Spitalsalltag in der Peripherie

Von Michael Kirschner ·

Wiederaufbau im Sierra Leone der Nachkriegszeit – Beispiel Gesundheitswesen: In Mabesseneh nimmt eine Krankenanstalt den Betrieb wieder auf, die vor dem Krieg zu den besten im Land gehörte. Eine Reportage von Michael Kirschner.

Mabesseneh, ein Dorf in der Nähe der Stadt Lunsar, 105 Kilometer nordöstlich von Sierra Leones Hauptstadt Freetown. In der Aufnahme des Spitals der Barmherzigen Brüder zählt Zainab Bangura die Tageseinnahmen, die sich in Bündeln von abgegriffenen Geldscheinen vor ihr auftürmen. Im Gespräch beklagt sich die junge Frau, dass die PatientInnen kein Geld hätten, die Behandlungen zu bezahlen. Eine ältere Frau gesellt sich hinzu. Wortlos holt sie ein Geldbündel unter ihrem bunten Gewand hervor. Wieder ist eine Rate für den Kaiserschnitt der Tochter abgegolten. Mabesseneh sei ein sehr gutes Spital, fügt sie hinzu und geht.
Mabesseneh – das war ein klangvoller Name, erinnert sich der junge Spitalsdirektor Bruder Peter Dawoh. Bis 1998, fährt er fort, gehörte das 1967 von spanischen Missionaren gegründete Krankenhaus mit seinen 200 Betten zu den besten im Land. Im Norden war es der einzige Ort, wo qualifizierte chirurgische Eingriffe und täglich Hunderte Konsultationen unabhängig vom politischen und wirtschaftlichen Klima möglich waren. Das Krankenhaus verfügte über moderne Ausrüstung, ein Tuberkulose-Programm und eine Nachsorgeklinik. Missionsleute, Spenden und freiwillige HelferInnen aus Europa – vom spanischen Chirurgen bis zur Schweizer Krankenpflegerin – garantierten mit den über 100 lokalen Angestellten kostengünstige Qualität. Einst eröffnet für die 80.000 Menschen der Umgebung, kamen die PatientInnen aus ganz Sierra Leone, aus Guinea, Liberia und Mali. Leider könne man nicht einfach so an alte Zeiten anknüpfen, seufzt Bruder Peter.

Der Wiederaufbau geht in kleinen Schritten voran. Hilfsarbeiter räumen Schutt aus beschädigten Gebäuden. Ein Elektriker zieht neue Stromkabel über das Areal. Frühere MitarbeiterInnen erinnern sich: Die Rebellen griffen zum ersten Mal im Dezember 1995 an. Weitere Attacken folgten, dazwischen war es aber immer wieder möglich, die Arbeit aufzunehmen. Im Februar 1998 kam die Katastrophe. Von westafrikanischen Eingreiftruppen aus Freetown vertrieben, tat sich die Militärjunta mit den gefürchteten Rebellen zusammen. Der Rückzug geriet zum Feldzug gegen die Zivilbevölkerung. In Lunsar und Umgebung ermordeten die Bewaffneten ZivilistInnen und entführten Missionsleute, darunter den spanischen Direktor des Spitals. Von der medizinischen Ausrüstung bis zum unter Putz verlegten Stromkabel rissen die Angreifenden alles heraus, nahmen es mit oder zerstörten es. Die Krankenanstalt wurde Niemandsland, Lunsar zur Geisterstadt. Rebellen zogen für drei Jahre ein. Fortan tobten heftige Kämpfe um die strategisch wichtige Stadt.
1999 eröffneten die Brüder eine neue kleine Klinik in dem von der Regierung kontrollierten Landesteil. Frühere MitarbeiterInnen, die als intern Vertriebene oder Flüchtlinge überlebt hatten, wurden wieder eingestellt. David Thorley, einst die einheimische „rechte Hand“ der Brüder, war einer der ersten, die sich im Frühjahr 2001 im Geleit der UN-Friedenstruppen wieder nach Mabesseneh wagten. Alles sei mit Gras überwuchert gewesen, schildert er. Haustiere liefen verwildert umher. Alle Häuser waren ohne Dächer. Vier Monate nach Kriegsende nahm im Mai 2002 zuerst eine Tagesklinik den Betrieb auf. Im September 2003 konnte das Hospital neu eröffnet werden. Doch die spanischen Brüder kehrten nicht mehr zurück.

