Tanzen ohne Beine

Mit einer Behinderung lebt es sich meist nicht einfach, schon gar nicht in Afrika. Kein Grund zu verzweifeln, lautet die Botschaft des Films „Body and Soul“. Südwind-Redakteurin Nora Holzmann hat den Regisseur und zwei der ProtagonistInnen in Wien getroffen.

Mariana Tembe, Protagonistin des Films, gibt Einblicke ins Leben aus Sicht einer Rollstuhlfahrerin.

Den Kopf aufrichten, lächeln, die Blicke genießen: Victoria Massingue hat eine Modeschau in Mosambiks Hauptstadt Maputo organisiert. Der kleine Unterschied: Alle Models haben eine körperliche Behinderung. Sie sitzen im Rollstuhl oder gehen auf Krücken. Victoria selbst fehlt ein Arm. Trotzdem packt sie kräftig zu, wenn es darum geht, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Ihre Geschichte, und die von zwei weiteren jungen Menschen in Mosambik, erzählt der Film „Body and Soul“ des 36-jährigen französischen Regisseurs Matthieu Bron. 13 Jahre lang hat der Filmemacher in dem südostafrikanischen Land gelebt, über drei Jahre hat er mit seinem Team an dem Dokumentarfilm gearbeitet. Der Film wurde weltweit auf Festivals gezeigt und gewann mehrere Preise. Im Dezember feierte er im Rahmen des Menschenrechtsfilmfestivals „This human world“ seine Österreichpremiere. „Im Film geht es um Liebe, um Akzeptanz durch die Gesellschaft, darum, welches Leben man leben möchte. Das hat für alle Menschen Bedeutung, ob sie nun behindert sind oder nicht“, sagt Bron zum Südwind-Magazin.

Eine Milliarde Menschen weltweit leben mit einer Behinderung, 80 Prozent von ihnen in so genannten Entwicklungsländern. „Durchschnittlich haben 15% der Bevölkerung eine Form der Behinderung. Man kann ganz sicher davon ausgehen, dass die Zahl in afrikanischen Ländern wie Mosambik höher ist“, sagt Irmi Neuherz, Projektreferentin für Ostafrika bei der Organisation Licht für die Welt. Ursachen wären oft Kinderkrankheiten wie Polio, Masern und Mumps oder mangelnde medizinische Versorgung bei Geburtskomplikationen.

Innerhalb Afrikas gibt es laut Neuherz große Unterschiede, was die Situation behinderter Menschen betrifft. Während etwa in Tansania im Schulbereich schon viel zur Inklusion behinderter Kinder getan worden sei, existiere in Mosambik nicht einmal der Beruf des Sonderpädagogen, der Sonderpädagogin.

In insgesamt 13 Ländern setzt sich Licht für die Welt für blinde, anders behinderte und von Behinderung bedrohte Menschen ein. Die Organisation führt Augenoperationen durch, unterstützt behinderte Menschen bei der Integration in die jeweilige Gesellschaft und lobbyiert auf internationaler Ebene für die Durchsetzung der Menschenrechte Behinderter.

In der Entwicklungs-zusammenarbeit würde nur allzu oft auf behinderte Menschen vergessen, meint Neuherz. „Es ist undenkbar, ein Projekt zu machen, das nur Männern zugute kommt. Da würde jeder sofort aufschreien. Wir hoffen, dass es in ein paar Jahren unmöglich ist, ein Projekt zu planen, ohne zu überlegen, wie man den Zugang von Menschen mit Behinderung schafft.“ Entwicklungs-zusammenarbeit muss barrierefrei sein: Dafür stimmten Abgeordnete aller österreichischen Parlamentsparteien Anfang Dezember 2012 in einem Entschließungsantrag. Nun ist es an der Bundesregierung, dafür zu sorgen, dass konkrete Schritte gesetzt werden.

Darauf warten Victoria Massingue, Vasco Covane und Mariana Tembe nicht. Am Ende des Films sieht man sie bei einem Tanzworkshop. Als Vasco sich im Ausdruckstanz von einem Knie aufs andere schwingt und seine Arme in Wellenbewegungen nach oben steigen lässt, sieht es fast so aus, als würde er nach den Sternen greifen.

