Sprudelnder Reichtum

Ghana beginnt im Herbst mit dem Export von Öl. Afrikas jüngste Petro-Nation will vieles besser machen als etwa Nigeria - doch Korruption und überzogene Hoffnungen werfen bereits düstere Schatten voraus. Marc Engelhardt aus Accra.

In Takoradi hofft jeder auf einen Teil des Profits. Doch auf den Bohrinseln arbeiten vor allem Spezialisten aus aller Welt.

Noch kellnert Steven Ademor in einer Kneipe, die gleich an der Oxford Street, Accras Partymeile, liegt. Auf einem Tablett balanciert er geschickt mehrere Halbliter-Flaschen Club, die beliebteste Biermarke in Ghanas Hauptstadt. Doch in nicht allzu ferner Zukunft, da ist Ademor sich sicher, wird er in einem Büro sitzen und dort viel Geld verdienen. Wofür genau, weiß er noch nicht, doch das ist nicht so wichtig. „Uns Ghanaer kann niemand aufhalten“, erklärt Ademor seinen ganz eigenen ghanaischen Traum. „Ein paar Jahre, dann haben wir Nigeria und selbst Südafrika abgehängt.“

Der Stoff, aus dem nicht nur Ademors Träume sind, hat zwei Buchstaben: Öl. Im Oktober beginnt der Export von Rohöl aus dem Jubilee-Feld im Golf von Guinea vor Ghanas Küste. 125.000 Barrel sollen hier zunächst täglich gefördert werden, für die Staatskasse bedeutet das Einnahmen von mehr als einer Milliarde Euro jährlich. Mit der Öffnung weiterer Offshore-Ölfelder in den kommenden Jahren soll diese Summe sich mindestens vervierfachen, schätzen ExpertInnen. Die Regierung sagt ein Wirtschaftswachstum von jährlich mindestens zehn Prozent voraus. Aus der ehemaligen Goldküste ist quasi über Nacht die Ölküste geworden.

Kaum irgendwo ist das so deutlich zu sehen wie in Takoradi. Die einst so verschlafene Doppelstadt, die gemeinsam mit der Nachbargemeinde Sekondi mehr als 300.000 EinwohnerInnen zählt, wächst täglich. Denn die Küstenmetropole, gut drei Autostunden westlich von Accra, befindet sich kaum 150 Kilometer vom Jubilee-Ölfeld entfernt. Von Takoradi aus werden die Ölarbeiter auf die Bohrinseln gebracht, im Hafen der Stadt wird das Rohöl auf Tanker gepumpt und verschifft. In unmittelbarer Nähe des Reichtums hoffen Unternehmer und Glücksritter, Uniabsolventen und Ungelernte, Männer und Frauen, etwas vom Reichtum abzubekommen.

Edwin Phillips hat es geschafft. Der Ghanaer hat in Takoradi vor einigen Jahren eine Großschneiderei für Arbeitskleidung eröffnet. Als 2007 die Ölfunde gemeldet wurden, war er der richtige Mann am richtigen Ort. Inzwischen schneidert er nicht nur Blaumänner, sondern auch Sicherheitsanzüge für Schweißer und andere Arbeiter auf den Ölplattformen vor der Küste. „Zwischen dem vergangenen und diesem Jahr hat sich mein Umsatz verdreifacht“, freut sich Phillips. Zur Zeit beschäftigt er fünfzig Angestellte in zwei Schichten. „Aber wenn die Nachfrage weiter so steigt, werde ich den Dreischichtbetrieb einführen und rund um die Uhr arbeiten.“ Phillips hofft, dass die Regierung die Öl-Milliarden richtig anlegen wird. „Ghanas Infrastruktur ist nicht der Rede wert, da muss richtig investiert werden“, glaubt er. Wie viele andere warnt er vor der „nigerianischen Krankheit“: „Wir müssen auch Geld für die Zukunft zurücklegen, nicht einfach nur sinnlos prassen, wie die Nigerianer es gemacht haben.“

Tausende hoffen, es Phillips nachzutun. Wer auf der Küstenstraße, die durch staubige Fischerdörfer führt, nach Takoradi kommt, sieht sofort den Unterschied: renovierte, frisch gestrichene Häuser und viele Neubauten, an denen Werbetafeln und Firmenschilder glitzern. Die Preise für Bauland und Immobilien, so heißt es, sind förmlich explodiert. Unternehmer planen Hotels und Golfanlagen für die erwarteten Arbeiter aus Übersee; Studenten an der örtlichen Hochschule belegen Kurse in Mechanik und Ingenieurswissenschaften, um einige der hochqualifizierten Stellen abzubekommen, die auf den Ölplattformen vergeben werden. Mit großer Wahrscheinlichkeit sind die Erwartungen überzogen: An Bord der Bohrplattform „Erik Raude“ etwa arbeitet nur eine kleine, hoch qualifizierte Crew mit Spezialisten aus der ganzen Welt. Die Operation kostet eine Million US-Dollar pro Tag. Für Amateure, sagt ein Mitarbeiter des irischen Ölunternehmens „Tullow“, ist da kein Platz.

