Stadtgärtner in São Paulo

In Brasiliens Megametropole werden ungenutzte Grundstücke zu Gemüsegärten umfunktioniert. RentnerInnen und Arbeitslose, die dort arbeiten, können sich nicht nur gesund ernähren, sondern sie erwirtschaften auch ein regelmäßiges Einkommen.

Von Text Sara Mously, Fotos Sascha Montag.
Am Beginn der Gartenarbeit steht aufräumen des Terrains, die Erde auf Schadstoffe testen, einen Zaun ziehen ...

Hans Dieter Temp humpelt, wenn er zwischen den Reihen prächtiger Kohlköpfe stapft, dem zartgrünen Karottenlaub, den Salatköpfen. Ein schwerer Verkehrsunfall vor acht Jahren zerschmetterte ihm beide Hüften, die Knie und den rechten Fuß. Seitdem schmerzt ihn jeder Schritt. Doch am Weitergehen hindert ihn das nicht. Schließlich hat er eine Mission.

Mit seinem blonden Pony über der Stirn, den kleinen, blauen Augen und den kräftigen Unterarmen sieht er nicht wie einer aus, der die Welt verbessert. Man könnte sich den 48-Jährigen gut in Latzhose und mit festen Schuhen auf dem elterlichen Hof vorstellen, wie er gerade Kühe melkt. Doch Temp, brasilianischer Staatsbürger mit schwäbischen Vorfahren, will mehr als das. „Wenn ich ein Problem sehe, will ich es lösen.“

Probleme gibt es viele in São Paulo, der größten Stadt Lateinamerikas. Die Megastadt ist Hoffnung für viele tausende Menschen, die Jahr für Jahr ihr Land verlassen. Getrieben werden sie von Hunger und Verzweiflung, angezogen von der Hoffnung, einen Job zu finden, der sie und ihre Familie ernährt. Doch stattdessen landen die meisten in erbärmlichen Hütten in den Favelas am Stadtrand, in denen die Fernseher vom Glück der anderen erzählen. Ohne Arbeit, ohne regelmäßiges Essen und ohne eine Zukunftsperspektive für ihre Kinder.

Das Projekt „Cidades sem Fome“ („Städte ohne Hunger“), das Temp vor neun Jahren ins Leben rief, hilft zumindest rund 150 von ihnen. Zusammen richteten sie Gemüseäcker in ihrer Nachbarschaft ein. Viele müssen überhaupt nicht mehr einkaufen, so gut sind die Erträge der Äcker. Was sie nicht selbst verbrauchen, verkaufen die Stadtbauern und -bäuerinnen direkt vom Feld an die Nachbarn, beliefern Supermärkte und kleine Restaurants.

Geld und ein voller Magen sind das Eine. Doch die Gärten geben den Menschen noch mehr: Sie geben ihnen ihre Würde zurück. Ackerbau kennen die meisten von ihnen von Kindheit an. Wie der 74-jährige José Dandrade, der mit 17 Jahren das Stückchen Land seiner  Eltern verließ – der kleine Acker hätte niemals gereicht, um ihn, seine fünf Geschwister und alle ihre Nachkommen zu ernähren. Zusammen mit seiner Freundin ging er nach São Paulo. Sechs Kinder habe er großgezogen, erzählt er, „und alle haben Arbeit“. Er stützt sich auf seine Hacke und richtet sich noch etwas weiter auf. Nur er selbst ist unterwegs auf der Strecke geblieben. Sein ganzes Arbeitsleben lang schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch, seine Rente reicht zum Leben nicht. Dandrade hat oft Hunger gehabt in seinem Leben. „Jetzt bin ich wieder Bauer“, sagt er strahlend. „Lieber schinde ich doch meine alte Knochen auf dem Feld, als in meiner Hütte zu sitzen und auf den Tod zu warten.“

21 Gemüsegärten haben Temp und seine inzwischen drei Mitarbeiter schon aufgebaut, allesamt in der östlichen Peripherie der Stadt, wo die Armut São Paulos am größten ist. Auch Temp wohnt in einer ärmlichen Gegend, im Viertel Jardim Laranjeiras, das vor 15 Jahren selbst noch eine Favela war. Temp ist in Agudo aufgewachsen, über 1.000 Kilometer südlich von São Paulo im Bundesstaat Rio Grande do Sul, wo es viele deutschstämmige Enklaven gibt. Er spricht fließend Deutsch, doch mit einem merkwürdigen Akzent. Wenn er „Landwirtschaft“ oder „Löhne“ sagt, hängt das „L“ tief in seiner Kehle. Das „Ö“ klingt nach „E“ – so dass man manchmal nachfragen muss, wenn er „Erlese“ sagt oder „Ferdergelder“.

Fördergelder eintreiben und Spenden, das ist heute Temps Hauptbeschäftigung. Cidades sem Fome kostet Geld. Der wichtigste Sponsor der NGO ist ein Sozialfonds des brasilianischen Ölkonzerns Petrobras, daneben helfen noch einige Banken und ausländische Botschaften.

Langfristig will Temp die Gärten weniger abhängig machen von Fördergeldern. Drei der Gärten stehen finanziell bereits auf eigenen Beinen, so wie der Acker in der Favela Jardim Tietê, zwanzig Kilometer südöstlich vom Zentrum, in dem José Dandrade, Yvonne Getulio und elf weitere NachbarInnen je rund 230 Euro im Monat verdienen. Die Männer und Frauen kennen sich gut genug mit unterschiedlichen Gemüsesorten aus, um das ganze Jahr über anzubauen, und der Vertrieb funktioniert so reibungslos, dass sich die Kooperativen selbst Wasserhähne, Schläuche und Setzlinge kaufen können. Den Gewinn teilen sie gerecht untereinander auf.

