Sprache gut, alles gut?

In Österreich gelten Deutschkenntnisse als der wichtigste Schlüssel zur Integration. Christina Schröder hat recherchiert, was sonst noch wichtig ist.

© Illustration: Thomas Kussin

Die deutsche Sprache zu beherrschen ist wichtig, wenn man in Österreich lebt. Das ist weitgehend unbestritten. Ebenso, dass Deutsch zu lernen nicht einfach ist. Dennoch tun es wissenschaftlichen Studien zufolge derzeit 14,5 Mio. Menschen auf der Welt. Nur Englisch, Französisch, Chinesisch, und Spanisch werden von noch mehr oder gleich vielen Menschen gelernt.

Einer von wenigen Menschen, der alle diese Sprachen und noch vier weitere spricht, ist Ossiri Gnaoré. Geboren in der Elfenbeinküste, lebt er seit 30 Jahren in Österreich. Er arbeitet als Deutschlehrer und Geschäftsführer einer Lernakademie, an der unter anderem Deutsch-Integrationskurse und andere Sprachen auf dem Kursprogramm stehen. Gnaoré weiß wovon er redet, wenn er sagt: „Die Sprache des Landes zu beherrschen, in dem man lebt, ist schon allein deshalb notwendig, um sich und sein Potenzial nicht unter Wert zu verkaufen.“ Dazu seien viele Menschen durch Sprachbarrieren gezwungen. Gnaoré: „Das ist unsinnig und unnötig.“

Mehr Erfolg mit Deutsch? Das klingt auf den ersten Blick einfacher, als es in der Realität ist. Aus Studien der Statistik Austria, z.B. von 2015, geht hervor, dass viele MigrantInnen über einen sehr hohen Bildungsgrad verfügen. OECD-Studien (z. B. von Liebig, 2011) zufolge aber ist in Österreich bei MigrantInnen der Dequalifizierungsanteil, das Nicht-Anerkennen von beruflichen Qualifikationen, überdurchschnittlich hoch. Gleichzeitig belegen Zahlen der Statistik Austria von 2012, dass der Bildungsgrad bei der zweiten Generation sinkt. Daraus kann geschlossen werden, dass sich der soziökonomische Hintergrund von einer MigrantInnen-Generation zur nächsten verschlechtert. Dabei wäre anzunehmen, dass die zweite Generation, also die Menschen, die schon in Österreich geboren und mit Deutsch aufgewachsen sind, bessere Chancen hätten.

Nachbesserungsbedarf. İnci Dirim von der Universität Wien hat eine der österreichweit zwei Universitätsprofessuren für Deutsch als Zweitsprache inne. Sie ortet Nachbesserungsbedarf, was Deutsch als Schulsprache betrifft. Der fange schon bei der Erkenntnis an, dass Österreich kein einsprachiges Land ist. Es gibt sieben Amtssprachen (siehe S. 38). In Wien lebt die Hälfte der Kinder im Pflichtschulalter mehrsprachig. Sie sprechen zu Hause eine andere Sprache als in der Schule. Dirim: „Türkisch ist in Österreich keine fremde Sprache mehr, sie dient als Familiensprache und hat eine andere Bedeutung.“ Wer in Österreich beruflich etwas erreichen möchte, müsse Deutsch lernen. Dirim kritisiert die Möglichkeiten für die Durchführung von Sprachförderkursen in Österreichs Schulen: „Sie sind in vielen Fällen nicht nur zu kurz, wie der Vergleich zu internationalen Studien deutlich macht; außerdem wäre es sehr wichtig, dass Lehrkräfte mit Fortbildungen auf den neuesten Kenntnisstand gebracht werden.“ Die Förderung der deutschen Sprache sollte nicht nur zusätzlich zum Regelunterricht stattfinden, sondern direkt integriert in die einzelnen Fächer. „In Deutschland ist man da schon weiter“, bemerkt Dirim.

Empathie. Ossiri Gnaoré lebt vor allem von Deutschkursen. Dennoch meint er, dass für Flüchtlinge auch der Unterricht von Ehrenamtlichen Sinn macht. Gnaoré: „Ich brauche keinen Koffer voller Diplome, um jemanden Deutsch zu lehren. Und administrative Vorgaben entsprechen nicht immer dem, was man zum Leben braucht“, ist Gnaoré überzeugt. Es sei am wichtigsten, mit Empathie zu lehren und sich zu überlegen, was die Zielgruppe braucht. Als gelungenes Beispiel von ehrenamtlichem Engagement erwähnt er den Verein „Klosterneuburg hilft“. Durch diese Initiative würden Flüchtlinge aktiv in das soziale Gemeindeleben aufgenommen. Dort habe er Flüchtlinge getroffen, die nach wenigen Monaten Aufenthalt in Österreich sogar Witze verstehen. Dazu braucht man nicht nur Sprachkenntnisse, sondern müsse auch die Gesellschaft und ihre Werte kennengelernt haben. Sprache und Integration stehen miteinander in einem wechselseitigen Zusammenhang.

Gnaoré ist überzeugt: „Interaktion und die Möglichkeit zur gesellschaftlichen Partizipation gehören zu den Voraussetzungen für den Spracherwerb. Jemand, der einen Deutschkurs besucht, wird die Sprache nicht lernen, wenn keiner mit ihm deutsch spricht.“

Menschen, die Englisch besser können als Deutsch, hätten oft größere Schwierigkeiten beim Deutschlernen, weil viele mit ihnen lieber englisch sprechen.

Diese Erfahrung hat auch Anna Idza aus Brasilien gemacht. Vor drei Jahren beschloss sie nach Österreich zu ziehen. Binnen weniger Monate lernte sie Englisch und fing mit Deutschkursen an. „Manche Menschen denken, dass mir Englisch lieber ist oder werden ungeduldig, wenn ich deutsch spreche. Sie fallen mir ins Wort und sprechen auf Englisch weiter.“ Für Anna Idza ist ihr Deutschkurs hilfreich. Denn dort wird nicht nur Deutsch unterrichtet. Die sprachlich durchmischten TeilnehmerInnen aus Polen, Spanien, Japan oder Russland haben Deutsch als kleinsten gemeinsamen sprachlichen Nenner. Sie nutzen die Sprache auch zur Verständigung untereinander – ohne Angst vor eigenen Fehlern oder fremder Ungeduld.

Schlüssel Respekt. Sprachliche und auch kulturelle Durchmischung in den Kursen ist also sinnvoll. Davon ist auch Ossiri Gnaoré überzeugt: „Es ist eine sozial-politische Aufgabe für alle, miteinander zu kommunizieren – auch mit den Neuankömmlingen.“ Dabei gehe es nicht nur um die Integration in die österreichische Kultur und Gesellschaft, sondern auch um Offenheit und Respekt allen gegenüber, unabhängig von der Herkunft. „Wenn das alle verstehen, egal in welcher Sprache, haben wir ein paar Probleme weniger“, bringt er es auf den Punkt.

Werte, die alle verstehen, helfen auch beim Sprachenlernen. Das hat Sophie Mihaly-Makowitschka erfahren. Viele Jahre unterrichtete sie Deutsch als Fremdsprache, zuletzt beim Österreichischen Integrationsfonds. Immer wieder sei es vorgekommen, dass während des Unterrichts ein Handy läutete oder geschwätzt wurde. „Wenn ich da ‚Respekt, bitte‘ gesagt habe, wussten sofort alle, was das heißt.“

Und wahrscheinlich ist gegenseitiger Respekt die wohl wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration.

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