Die Ölunternehmer bemängeln, dass die Regierung es derzeit versäumt, Pläne für die Entwicklung Takoradis zu machen, etwa für Straßen, öffentliche Bauten und Einrichtungen wie Krankenhäuser. „Ghana schläft mit offenen Augen, wenn es ums Ölgeschäft geht“, kritisiert Thomas Manu, der für Ghanas „National Petroleum Corporation“ (GNPC) arbeitet. Oft scheitern ghanaische Firmen aufgrund ihrer geringen Größe: Als es etwa um die Versicherung der Ölbohrplattformen ging, wollte die staatliche GNPC ein Unternehmen vor Ort beauftragen. Doch bald stellte sich heraus, dass keine ghanaische Versicherung genug Kapital besitzt, um die gigantische Operation abzusichern. Eine Fusion lehnten die Versicherungen aber ab – der Auftrag ging ins Ausland.

Mit skeptischem Blick sieht auch Chief Nana Kobina Nketsia den neuen Ölreichtum. „Die Leute hier vor Ort müssen an der Öloperation beteiligt werden, es geht nicht darum, nur ein bisschen Geld hier zu lassen“, mahnt das traditionelle Oberhaupt der Region um Takoradi. „Öl kann ein Fluch sein, wenn die Menschen sich ausgeschlossen fühlen.“ Nketsia fürchtet Unruhen wie im Nigerdelta, wenn verarmte Jugendliche sich als vermeintliche Opfer der Ölförderung zusammenschließen und bewaffnen. Um die Gewinne möglichst weit zu streuen, fordert er die Schaffung kommunaler Unternehmen und viele, kleine Jobs. „Es wäre ein großer Fehler, wenn die Ölfirmen sich wie Piraten benähmen – nicht zuletzt das Unglück im Golf von Mexiko zeigt, wie sehr die Welt heute auf solche Unternehmungen schaut.“

So kritische Worte wie die Nketsias sind selten in Ghana, das im Human Development Index des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP) auf Platz 152 (Medium Human Development) rangiert. In Armenvierteln wie Ashaiman, das am Rand der Hauptstadt Accra liegt, wollen die BewohnerInnen nur eins: etwas vom Geldsegen abhaben. „Ich verdiene 55 Cedi im Monat“, rechnet der Lehrer Felix Akwafo vor. Das entspricht etwa 30 Euro. „Zwanzig gehen für die Miete drauf, bleibt etwa ein Cedi, den ich pro Tag für alles andere ausgeben kann.“ Die Preise für Yams, Cassava, Reis oder Bohnen, Grundnahrungsmittel in Ghana, steigen ständig. „Ich versuche schon, mit Nachhilfestunden ein bisschen Extrageld zu machen, aber die Eltern sind auch knapp bei Kasse.“ Der Staat, so Akwafo, müsse den Armen direkt unter die Arme greifen – anders gehe es nicht.

Doch Ghanas Präsident John Atta Mills, von Haus aus Ökonom und Steuerspezialist, hat andere Pläne. Er will die Öl- und Gasfunde nutzen, um Ghana zu industrialisieren. „Wir brauchen eine diversifizierte Ökonomie für das 21. Jahrhundert“, forderte Atta Mills in seiner jährlichen Ansprache Ende Februar. Der Präsident will eine petrochemische Industrie fördern, die günstigen Kunstdünger für Ghanas Bauern produziert. Ein Entwicklungfonds soll der überwiegend armen Bauernschaft bei dringend benötigten Investitionen unter die Arme greifen. Parallel dazu will Atta Mills die nötigen Fabriken schaffen, um ghanaische Ressourcen vor Ort zu verarbeiten. Lokales Bauxit soll in einer Aluminiumindustrie veredelt, Eisenerz in neuen Hochöfen verhüttet werden. Schließlich soll der neue Reichtum genutzt werden, um das Stromnetz auszuweiten, neue Kraftwerke zu bauen und die Wasserversorgung der Bevölkerung zu sichern. Neue Straßen und eine Eisenbahn runden den Plan ab. Die neue Industrie soll vor allem Jobs für zehntausende Schulabgänger schaffen, die derzeit meist in der Arbeitslosigkeit enden.

Das klingt gut. Doch die GhanaerInnen sind skeptisch – auch deshalb, weil bereits die ersten Korruptionsskandale im Umfeld des Ölreichtums aufgedeckt wurden. So soll eine Scheinfirma, deren Gesellschafter Ex-Präsident John Kufuor nahestehen sollen, sich in einen Teil des Jubilee-Ölfelds eingekauft und zuletzt versucht haben, den Anteil für einen Millionengewinn an den US-Konzern ExxonMobil zu verkaufen. Zwar hat Atta Mills den Verkauf gestoppt, doch die Hintergründe des Deals sind immer noch nicht vollständig aufgedeckt. Angeblich soll der Erlös für die Parteikasse von Kufuors Partei, die derzeit in der Opposition sitzt, bestimmt sein. 2012 wird in Ghana gewählt, die Parteien brauchen Geld.

Noch während Atta Mills, der weithin als integer gilt, versucht, die Korruptionsnetzwerke der Vorgängerregierung zu entschlüsseln, wird Ministern in seinem Kabinett bereits vorgeworfen, sich zu bereichern. Wo Ölmillionen in Aussicht stehen, so scheint es, sinkt die Hemmschwelle, sich aus den Staatskassen zu bedienen. Vielen GhanaerInnen wäre es deshalb lieber, die Regierung würde die Ölmillionen in Preissenkungen für Grundnahrungsmittel investieren: „Dann haben wenigstens nicht nur die da oben was davon“, bilanziert Nani, eine der vielen Straßenverkäuferinnen in Accra.

Marc Engelhardt lebt in Kenia und ist freier Afrikakorrespondent, u.a. für die Tageszeitung Der Standard.

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