Teilen ist nicht gleich teilen

Von Richard Solder ·

Auto, Kleidung, Lebensmittel – in den unterschiedlichsten Bereichen wird heute geteilt und getauscht. KritikerInnen sehen allerdings bei vielen Initiativen Etikettenschwindel und Geschäftemacherei.

Martin nutzt mehrmals in der Woche Carsharing. Gerade, wenn er innerhalb von Wien beruflich von einem Termin zum anderen muss und die Zeit schon knapp wird, freut er sich, nicht immer auf die U-Bahn warten zu müssen. Auch am Abend nach dem Sport findet er es manchmal praktisch, mit einem „Car2Go“, dem Carsharing-Anbieter des deutschen Automobilherstellers Daimler, nach Hause zu flitzen.

Für immer mehr Menschen ist Besitz nicht mehr oberste Priorität: ob Auto, Lebensmittel, Kleidung oder die Bohrmaschine für die Wohnungseinrichtung – tauschen und teilen liegt voll im Trend. Neben Foodcoops entstehen Leihläden, Gemeinschaftsgärten sowie Tauschkreise, in denen Menschen Dienstleistung gegen Dienstleistung anbieten: Der Tischler bietet sein Handwerk an und bekommt dafür die Expertise der IT-Fachfrau oder den Einsatz einer Schneiderin.

Sich solidarisch organisieren – kommt gar eine „Revolution des Konsums“?

KritikerInnen warnen davor, in allen Teil- und Tausch-Modellen eine echte Alternative zu sehen. Martin Denoun und Geoffroy Valadon vom französischen Polit-AktivistInnen-Kollektiv „La Rotative“ sehen in einigen Plattformen Etikettenschwindel. Denn dahinter stünden oft Firmen, die nur neue Wege gehen, um zu Konsumentinnen und Konsumenten zu kommen, und damit ein Geschäft machen. In einem Artikel in der deutschen Ausgabe des „Le Monde diplomatique“ kritisieren sie Startup-Unternehmen wie Airbnb.

Über die Website von Airbnb können Privatunterkünfte in vielen Regionen der Welt vermietet und gebucht werden. Denoun und Valadon sehen darin keinen Wandel, sondern nur eine andere Form des Konsumismus. Die Firma würde geschickt ihre Geschäftsidee in Umlauf bringen – am vermeintlich privaten Austausch schneidet sie finanziell mit. Airbnb streicht zehn Prozent des von den Gästen bezahlten Betrags ein. Das Startup ist laut dem Wall Street Journal heute rund drei Milliarden US-Dollar wert.

Die Kritik von Denoun und Valadon geht weiter: „Durch diesen Etikettenschwindel werden Projekte wie etwa die Solidarische Landwirtschaft zu Bürgen für derartige Unternehmen“, so Denoun und Valadon im „Le Monde diplomatique“.

Bei Solidarischer Landwirtschaft finanzieren Konsumentinnen und Konsumenten den Anbau (siehe Südwind-Magazin 12/2013, Seite 9). Hier wird also ein Weg geschaffen, wie Menschen sich abseits von Supermarktketten und internationalen Lebensmittelkonzernen versorgen können. Auf der anderen Seite bekommen die Bäuerinnen und Bauern Sicherheit, da sie fixe Abnehmerinnen und Abnehmer ihrer Ernte haben.

Ulrich Brand setzt sich viel mit dem Wachstumsbegriff und Ökologie auseinander. Der Politikwissenschaftler kann der Kritik von Denoun und Valadon viel abgewinnen. Auch er unterscheidet zwischen unterschiedlichen Arten von Tausch- und Teil-Modellen: „Die entscheidende Frage ist, was für ein Potenzial dahinter steckt. Geht es darum, gesellschaftliche Praxen zu verändern oder nicht?“, so Brand gegenüber dem Südwind-Magazin. Beispiel städtischer Verkehr: Hilft die Initiative, einen Transformationsprozess in Gang zu setzen, hin zu einer nachhaltigeren und ökologischeren Nutzung von Verkehrsmitteln?

Anfangs, so Brand, würden Projekte mit Geschäftsinteresse oft noch den gleichen Antrieb haben wie Initiativen des Wandels. Sobald aber die Idee in der breiteren Bevölkerung gut ankommt und die jeweilige Initiative aus einem Nischen-Dasein wächst, würde der Widerspruch deutlicher werden. Dann werde klar, ob sie für den Status-Quo oder für eine echte Veränderung stehe. Brand: „Ein Carsharing-Unternehmen wird sich wohl nicht unbedingt dafür einsetzen, dass es zu einer Entwicklung hin zu einer autofreien Stadt kommt.“

Dass Geschäftsmodelle oft nicht zu einem Wandel führen, zeigt auch „Car2Go“-Fahrer Martin. Denn das Carsharing-Angebot zu nutzen, heißt für ihn nicht, deswegen kein Autobesitzer zu werden: „Würde ich am Land wohnen, würde ich mir wohl ein Auto kaufen. Hier in der Stadt nicht.“ In der Stadt sei sowieso ein eigener PKW nicht mehr nötig. Ein Auto mit all seinen Zusatzkosten teuer, zudem ein eigener PKW kein Statussymbol mehr.

Martin versucht, Carsharing nicht allzu oft zu verwenden. Als er anfing, sich in die Leihautos zu setzen, verleitete ihn das vermeintlich günstige Angebot zu einer häufigen Nutzung. Am Monatsende bekam er Rechnungen mit bis zu 200 Euro präsentiert.

Er ist dafür, dass weniger Autos im Stadtgebiet unterwegs sind. Carsharing macht Martin aber vor allem, weil es praktisch und ein Zusatz zum Angebot der öffentlichen Verkehrsmittel ist. Ein kleiner Luxus, den er sich hie und da leisten will.

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