Grundstücke für den Ackerbau im Kleinformat finden sich schnell in São Paulo. Zwar ist die Innenstadt dicht bebaut, Wolkenkratzer reiht sich an Wolkenkratzer. Doch an den Rändern franst die Stadt aus, viele Flächen liegen brach. Nicht nur Firmen, auch Privatleute, denen das Geld zum Bauen ausgegangen ist, stellen leere Flächen zur Verfügung. Geld zahlt Cidades sem Fome dafür keines.

Von den Bauvorhaben der Grundbesitzer abhängig zu sein, macht die Verhältnisse für die Bäuerinnen und Bauern unsicher. Sie wissen nie, wann sie ihr Land wieder aufgeben müssen. Zweimal ist ihnen das schon passiert, erzählt Temp, doch beide Male fand sich schnell eine neue Fläche in der Nähe. „Ich habe eine ganze Excel-Tabelle voll mit Grundstücken, auf denen wir jederzeit anfangen könnten“, freut sich Temp. Anfangen, das bedeutet Bodenproben nehmen, die Erde auf Schadstoffe testen lassen, einen Zaun ziehen und Müll und Steine forträumen.

Fast täglich bekommt Temp E-Mails aus Ländern wie Bolivien, Südafrika, Mosambik oder Indien. Die Leute wollen, dass er zu ihnen kommt und hilft, Gewächshäuser zu bauen und Gemeinschaftsgärten anzulegen. Doch zum Reisen fehlt ihm das Geld. Den Bau der Gewächshäuser hat er inzwischen mit Fotos dokumentiert, die Anleitung auf seine Website gestellt. Und alle Fragen, die er beantworten kann, beantwortet er. „Schön wäre es, im Gegenzug dafür Spenden zu bekommen“, sagt er, „Aber die Leute haben ja selbst keinen Speck.“

Für Temp ist es wichtig, sein angehäuftes Wissen und seine Erfahrungen weiter zu geben. „Um nachhaltig zu sein, muss eine Hilfestellung die Menschen befähigen, ihr eigenes Geld zu verdienen und auf eigenen Füßen zu stehen.“ Dazu gehört es, Wissen über den Ackerbau zu vermitteln, das die Menschen an ihre Ehemänner und -frauen, an Nachbarn und Kinder weitergeben können. Dazu gehört auch, den Leuten zu zeigen, wie man sich organisiert und vernetzt. Mit größeren Kunden, wie Geschäften und Restaurants, aber auch untereinander.

Hilfe zu leisten war eigentlich gar nicht sein Ansinnen, als Temp seinen ersten Gemeinschaftsgarten in São Paulo aufbaute. Er wollte bloß nicht länger jeden Morgen, wenn er zur Arbeit ins Rathaus fuhr, das hässliche stinkende Nachbargrundstück gegenüber seiner Wohnung ansehen müssen, auf dem sich einen halben Meter hoch die Abfälle türmten.

Temp machte den Besitzer des Gartens ausfindig. Bot ihm an, das Grundstück frei zu räumen, im Gegenzug wollte er darauf Gemüse anpflanzen dürfen, solange der Nachbar nicht baute. Ungläubig willigte dieser ein. Bald wurde der Garten zum Treffpunkt: Arbeitslose Jugendliche begannen mitzuarbeiten, Mütter kamen vorbei um zu schauen, woher ihre Kinder auf einmal frische Karotten und Kürbisse mitbrachten. Der Garten wurde zum Projekt, zu etwas, an dem alle gemeinsam arbeiteten. Temp spann den Gedanken weiter: „Wäre es nicht großartig, wenn die Stadtbauern und -bäuerinnen mit der Feldarbeit auch ihren Lebensunterhalt verdienen würden?“

Für die 44-jährige Eunice Santana hat sich dieser Traum heute erfüllt. Sie ist Verkäuferin in dem winzigen Gemüseladen, den die Kooperative von Jardim Tietê betreibt. Bis vor zwei Jahren hat sie noch nie einen Beruf gehabt, war immer abhängig gewesen von dem kargen Einkommen ihres Mannes. Jetzt verdient sie bis zu 300 Euro im Monat. In ihrem sauber gefliesten Laden wird nicht nur die Ernte des eigenen Gartens verkauft, sondern auch das, was von anderen Gärten übrig bleibt.

Im März 2010 wurde Temp in Dubai mit dem „International Award for Best Practices to Improve the Living Environment“ des UN-Habitat-Programms ausgezeichnet. Im Herbst vergangenen Jahres wurde er nach Montréal eingeladen, um dort beim „Internationalen Forum für solidarische und soziale Ökonomie“ einen Vortrag vor TeilnehmerInnen aus über 60 Ländern zu halten. Er spielte dabei einen Kurzfilm vor, der die „StadtgärtnerInnen“ von São Paulo bei der Arbeit zeigt. „Ich höre so oft, dass geklagt wird, dass die Regierung bei diesem oder jenem Projekt nicht hilft. Was soll das bringen? Lieber zeige ich den Leuten, was man auch ohne staatliche Unterstützung auf die Beine stellen kann.“ 

Sara Mously lebt in Hamburg und ist seit 2006 als freie Journalistin tätig. Sie ist Mitglied von Zeitenspiegel, einem weltweiten Netz von Autorinnen und Fotografen.

Zum Thema siehe auch www.cidadessemfome.org

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