Stilles Leiden

Neun Jahre nach dem Völkermord bilden auseinander gerissene Familien neue Gemeinschaften. Das Überleben in Ruanda ist hauptsächlich Frauensache.

Von Claudia Heissenberg
In den 100 Tagen des Genozids von 1994 werden bis zu einer Million Menschen in Ruanda hingemetzelt, 10.000 pro Tag. Ein Blutrausch ohne Ende. Aufgestachelt von den Machthabern, bringen die Hutu ihre Nachbarn, die Tutsi um.
Neun Jahre nach dem Völkermord herrscht eine merkwürdige Stille in Ruanda. Es ist die Stille der Massengräber und der zerstörten Häuser – Ruinen am Wegesrand. Die Stille der Überlebenden, die ihre Sprache verloren haben. Man spricht nicht über die Zeit des Genozids. Und wenn man es doch tut, geschieht es verhalten, mit gedämpfter Stimme, im Flüsterton. Ruanda ist voll von lautlosem Leiden.
„Nach dem Attentat auf den Präsidenten gab es im Dorf Versammlungen. Dort wurde den Hutus gesagt, dass sie die Tutsi töten sollen, weil sie Komplizen der Rebellen sind. Nachbarn haben unser Haus zerstört. Wir flohen zum Gemeindebüro, aber als wir dort ankamen, wartete bereits eine Gruppe Soldaten. Meine Eltern und viele andere wurden umgebracht.“ Den Blick starr ins Leere gerichtet, erzählt Beatrice mit tonloser Stimme, wie die Männer auch sie geschlagen haben. Wie man sie auf einen Leichenhaufen warf in der Annahme, sie wäre tot, und wie sie stundenlang zwischen den Kadavern lag. „Ich hatte den Tod vor Augen, aber ich hatte keine Angst mehr. Als die Milizen weg waren, habe ich mich in den Maisfeldern versteckt. Ich hatte Hunger, war vom Regen durchnässt und fror.“
Im Juli 1994, gut drei Monate nach dem Beginn der Massaker, fällt die Hauptstadt Kigali in die Hände der Tutsi-Rebellen. Wie Beatrice haben Hunderttausende Kinder ihre Eltern verloren und sind plötzlich auf sich gestellt. Noch heute werden rund 85.000 Haushalte von Kindern und jungen Erwachsenen geleitet, 70 Prozent sind Mädchen. Beatrice war damals 14 Jahre alt. Gemeinsam mit ihrem acht Jahre alten Bruder Eric und der sechsjährigen Claudette zieht sie in ein verlassenen Haus, dessen Besitzer ins Ausland geflohen war. „Ich habe auf den Feldern nach Essbarem gesucht, wir hatten nichts zum Anziehen, alles was wir vor dem Krieg besaßen, war gestohlen oder zerstört.“
Heute lebt Beatrice mit ihren Geschwistern in einem kleinen Häuschen mit drei liebevoll dekorierten Zimmern. Von der Wohnzimmerdecke hängen zwischen Bahnen aus frischem Grün Fächer und Blumen aus Silberpapier. Die weiß gekalkten Wände sind mit Heiligenbildern dekoriert, auf dem einfachen Holztisch liegt eine blaue Decke. Den Haushalt hat die 23-jährige tadellos in Schuss. Wenn die Ernte reichlich ausfällt, verkauft sie einen Teil auf dem Markt. Von dem Erlös kann die Familie gut leben.
Vor drei Monaten zogen noch Neffe Aimable und zwei Nichten ins Haus, nachdem ihre Mutter, die große Schwester von Beatrice, an Aids gestorben war. „Sie war eine Vagabundin, eine Herumtreiberin, die sich mit jedem Mann einließ. Ihre Kinder sind auch von verschiedenen Vätern“, sagt Beatrice und schüttelt missbilligend den Kopf. „Dadurch ist alles noch schwieriger geworden, drei Kinder mehr, das ist schon hart. Aber ich kann sie doch nicht rauswerfen. Es gibt niemanden sonst, der sich um sie kümmert.“

