Städte brauchen Zuwanderung

Von Heinz Fassmann ·

Migration macht Metropolen: Auf diese einfache Formel lässt sich der Zusammenhang von Stadtwachstum und Zuwanderung reduzieren. Städte, große Städte, Metropolen sind immer nur durch MigrantInnen zu solchen geworden. Diese Aussage gilt besonders für die Gegenwart aber auch für die Vergangenheit, für die Erste Welt genauso wie für die so genannte Dritte Welt.

In den Städten der Ersten Welt reicht die Bevölkerungsentwicklung schon seit längerem nicht mehr aus, die Einwohnerzahl zu stabilisieren. Die Zahl der Geburten ist geringer als die Zahl der Sterbefälle oder gleicht diese bestenfalls aus. Dazu kommt die Abwanderung der städtischen Bevölkerung in das Stadtumland. Der Wunsch nach dem Wohnen im Grünen, nach intakter Umwelt und selbst gestaltbarem Wohn- und Lebensraum veranlasst immer mehr zum Verlassen der Kernstadt und zur Ansiedlung in den suburbanen Gemeinden des Stadtumlandes.
Die Tatsache, dass die Einwohnerzahlen der großen Städte dennoch zunehmen oder lediglich stagnieren, verdanken sie ausschließlich der internationalen Zuwanderung. Sie ist die einzige demographische Komponente, die für eine Stabilisierung der Bevölkerungszahl der Städte der Ersten Welt sorgt. Sie gleicht die Abwanderung in das Umland sowie das wachsende Geburtendefizit aus, und sie sorgt für ein Mehr an potenziellen Müttern und Vätern. Denn die Zuwanderer sind meist jüngere Menschen und haben ihr „reproduktionsfähiges“ Alter noch vor sich.
Anders ist die Situation in den großen Metropolen der Dritten Welt. Dort stellt die Zuwanderung aus dem Ausland oder aus anderen Landesteilen eine zusätzliche Wachstumskomponente dar und nicht eine Kompensation für Bevölkerungsverluste. Die höhere Fruchtbarkeit einer vergleichsweise jungen Bevölkerung sorgt für einen hohen Geburtenüberschuss und garantiert auch ohne Zuwanderung das Halten der Einwohnerzahlen. Jede Migration führt damit zum Wachstum der Bevölkerung und stellt den Wohnbau, die Infrastrukturplanung und das bescheidene öffentliche Sozialsystem vor große Probleme.

Städte sind für MigrantInnen attraktiv – zumindest im Vergleich zu den Lebensbedingungen in den Herkunftsgebieten. Sie geben Hoffnung auf Erwerbsarbeit und Einkommen. Gerade in den großen Städten mit einem wachsenden und differenzierten Dienstleistungssektor finden sich immer wieder Erwerbsmöglichkeiten für Zuwanderer mit sehr hoher, aber auch mit sehr geringer Qualifikation. Die Migration von Eliten verläuft in den Metropolen der Welt mit jener von Hilfskräften Hand in Hand. Computerspezialisten, Aktienhändler oder Experten des internationalen Handelsrechts werden ebenso nachgefragt wie Tellerwäscher, Kindermädchen oder Paketzusteller.
Dazu kommt die Anonymität der Großstadt, die ein Leben ohne soziale Kontrolle ermöglicht. Die Stadt nimmt die Fremden auf, fragt nicht lange nach Herkunft und Legalität und macht sie über kurz oder lang zu ihren BürgerInnen. Zuwanderer können in die städtische Gesellschaft ein-, dort manchmal auch untertauchen und versuchen, ihre Hoffnungen auf ein besseres Leben zu realisieren. Das gilt für die großen Städte Europas, vielmehr aber noch für die Metropolen der Dritten Welt.
Ein Großteil der Migrationen basiert dabei nicht auf zufälligen Strukturen, sondern wird durch Informationen, Versprechungen und konkreten Angeboten familiärer oder ethnischer Netzwerke vorbereitet. Zuwanderer, die in die Metropolen kommen, finden dort die Angehörigen der eigenen Familie, des Clans oder Personen der gleichen Herkunft, die ihnen Wohnraum und Arbeitsmöglichkeiten für die erste Zeit der Existenzsicherung zur Verfügung stellen. Sie wandern nicht in ein Neuland, sondern in ihr ethnisches Netz. Das hängt mit praktischen Erfahrungen zusammen, in Europa und in den USA auch mit den rechtlichen Bedingungen der Zuwanderung. Ein Großteil der legalen Zuwanderung aus Staaten außerhalb der EU oder USA kommt im Rahmen des Familiennachzugs. Offizielle Einladungen und Erklärungen von Angehörigen in den Zielstaaten, die für die Kosten des Aufenthalts aufkommen, stellen formale Elemente einer familienorientierten Wanderung dar.

