Stunde des Abgesangs

Die Elfenbeinküste und Guinea wollen durch eine nachholende Demokratisierung endlich zur Stabilität finden.

Von Dominic Johnson
Wahlen in der Elfenbeinküste: Alassane Ouattara und Laurent Gbabgo treten zur Stichwahl an.

Demokratie in Afrika ist ein unfertiges Projekt. Zwanzig Jahre, nachdem die postkolonialen Einparteienregime in einem Land nach dem anderen zusammenbrachen, gibt es immer noch historische Premieren. So die ersten wahrhaft freien Wahlen in der Elfenbeinküste Ende Oktober sowie in Guinea Ende Juni. Nicht die pompösen Erklärungen der Spitzenpolitiker unterstreichen die historische Tragweite dieser Ereignisse, sondern die leuchtenden Augen der vielen jungen ivorischen und guineischen Erstwählerinnen und Erstwähler, die sich erstmals als StaatsbürgerInnen ernst genommen fühlten.

Dass Guinea das Schlusslicht Westafrikas beim Aufbau demokratisch legitimierter Institutionen ist, verwundert kaum. Das Land liegt am Boden, nach jahrzehntelanger Isolation unter Gewaltherrschern und schließlich der kurzlebigen Operettendiktatur von Moussa Dadis Camara, der DemonstrantInnen kurzerhand zusammenschießen ließ (siehe SWM 11/09 + 03/10). Die GuineerInnen warteten seit der Unabhängigkeit 1958 vergeblich darauf, dass es ihnen besser geht und die versprochene Freiheit endlich kommt. Nun ist die Ära der Militärherrschaft endgültig vorbei, bei der Stichwahl am 7. November* kandidierten zwei Diktaturopfer: Cellou Dalein Diall und Alpha Condé. Jetzt erst kann normale Politik beginnen in einem Land, dessen Rohstoffvorkommen zu den reichsten Westafrikas gehören und dessen Bevölkerung zu den ärmsten.

Die Elfenbeinküste als zweites Schlusslicht kommt hingegen eher überraschend. Während Guinea nach der Unabhängigkeit in Armut und Gewalt versank, stieg die Elfenbeinküste zum Wirtschaftsmotor der Region auf, mit der größten Kakaoernte der Welt, mit der größten katholischen Basilika der Welt, mit Westafrikas erstem glitzernden Hochhaus-Hauptstadtzentrum, Manhattan-gleich inmitten der Lagune von Abidjan gelegen, und mit Millionen arbeitssuchender MigrantInnen aus den Nachbarländern. Aber als Langzeitherrscher Félix Houphouët-Boigny, Architekt des ivorischen Wunders, 1993 starb und sich von zwei rivalisierenden Nachfolgern nur einer durchsetzte, begann eine Ära der Spaltung, die erst Politiker und dann ganze Volksgruppen aufeinanderhetzte (siehe SWM 07/07).

Drei Männer prägten die ivorische Politik nach 1993: Henri Konan Bédié, der neue Präsident und Garant der Kontinuität der Kakaobarone; Alassane Ouattara, liberaler Wirtschaftsreformer und zunehmend Gegner des verknöcherten Regimes; und Laurent Gbagbo, radikaler Untergrundoppositioneller und Mobilisator der unzufriedenen Jugend. Hätten diese drei Giganten sich einmal alle gemeinsam an der Wahlurne messen können, wäre der Elfenbeinküste vieles erspart geblieben. Aber dazu kam es nicht. Wer auch immer regierte, schlug die Tür hinter sich zu und verweigerte seinen Rivalen die politische Partizipation.

Statt der von Houphouët-Boigny gepredigten nationalen Einheit und der Offenheit der Elfenbeinküste als natürliche Führungsmacht Westafrikas setzte sich ein nationalistisches, xenophobes Denken durch, das die „Elfenbeinigkeit“ („Ivoirité“) zum Nationalcharakter erhob und „nicht-ivorische“ Teile der Bevölkerung zu AusländerInnen abstempelte. Der davon besonders betroffene, mehrheitlich muslimische Norden der Elfenbeinküste trat deswegen 2002 in den bewaffneten Aufstand gegen Gbagbo. Diese Region, aus der auch Ouattara kommt, wird bis heute faktisch von Rebellen regiert.

In diesem Klima überhaupt freie Wahlen zu organisieren, ist gewagt, aber wenn es klappt, ist es heroisch. Es klappte, zumindest im ersten Wahlgang. Das Ergebnis reproduzierte die Spaltung der Elfenbeinküste: Im Süden siegte Gbagbo, im Norden Ouattara. Ob die für den 28. November* angesetzte Stichwahl zwischen beiden die letzte Schlacht des alten Bürgerkrieges bedeutet oder die erste eines neuen, bleibt abzuwarten. In jedem Fall aber dauerte alles so lange, dass die Elfenbeinküste in tiefer Stagnation versank. Noch herrscht kein schreiendes Elend wie in Guinea, wohl aber dominiert eine tief verwurzelte Hoffnungslosigkeit. Im Hahnenkampf einer Handvoll Politiker hat eine ganze Generation ihre Zukunftsperspektiven verloren.

Die nachholende Demokratisierung in der Elfenbeinküste und in Guinea bedeutet auch, dass die Wahlen trotz ihrer historischen Bedeutung eher ein Abgesang auf alte Zeiten gewesen sind als das Einläuten einer neuen Ära. Gbagbo und Ouattara verkörpern beide die Vergangenheit, ebenso Cellou und Conté in Guinea. Sie sind würdige Vertreter ihrer Zeit, aber diese Zeit ist eigentlich um. Nun stehen sie vor der immensen Herausforderung, in ihren Ländern funktionierende Staatswesen aufzubauen, mit denen sich auch die junge Generation identifizieren kann.

*) Das Ergebnis der Stichwahlen stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest.

Dominic Johnson ist Afrika-Redakteur bei der Berliner Tageszeitung taz.

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