Sturmwarnung für Westafrika

Der Anschlag in Grand Bassam in der Elfenbeinküste hat gezeigt: Der islamistische Terror bedroht auch Gebiete außerhalb bisheriger Konfliktregionen, berichtet Katrin Gänsler.

Grand Bassam, Elfenbeinküste: Auch Wochen später erinnern noch zahlreiche Blumenkränze an die Opfer des Terroranschlags vom 13. März.© Katrin Gänsler

Die Blumengebinde aus Plastik liegen noch immer an der Mauer, die das Hotel L‘Étoile du Sud etwas abschirmen soll. Auf den Schleifenbändern stehen Beileidsbekundungen für die 19 Opfer, die Anhänger der Terrorgruppe Al-Quaida im Islamischen Maghreb (AQMI) am 13. März in Grand Bassam umgebracht haben. Manchmal sind es auch nur drei Worte: Nein zum Terrorismus.

Dass die Gruppe in Grand Bassam, jenem beliebten Erholungsort, der seit 2012 zum Welterbe der UNESCO gehört, zugeschlagen hat, hat viele Ivorerinnen und Ivorer getroffen. Bereits im Jänner hatte Frankreich zwar vor einem Angriff in Senegal oder der Elfenbeinküste gewarnt. Trotzdem überraschte er viele der 23 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner des Landes. Während in der Wirtschaftsmetropole Abidjan wieder Alltag eingekehrt ist, spürt man das Entsetzen in dem Küstenort noch deutlich.

Egal, welches Hotel man besucht: Touristinnen und Touristen sind nirgendwo zu sehen. „Es hat uns wirklich kalt erwischt“, sagt ein Gastronom, der seit Jahrzehnten ein Hotel betreibt und sich nicht namentlich äußern möchte. Eigentlich ist im Mai wegen der vielen Feiertage sonst Hochsaison. Er blättert durch seinen Kalender: „Keine einzige Reservierung.“

Großanschläge. Grand Bassam ist der Schauplatz des dritten großen Anschlags innerhalb von vier Monaten in Westafrika. Am 20. November 2015 griff die Gruppe Al-Mourabitoun das Radisson Blu-Hotel in der malischen Hauptstadt Bamako an und riss 20 Menschen in den Tod. Als Kopf der Gruppe gilt der Algerier Mokhtar Belmokhtar, den man in den vergangenen Jahren schon ein paar Mal für tot erklärt hat. Belmokhtar war viele Jahre Mitglied von AQMI, die 2007 gegründet wurde. Seine noch recht unbekannte, neue Miliz Al-Mourabitoun sieht sich als Teil des Netzwerkes.

Gerade in Mali hat AQMI einige Splittergruppen, wie die Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika (MUJAO) sowie Ansar Dine („Verfechter des Glaubens“). Während der Tuareg-Revolution im Frühjahr 2012 hielten sie den Norden Malis gut neun Monate lang besetzt. Kleinere Anschläge, die in Europa nicht wahrgenommen werden, zeigen, wie aktiv die Gruppierungen bis heute sind.

Neue Strategie? Am 15. Jänner 2016 attackierte AQMI in Ouagadougou das Splendid Hotel sowie das gegenüberliegende Café Cappuccino, ein sehr beliebtes Kaffeehaus für Besucherinnen und Besucher der Hauptstadt von Burkina Faso.

Der AQMI-Angriff mit 27 Toten kam dort ebenso überraschend wie in Grand Bassam. Zwar heißt es seit Jahren über Burkina Faso, dass sich dort Schläfer unterschiedlicher Terror-Gruppierungen aufhalten. Dennoch gilt das Land mit den knapp 19 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern seit Jahrzehnten in Sachen Terror als stabilisierender Faktor in der Region. Es mag zynisch klingen, doch Beobachterinnen und Beobachter betonten immer wieder, dass auch Terroristen einen ruhigen Rückzugsort brauchen – wohl eine Fehleinschätzung.

Ob Bamako, Ouagadougou oder Grand Bassam – Ziel aller drei Anschläge war es, sowohl AusländerInnen als auch die westafrikanische Mittelschicht zu treffen. Dafür wurden Orte gewählt, an denen Großveranstaltungen stattfanden und an denen man sich privat verabredet hat. Spätestens seit der Attacke auf Grand Bassam hat sich die Besorgnis in ganz Westafrika erhöht. In Benins Hafenstadt Cotonou haben Hotels und Supermärkte mittlerweile Kontrollen eingeführt. Auch in Niamey werden verstärkt Autos untersucht. Vor allem während der Präsidentschaftswahl Ende Februar galt die Hauptstadt von Niger als heißer Tipp für das nächste Attentat.

Eine andere Gruppe bedroht die Region dabei viel stärker als AQMI & Co: Boko Haram („Westliche Bildung ist Sünde“), die aktuell im Norden Nigerias sowie in den Nachbarländern Niger, Tschad und Kamerun aktiv ist.

„Kleiner Bruder“ des IS. Die Bewegung, die seit 2002 existiert und sich 2009 nach der Erschießung von Gründer Mohammed Yussuf radikalisierte, wurde Ende vergangenen Jahres im Terrorismus-Index (GTI) als „gefährlichste Gruppierung der Welt“ eingestuft. Die Kämpfer töteten demnach im Jahr 2014 insgesamt 6.644 Menschen. Dem Islamischen Staat werden im gleichen Zeitraum 6.073 Opfer zugerechnet. Trotzdem musste sich Boko Haram 2015 quasi als „kleiner Bruder“ dem IS anschließen.

Wie eng die Boko Haram-Verbindungen zum IS, aber auch zu AQMI sind, lässt sich nur schwer sagen. Wahrscheinlich ist, dass einige Boko-Haram-Kämpfer im Ausland ausgebildet werden. 2012 berichteten Augenzeugen außerdem von Boko-Haram-Mitgliedern, die sich der MUJAO in Nordmali angeschlossen hatten.

Regionaler Fokus. Trotz internationaler Verbindungen gilt Boko Haram aber weiter als regionales Phänomen. 2011 gab es einen Anschlag auf das Gebäude der Vereinten Nationen in Nigerias Hauptstadt Abuja. Ab Februar 2013 wurden mehrere EuropäerInnen entführt und wieder freigelassen. Doch die Terrormiliz sorgt nicht in den teuren Hotels von Abuja, den schicken Clubs in Lagos für Angst und Schrecken, sondern in ländlichen Gebieten im Nordosten Nigerias sowie rund um den Tschadsee. Bekanntestes Beispiel ist die Entführung von 276 Schülerinnen aus Chibok, die im April 2014 durchgeführt wurde. Aktuell befinden sich noch 219 der Mädchen in der Gewalt der Gruppe.

Die Armee spricht trotzdem seit Monaten über ihren Erfolg im Kampf gegen Boko Haram. Der Ende März 2015 gewählte Präsident Muhammadu Buhari sagte im Dezember 2015, man habe die Miliz „technisch“ besiegt. Tatsächlich hat die Zahl großer Anschläge abgenommen. In Yola, der Provinzhauptstadt von Adamawa, hilft das den vielen Binnenflüchtlingen allerdings nicht. 2,4 Millionen Menschen mussten in der Region ihre Heimatdörfer verlassen. „Die Kämpfer sind doch noch überall. Ich kann sie dir zeigen“, sagt der Bauer Daniel Kumba, der mit seiner Familie vor mehr als einem Jahr aus der Kleinstadt Gwoza fliehen musste. Wann er zurückkehren kann, weiß er nicht.

In Grand Bassam schaut der Hotelier sein altes, graues Schnurtelefon an. Noch immer hat niemand angerufen und ein Zimmer reserviert. Wann es wohl endlich wieder klingelt? Er zuckt mit den Schultern.

Katrin Gänsler ist Korrespondentin mehrerer deutschsprachiger Medien in Westafrika.

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