenser:innen nicht mit Entsetzen auf das Massaker durch die Hamas. Gewaltgeschichte verroht. Die Besetzung verroht die Besatzer:innen, sie verroht die Besetzten. Die israelische Friedensbewegung hatte das seit Jahrzehnten vorausgesagt. So hatte innerhalb des palästinensischen politischen Spektrums die Hamas durch den Anschlag an Hegemonie gewonnen.

Wie das Massaker der Hamas sowie die Verschleppung von rund 240 Geiseln jede Form des Gegenschlages legitimierte, so hatte die Praxis der Besatzung, die Unterstützung der Siedler:innen durch die Armee und die Rhetorik der Netanjahu-Regierung der terroristischen Hamas Unterstützung zugetrieben.

75 Jahre des Nahostkonflikts und 56 Jahre an Besatzung, die alle mit Geschichten ausstattet, warum die jeweils eigene Seite nur Opfer sei, nicht Täter, und nur auf die Gewalt der jeweils anderen reagiere. Und jede Gegenwehr sich rechtfertigen lasse. Man kann sich das ewig vorrechnen, und diese Rechnungen sind nie ganz falsch, nie ganz richtig, weshalb sie auch nie irgendetwas bringen. Wahre Falschheiten und falsche Wahrheiten.

Jede:r hat seinen/ihren Kontext, wie er/sie ihn gerade braucht. Das Massaker, dessen bestialische Blutorgie sich ohne den islamistischen Todeskult nicht erklären lässt. Danach wieder die Reaktion Israels mit dem Bombardement des Gazastreifens und zigtausend zivilen Toten – Kindern, Frauen, ganze Familien –, die wiederum den islamistischen Fanatiker:innen Unterstützer:innen zutreiben. Und dazu die Welt, die sich wie die Fußballfans im Stadion in Fansektoren aufteilt.

Hassspirale. Hellsichtigen Zeitgenoss:innen war sofort nach dem Schreckenswochenende Anfang Oktober, als die Ausmaße der Gräueltaten so langsam bekannt wurden, eines klar: Es wird eine Gegenaktion geben, die ihrerseits unermessliches Grauen bringen und zu einem globalen Krieg der Bilder führen wird, zu Emotionalisierung und einer Hassspirale.

Bald war zu hören, im Kampf gegen die islamistische Terrorsekte sollte man jetzt bitte Verzärteltheiten zurückstellen. Auch im Kampf gegen Hitler hat man Dresden dem Erdboden gleichgemacht, beim Abwurf der Atombombe auf Hiroshima wurde auf die Zivilbevölkerung ja genauso wenig Rücksicht genommen.

Wer auch nur Vorsicht ruft, darf damit rechnen, des schändlichen Relativismus geziehen zu werden, wenn nicht gleich des Antisemitismus. Es gehört zu den Eigenheiten unserer Zeit und ihrer überideologisierten Meinungsschlachten, dass abweichende Ansichten postwendend als moralisch verurteilungswürdig und diskreditierend abgetan werden.

Wer palästinensische Fahnen hochhält, wird als „Antisemit:in“ verunglimpft. Es breitet sich ein Meinungsklima der Angst aus, in der weltweit viele Muslim:innen (und auch andere) das Gefühl haben, man raubt ihnen die Möglichkeit, das Leid der Palästinenser:innen auch nur zur Sprache zu bringen.

Ideologisierter Tunnelblick. Leider ist die Gegenseite nicht minder verrückt. Ein linkes antikolonialistisches Weltbild, das die Welt in Schwarz und Weiß einteilt, in Unterdrücker und Unterdrückte und die Unterdrückten stets im moralischen Recht sieht, entpuppte sich nicht zum ersten Mal als eine Art Antiimperialismus für dumme Kerls.

Selbst die Hamas wurde in dieser krummen Logik zur emanzipatorischen Kraft uminterpretiert, als authentischer Ausdruck der „Kolonisierten“ gegen den globalen Imperialismus und dessen regionalen Statthalter, Israel nämlich. Palästinenser:innen sind „People of Color“, Juden und Jüdinnen sind „Weiße“, und wer den Palästinenser:innen vorschreiben wolle, wie sie ihren Widerstand zu gestalten haben, sei im Endeffekt ein „Rassist“.

Am Ende stehen sich Fanatiker:innen in ihrem ideologisierten Tunnelblick gegenüber und beschimpfen sich wechselseitig als „Antisemit:innen“ versus „Rassist:innen“, jeweils mit der Absicht, Menschen mit anderen Auffassungen moralisch zu erledigen.

Aus dieser Spirale der Irrsinnigkeiten heraus helfen nur intellektuelle Unterscheidungsfähigkeit, der Mut zur Dissidenz, die Einfühlungsfähigkeit in die Anderen und auch der heute häufig verunglimpfte Moralismus. Es mangelt an jenem Ethos der Empathie, das sich der ideologisierten Kaltherzigkeit entgegenstellt und sich das Mitgefühl und die Erschütterung bewahrt, wenn tausend Menschen vorsätzlich abgeschlachtet werden oder zehntausend Menschen im Bombenhagel als „Kollateralschäden“ verbucht werden. Wer heute für dieses zivilisatorische Minimum einsteht, ist erschreckend häufig ziemlich einsam.

Robert Misik lebt als Journalist und Sachbuchautor in Wien. Er schreibt regelmäßig für den Falter, die Taz und andere Medien.

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