Die Zuwanderung verläuft trotz der Einbettung in bestehende familiäre und ethnische Netze selten konfliktfrei. MigrantInnen suchen längerfristig einen neuen Ort zum Leben und verschaffen sich „Platz“ in der Gesellschaft. Aber dort, wo die einen Platz nehmen, müssen andere weichen. Verdrängungsprozesse auf den Wohnungs- und Arbeitsmärkten finden immer wieder statt, denn Zuwanderer nehmen nicht nur freie Arbeitsplätze ein und bewohnen nicht nur leer stehende Wohnungen, sondern betreten die Märkte als neue KonkurrentInnen und stellen damit gegebene Verteilungsmuster in Frage.
Auf den Arbeitsmärkten tendieren besonders die unqualifizierten MigrantInnen dazu, niedrigere Löhne zu akzeptieren und alles zu tun, was ihnen als Beschäftigung angeboten wird. In den „typischen“ Sektoren der Ausländerbeschäftigung ist damit ein steigender Druck auf Löhne und Gehälter zu bemerken, was weder von den Gewerkschaften noch den inländischen Arbeitskräften gerne gesehen wird. Und auch im Bereich der qualifizierten Zuwanderung sorgt deren Beschäftigung für ein tendenzielles Sinken der Löhne oder für eine Verdrängung der InländerInnen.
Mit den geringen Einkommen steht den Zuwanderern aber auch nur ein beschränktes Ausmaß an Wohnmöglichkeiten zur Verfügung. Sie müssen das nehmen, was leistbar ist und sie ziehen dorthin, wo bereits andere der gleichen Herkunftsgruppe leben. Behelfssiedlungen an den Rändern der Metropolen der Dritten Welt und ethnische Ghettobildung in den abgewohnten Teilen der Städte der Ersten Welt sind die Folge. Dazu kommen in manchen europäischen Staaten die rechtlichen Rahmenbedingungen reglementierter Wohnungsmärkte, die die Wahlmöglichkeiten der Zuwanderer zusätzlich einschränken.
Die hohe Konzentration der zugewanderten Bevölkerung erzeugt in weiterer Folge die Probleme, die in der öffentlichen Diskussion und als unmittelbare Auslöser von Fremdenfeindlichkeit eine zentrale Rolle spielen: die Ballung von Personen mit anderer Hautfarbe, kulturellem Hintergrund und Lebensstilen, die Konzentration von Armut, Arbeitslosigkeit und manchmal auch Kriminalität in ausgesuchten Stadtteilen. Das gilt für die Städte der Dritten Welt genauso wie für jene der Ersten und ruft bei den Eingesessenen das Gefühl von Bedrohung und Abwehr aus. Menschen erleben den Wandel ihres früher kulturell homogenen Wohnviertels zu einem multikulturellen und multiethnischen Stadtteil, und viele verstehen diese Entwicklung nicht. Dankbar stimmen sie jenen politischen Parolen zu, die einfache Erklärungen vermitteln oder ein Zurück der Zuwanderung fordern. Oder sie verlassen – wie in den US-amerikanischen Städten – ihre alten Wohnviertel und ziehen in jene Suburbs, die eine sozial und ethnisch homogene Wohnnachbarschaft garantieren.

Eine Migrationspolitik für die Metropolen der Dritten Welt muss auf Reduktion der Zuwanderung abzielen. Keine Stadt, auch nicht die vergleichsweise reichen Städte Europas oder der USA könnten das migrationsbedingte Wachstum verarbeiten, welches in Istanbul, Bombay oder Dakar zu beobachten ist. Die Einwanderungspolitik müsste daher in erster Linie danach trachten, den Menschen in den Abwanderungsgebieten Hoffnung auf Existenzsicherung zu geben, um damit die quantitativ hohe Land-Stadt-Wanderung zu reduzieren.
Eine Migrationspolitik für die Metropolen der Ersten Welt basiert dagegen auf einer grundsätzlich anderen Zielsetzung. Es gilt nicht, Zuwanderung zu verhindern, sondern lediglich zu steuern. Denn die Metropolen Europas und der USA brauchen Zuwanderung, um die Einwohnerzahl zu stabilisieren und eine rasche Alterung zu verhindern. Die Migrationspolitik sollte pro-aktiv, vorausschauend und langfristig angelegt sein, und sie soll es der Stadt ermöglichen, attraktive, talentierte und motivierte MigrantInnen zu gewinnen. Sie sollte auch klar sagen, welche Form der Anpassung von den Zuwanderern erwartet wird und welche kulturellen und religiösen Freiräume gewährt werden. Sie sollte mehr als bisher die Bedingungen explizit machen, aber auch den Zuwanderern eine klare Lebensperspektive bieten. Sie sollte nicht kulturell einebnen, aber gleichzeitig die Entstehung von Parallelgesellschaften verhindern. Offenheit soll nicht mit einem Laissez-faire oder einem „everthing goes“ verwechselt werden. Vielfalt und Einheit müssen kein Widerspruch sein, und jene Metropolen werden als attraktive Standorte gelten, denen das gelingt.

Heinz Fassmann ist Professor für Angewandte Geografie, Raumforschung und Raumordnung an der Universität Wien.

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