Westafrikanische Barmherzige Brüder kämpfen heute für den Wiederaufbau. Einzig einer der Chirurgen ist noch ein spanischer Mitbruder. Ein junger Chirurg aus Freetown unterstützt ihn. Er nimmt das niedrige Gehalt in der Provinz in Kauf, um sich bei interessanten Fällen auf sein Zulassungsexamen in England vorzubereiten. Am Eingangstor hält Lamin Kamara Wache, der bereits als Bub gegen kostenlosen Schulbesuch für die Missionare gearbeitet hat. Der 24-jährige Benjamin Koroma, heute Novize der Barmherzigen Brüder, kam mit 14 Jahren zur Mission. Damals hieß er noch Saidu Koroma. Dreißig Jahre nach Gründung des Spitals wird es nun von heimischen Fachleuten getragen. Doch die Übernahme ist schwierig. Dem westafrikanischen Ordensnachwuchs wurden in Spanien zwar Ausbildungen, aber kein Zugang zu den persönlich geknüpften Spender-Netzwerken ermöglicht. So gingen mit den europäischen Führungskräften auch die Jahrzehnte alten Beziehungen in die spanisch-katholische Oberschicht und die Ärzte-Elite verloren.
Feimata Thorley, die früher in der Aufnahme gearbeitet hat und heute an einer Sekundarschule in Lunsar unterrichtet, geht mit der Mission hart ins Gericht. Ihr zufolge haben die europäischen Brüder das afrikanische Patronagesystem im kleinen Stile gelebt. Einflussreiche Persönlichkeiten wurden gehegt und gepflegt, verschlossene Türen mit einer Packung „medicine“ – Bestechungsgeld – geöffnet. Patenschaften banden Schulkinder an die Mission. Talentierten Hilfs- oder Fachkräften wurden, so Thorley, aus Angst vor Abwanderung Aus- und Weiterbildungen mit Abschluss verwehrt. Die Erfahrensten seien trotzdem schon längst abgewandert oder hätten sich selbständig gemacht.
Der heutige Pflegedienstleiter, ein als Anästhesist angelernter Krankenpfleger, erörtert bei einem Gespräch diskret seine Emigrationspläne nach England. Sein Vorgänger bietet mittlerweile gegen Entgelt kleine Operationen oder Kaiserschnitte in einer privaten Apotheke in Lunsar an. Chirurgischen Abschluss hat er keinen.
Auch wenn die Löhne im Spital der Barmherzigen Brüder höher sind als in staatlichen Krankenhäusern und regelmäßig bezahlt werden, reichen sie nicht, um die Familien der Angestellten zu versorgen. Bei einem landesweiten Generalstreik Anfang Jänner dieses Jahres, in dem auch höhere Löhne gefordert wurden, durfte das Krankenhauspersonal wegen des in katholischen Institutionen geltenden Streikverbots nicht teilnehmen.

Die medizinische Versorgung in Sierra Leone zeigt überall ein ähnliches Bild. Staatliche Gesundheitsposten, Gesundheitszentren und Spitäler wurden seit dem Kriegsende im Januar 2002 zügig wieder aufgebaut und erstrahlen von außen in frischen Farben. Doch Besuche medizinischer Einrichtungen in Makeni, Kabala, Magburaka, Koidu, Kenema, Kailahun oder Bo machen schnell deutlich: Hinter den Fassaden sieht es anders aus. Es mangelt an Ausrüstung und an qualifiziertem Personal. Ein Regierungsangestellter rechnet vor, dass in den 16 staatlichen Distriktkrankenhäusern nur sieben Chirurgen, vier Zahnärzte und vier Radiologen tätig sind. Miserable Löhne schlagen sich auf Motivation und Arbeitsqualität nieder.
Nach dem Krieg waren internationale humanitäre Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen (MSF) die ersten vor Ort, um medizinische Hilfe zu leisten. Heute dominieren sie die medizinische Versorgung. Da sie bis zu dreimal mehr Lohn als landesüblich zahlen, haben viele qualifizierte Mabesseneh-Leute Arbeitgeber und Ort gewechselt. Vier Pfleger sind von Mabesseneh nach Magburaka umgezogen. Dort hat sich MSF-Holland im Distriktspital einquartiert und komplett die Chirurgie und Kinderstation übernommen. Den Rest betreut das Regierungspersonal mit kärglichen Mitteln. Getrennt arbeiten staatliche und MSF-LaborantInnen Tür an Tür, ein Labor ist armselig, das andere modern eingerichtet. Die rare Symbiose kam zustande, weil sich MSF zuvor im östlich gelegenen Koisu-Distrikt den Zorn von privaten Ärzten und Kliniken eingehandelt hatte. Die Organisation hatte nach Abschluss der Nothilfephase weiterhin gratis Operationen und Medikamente angeboten. Von der Konkurrenz unter Druck gesetzt, musste sie schließlich nach Magburaka ausweichen.
MSF-Belgien ereilte das gleiche Schicksal. Von Mabesseneh ist Denis Kemokai 2001 in das weit im Südosten gelegene Kailahun gezogen, um für die Organisation zu arbeiten. Da lokale Ärzte und Kliniken auch dort um ihre Einkommen fürchteten, musste sich MSF-Belgien nach Bo zurückziehen und Kapazitäten abbauen. Nun wartet Kemokai mit anderen KollegInnen freiwillig arbeitslos auf die nächste internationale NGO. Obwohl ein staatliches Gesundheitszentrum in einem noch weiter abgelegenen Ort dringend Personal sucht, bittet er um Verständnis: Er könne nun nicht auch noch in die „Peripherie der Peripherie“ gehen.

Michael Kirschner ist Soziologe und arbeitet in der Länderanalyse der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. Von 1992 bis 1994 war er in der Verwaltung des Catholic Hospital Mabesseneh tätig. Im Jänner 2005 bereiste er alle wichtigen Städte Sierra Leones.

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