 

 

„Ich habe viele Träume“ - Victoria Massingue (32)

Ich habe meine Ausbildung als Französischlehrerin beendet und arbeite nun in einem französischen Kulturzentrum. Ich bin Bibliotheksassistentin. Jeder Tag sieht gleich aus: Ich fahre von zuhause in die Arbeit und von der Arbeit nach Hause, um auf meine Tochter Wendy Angela aufzupassen. Sie ist gerade vier Jahre alt geworden.

Die Geschichten, die der Film erzählt, sind wahr, nichts ist erfunden. Manche Leute haben Energie, sie haben den Wunsch, so wie wir, für ein gutes Leben zu kämpfen. Andere nicht. Der Film hilft ihnen vielleicht, ein bisschen Mut zu finden.

Die Regierung von Mosambik macht noch immer nicht genug für behinderte Menschen. Es gibt zwar einen Aktionsplan, aber der wird nicht wirklich umgesetzt. Am Land ist die Situation für Behinderte noch schlimmer als in der Stadt. Viele versuchen, übernatürliche Erklärungen dafür zu finden, dass ein Kind eine Behinderung hat. Die Stigmatisierung ist noch größer. Ich glaube, das ist der Grund, warum viele Leute am Land ihre behinderten Kinder verstecken.

Die Stimmen der Behindertenvereine in Mosambik werden aber immer lauter. Sie erinnern die Politik daran, dass wir auch noch da sind, und sie unterstützen Menschen mit Behinderung. Oft fehlt es den Vereinen aber an längerfristiger Finanzierung. Ich habe die Hoffnung, dass die Regierung in Zukunft mehr auf uns schauen wird und sich die Dinge ändern werden.

Ich habe viele Träume. Ich will mein eigenes Haus bauen, den Baugrund habe ich schon. Und ich möchte eine zweite Ausbildung machen, zur Bibliothekarin. Ich möchte noch ein Kind haben, am besten einen Buben. Und ich wünsche mir, wieder einmal nach Europa zu kommen. Ich fühle mich hier wie zuhause, die Menschen sind so herzlich.

 

„Die schwierigen Zeiten sind vorbei“ - Vasco Covane (26)

Seit der Fertigstellung des Films ist viel in meinem Leben passiert. Ich gebe jetzt Tanzstunden in meinem Stadtteil, jeden Samstag. Ich wohne im Haus meines älteren Bruders. Nicht nur die Familie ist wichtig für einen Menschen mit Behinderung. Jede Freundschaft zählt. Wenn du einen guten Freund hast, kann er dir helfen, kann dir Ratschläge geben.

Ich glaube, die Einstellung der Leute gegenüber Behinderten ändert sich schon. Manche kommen auf der Straße zu dir, um mit dir zu plaudern. Andere helfen mit dem Rollstuhl. Es gibt zwar noch immer Diskriminierung, aber es gibt auch Personen, die sich dagegen aussprechen. Am Land ist die Situation schlimmer als in der Stadt. Kinder mit Behinderung gehen nicht zur Schule. Entweder, weil sie zuhause versteckt werden, oder weil die Schule zu weit weg ist. Sie haben kein Auto, und der Vater oder die Mutter können das Kind nicht jeden Tag in die Schule tragen. Sie haben andere Dinge zu tun.

Es war eine gute Erfahrung, im Film mitzuwirken. Ich dachte, es wäre einfach nur eine Sache für uns, aber plötzlich war der Film im Fernsehen, die Zeitungen schrieben darüber. Ich wurde richtig berühmt!

Wovon ich träume? Ich möchte Arbeit. Ich möchte ein Geschäft haben, das mir gehört. Ich brauche nicht viel Geld, genug, um mein Leben zu sichern. Ich möchte eine Frau finden, heiraten, Kinder kriegen. Und ich will ein eigenes Auto haben. Ich möchte nicht mehr auf andere angewiesen sein, die mir sagen, sie hätten keinen Platz für meinen Rollstuhl. Wer eine Behinderung hat, dem fehlt es nie an Problemen. Aber die schwierigen Zeiten sind vorbei. Besser ist es, in die Zukunft zu blicken. Wir sind Teil dieser Welt. Wir leben, und wir müssen nach vorne schauen.

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