„Milles Collines“ – das Land der tausend Hügel ist in dunkle Wolken gehüllt. Es regnet in Strömen. Dicke Tropfen fallen durch die Löcher im Dach der Hütte auf den kargen Lehmboden. „Das Haus ist überall kaputt, auch das Fundament bröckelt und ich weiß nicht, woher ich das Geld nehmen soll, um es zu reparieren.“ Die 18-jährige Leoncie zuckt mit den Schultern. Gemeinsam mit sechs Geschwistern lebt sie am Rande eines kleinen Dorfes in der Provinz Gitarama, anderthalb Stunden von der Hauptstadt Kigali entfernt. In einem Haus ohne Strom und fließendes Wasser. Nachts schlafen sie zu siebt auf einer dünnen Strohmatte und teilen sich eine einzige Decke.
Als im April 1994 die Massaker begannen, floh Leoncie mit ihrer Familie nach Süden in Richtung Burundi. Der Vater lief mit den Kühen voraus. Er wird von Hutu-Milizen überfallen und getötet. „Wir haben seine Leiche gefunden, haben gesehen wie er zugerichtet worden war, mit Macheten und Schlagstöcken. Die Soldaten haben auch mich verprügelt. Mein kleiner Bruder wurde bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen.“
Leoncie und ihre Geschwister schaffen es mit der Mutter nach Burundi. Im Sommer 1994 kehren sie in ihr Dorf zurück. Das Haus war zerstört. Sie mieten eine Bleibe im Dorf. Zwei Jahre nach dem Krieg stirbt auch die Mutter. Leoncie ist elf Jahre alt. Ihre etwas ältere Schwester Marie lebte damals bei einer Tante in Uganda. Also ist sie diejenige, die die Verantwortung für die Kleinen übernehmen muss.
Leoncie besitzt ein kleines Stück Land, auf dem sie Maniok und Bohnen zieht. Außerdem versorgt sie zwei Kühe und zwei Kälber von ihrem Cousin. Sie hütet die Tiere für ihren Dung, den sie auf die Felder ausstreut. Die Kälber leben mit im Haus – im dritten Zimmer neben dem Hauptraum und der Vorratskammer, die kaum diesen Namen verdient. Gekocht wird im Stall, auf einer Feuerstelle im Dreck. Ab und zu kommt Lin, ein Agronom von der „Fondation Barakabaho“ vorbei, bringt Saatgut für Gemüse oder hilft bei der Ernte. Die ruandische Nichtregierungsorganisation unterstützt Witwen und Waisen des Bürgerkrieges. Sie sorgt auch dafür, dass die Kleinen zur Schule gehen können, und zahlt das Internat des 16-jährigen Uzziel.
Trotz der Hilfe ist Leoncie deutlich überfordert mit dem, was das Leben von ihr verlangt. „Wenn ich andere Kinder sehe, die Eltern haben, und die keine Probleme haben, weil sich die Eltern darum kümmern, dann bin ich traurig. Ich führe den Haushalt und erziehe die Kleinen, bringe ihnen unsere Kultur bei, zeige ihnen die Feldarbeit. Wenn sie aus der Schule kommen, bin ich es, die ihnen zu essen gibt. Ich bin wie ihre Mutter.“

Clementine hat Rückenschmerzen. Von der Lendengegend ziehen sie bis hinunter in die Füße. Nachts kann die 25-jährige kaum schlafen. Jede kleine Bewegung tut weh. „Während des Völkermordes wurde ich von den Milizen verfolgt. Ich bin gerannt, dann aber gestolpert und in einen Graben gefallen. Ich glaube, dabei habe ich mir etwas gebrochen.“ Zusammen mit vier Brüdern und zwei Schwestern war Clementine aus dem Haus geflohen, der Vater blieb. Er glaubte nicht, dass es so schlimm werden würde. Die Kinder liefen zu einem Nonnenkloster, aber dort warteten schon die Schlächter. Eine kleine Schwester und zwei Brüder werden erschlagen.
Als Clementine nach dem Krieg in ihr Elternhaus zurückkehrt, findet sie die Leichen ihres Vaters und eines Bruders. „Man hatte die Kadaver in die Latrine geworfen. Zuvor hatten sie meinen Vater mit der Machete geschlagen und überall verletzt, aber er war noch nicht tot, als sie ihn in die Latrine warfen. Er hat um Mitleid gefleht, aber sie haben ihn einfach dort liegen lassen. Meinen kleinen Bruder haben sie gesteinigt. Auch er lag in der Toilette. In seinem Kopf steckte ein spitzer Stein.“
Clementine kennt den Mörder ihres Vaters. Der Mann war zunächst im Gefängnis, wurde aber vor kurzem frei gelassen, weil er schon alt ist und ein Geständnis abgelegt hat. Er lebt jetzt wieder in seinem Haus im Nachbarort, 30 Minuten zu Fuß entfernt. Das ruandische Wort für Vergebung bedeutet so viel wie „miteinander weinen.“ Das Opfer weint über seinen Verlust, der Täter über seine Tat. Aber der Mörder ihres Vater hat sich nie bei Clementine blicken lassen. „Es fällt mir sehr schwer, jemandem zu verzeihen, der Menschenleben auf dem Gewissen hat. Aber wir müssen zusammenleben, die, die dem Tod entronnen sind und die, die getötet haben. Gott hat uns Vergebung gelehrt. Und ich treffe mich auch schon wieder mit Hutu-Nachbarn, es ist fast wieder so wie vor dem Krieg. Doch ganz tief in mir drin spüre ich, dass ich das, was ich erlebt habe, nicht vergessen kann.“ Ihre Rückenschmerzen werden von Tag zu Tag schlimmer. Aber für ein Röntgenbild hat Clementine kein Geld.

Claudia Heissenberg ist freiberufliche Journalistin und lebt in Köln. Sie bereiste kürzlich Ruanda.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen