Syrische Verhältnisse im Irak

Der Vormarsch der ISIS im Irak brachte eine bereits brenzlige Situation zum Explodieren. Mit den Kämpfen geht eine immer tiefer gehende Spaltung entlang konfessioneller Grenzen in der ganzen Region einher.

Von Tyma Kraitt
Anbar, Westirak: Bewaffnete Sunniten beten (April 2014).

Mitte Juni schwappte der Syrienkonflikt endgültig über die Grenze in den Irak: Die dschihadistische Organisation ISIS (Islamischer Staat im Irak und der Levante) forderte die irakische Armee sowie kurdische Kräfte heraus. Das Chaos hatte den krisengeprüften Irak wieder.

Es war nicht ISIS allein, die sich anfangs von der Provinz Anbar im Westen des Irak Richtung Osten und Norden vorkämpfte. Es dürfte sich vielmehr um ein Bündnis aus unterschiedlichen Gruppen handeln, das neben ISIS auch von den Angehörigen der ehemaligen irakischen Armee dominiert und von größeren Teilen der sunnitischen Stammesverbände unterstützt wird.

ISIS greift den Wunsch der sunnitischen Bevölkerung im Irak nach Selbstbestimmung auf. Viele SunnitInnen begrüßen die Präsenz der Organisation. Aber wie schon der Name der Organisation nahe legt, geht es ihnen um mehr: die Errichtung eines Kalifats, das sich von Irak bis zur Levante, d.h. zur östlichen Mittelmeerküste erstreckt. Mittelfristig wird ISIS versuchen, ihre Territorien im Irak und in Syrien zu verbinden.

Der neue Fokus auf den Irak von ISIS ist auf den Vormarsch der syrischen Streitkräfte in Syrien zurückzuführen. Es ist aber auch das Ergebnis der offenen Rivalitäten zwischen dschihadistischen Organisationen in Syrien: Durch die Konfrontationen mit der salafistischen Al-Nusra-Front bzw. der von Saudi-Arabien geförderten Islamischen Front wurde versucht, ISIS den Führungsanspruch streitig zu machen. Das brachte ISIS zeitweise in Syrien in Bedrängnis. Dank der Erfolge im Irak stärkte ISIS ihre Position innerhalb der terroristisch-dschihadistischen Strömungen in der Region.

Die Eskalation im Irak ist auch dem harten Vorgehen des irakischen Premierministers Nuri al-Maliki geschuldet, der sich damit besonders bei SunnitInnen immer mehr Feinde gemacht hat. RegierungsgegnerInnen wie der mittlerweile nach Italien geflüchtete Menschenrechtsaktivist Muhamad al-Darraji kritisieren etwa die brutale Niederschlagung der friedlichen Protestbewegungen im mehrheitlich sunnitischen Anbar 2011/12 durch die berüchtigte irakische Spezialeinheit ISOF. Dieses Vorgehen habe den Weg zur Militarisierung des Konflikts geebnet. Maliki ließ sich durch den ISIS-Vormarsch nicht von seinem Kurs abbringen. In Teilen Bagdads kam es Mitte Juni erneut zu willkürlichen Massenverhaftungen von sunnitischen Jugendlichen und jungen Männern.

Den regierenden SchiitInnen wird schon seit Jahren vorgeworfen, die sunnitische Minderheit – unter Saddam Hussein war sie die Elite des Landes – politisch zu isolieren und der Willkür von Sicherheitskräften und schiitischen Milizen auszusetzen. Die Regierung legitimiert ihr Handeln wiederum mit der prekären Sicherheitslage und den verheerenden Anschlagsserien gegen SchiitInnen. Die Polarisierung der irakischen Gesellschaft hat sich mit der Syrienkrise verschärft, nun ist die Situation explodiert.

Bereits im vergangenen Dezember kam es in Anbar zu einem Ausbruch der Gewalt – mehr als 340.000 Menschen mussten fliehen. Die meisten von ihnen verharrten in der Provinz selbst, da sie als SunnitInnen nicht in schiitisches Territorium flüchten konnten und ihnen als AraberInnen im kurdischen Norden Diskriminierung drohte. Die autonome Region Kurdistan trägt ohnehin bereits die Hauptlast der syrischen Flüchtlinge im Land. Durch die Kämpfe, die im Juni begannen, flohen wieder Hunderttausende.

Mit dem ISIS-Vormarsch im Irak war die Spaltung der Menschen entlang konfessioneller Grenzen wieder in aller Munde. Wie beim Syrien-Konflikt, bei dem es BeobachterInnen zufolge über die Zeit immer mehr um Konfessionen ging, allem voran SchiitInnen gegen SunnitInnen. Auch die Debatte um die Bildung neuer Staaten entlang konfessioneller oder ethnischer Linien in der Region ist im Zuge des Syrien-Konfliktes aufgekommen. Zu einem „Alawitenstaat“ ist es zwar nicht gekommen, allerdings zur Ausrufung eines autonomen Rojavas bzw. Westkurdistans im Norden Syriens.

Im Irak könnte Ähnliches drohen. Nicht nur für den sunnitisch geprägten Westen des Landes, sondern auch für die Region um die wichtige Erdölstadt Kirkuk im Norden, die von KurdInnen, AraberInnen und TurkmenInnen beansprucht wird. Eine länger andauernde Übernahme Kirkuks durch kurdische Sicherheitskräfte würde wohl neue Fakten schaffen und den KurdInnen im Irak ihre langersehnte Unabhängigkeit von Bagdad bringen.

Tyma Kraitt ist Publizistin mit Fokus auf die Umbrüche im arabischen Raum und lebt in Wien.

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