TEXTILIEN

„Kleider machen Leute“ heißt es. Tatsächlich hat Bekleidung in allen Kulturen Bedeutungen jenseits von Schutz und Bedeckung. Gewollt oder ungewollt erzählt sie über die Trägerin und den Träger eine Geschichte. Nicht nur in vergangenen Zeiten von Tracht und strengen Sitten.

Von Angela Völker
Die spontane oder magische Wirkung bestimmter Kleidungsstücke fasziniert und hat sie zum Gegenstand von Märchen, Sagen oder der Literatur gemacht. Man denke nur an „Aschenputtel“, an den „gestiefelten Kater“, an Siegfrieds Tarnkappe oder an „Des Kaisers neue Kleider“.
Kleider sind aber auch Erkennungszeichen, Attribute. In der griechischen Mythologie ist das Löwenfell des Herkules ein gutes Beispiel: Das Fell des Löwen, den er als erste Heldentat tötet, wird zu seiner Bekleidung, die ihn weder wärmt, noch seine Blöße verdeckt. Das Fell schützt ihn im übertragenen Sinne, es weist ihn als starken, furchtlosen Helden aus. Vollkommen anders ist die Bedeutung des Fellkleides Johannes des Täufers. Hier bedeutet es asketisches Leben und Einsamkeit. In beiden Fällen aber zeigt die Kleidung dem Gegenüber „auf den ersten Blick“, mit wem man es zu tun hat.
Kleider können aber auch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe demonstrieren. Manche Gewänder haben auf Grund religiöser Vorschriften ein bestimmtes Aussehen, wie etwa die der christlichen und buddhistischen Mönche oder die konservative Tracht chassidischer Juden.
Weniger streng reglementiert, einem „freiwilligen Zwang“ gehorchend, funktioniert die uniform wirkende Bekleidung von Gruppen, die sich auf Grund gemeinsamer politischer oder allgemeiner Ideale zusammenschließen wie heute etwa die Skinheads, Punks, Rocker oder Grufties. An der Kleidung erkennt man auch Angehörige bestimmter Berufe, zum Beispiel Krankenhaus- oder Hotelpersonal.

Einen Kleiderkodex gibt es vor allem bei den Trachten der verschiedenen Kulturen der Welt. Wohl gemäß den klimatischen und geografischen Gegebenheiten des jeweiligen Gebietes entwickelt, entstehen dabei spezifische Kleidungsstücke und Dekorformen, die dem Erkennen und ebenso der Unterscheidung dienen. Aus diesen entstanden die archetypischen Symbole von bestimmten Kleidungsstücken wie dem Turban für den Orientalen, dem spitzen Hut des Chinesen, der Feder oder Federkrone auf dem Kopf des Indianers, des Kimono für den Japaner oder des Filzhutes mit Gamsbart für den Alpenbewohner.
Roben, die nur zu bestimmten Anlässen getragen werden, haben hingegen repräsentative Funktion. Ihr modisch konservativer Charakter soll die Verbindung zu einer langen Tradition vor Augen führen. So sind die Prunkgewänder des habsburgischen Hausordens, der Ritter vom goldenen Vlies, im Stil der Renaissance gehalten, der Gründungszeit des Ordens. Talare im Gerichtssaal - in England heute noch Perücken - sollen dokumentieren, dass die Person neutral und unparteiisch ist. Polizisten- und Soldatenuniformen haben eine ähnliche Funktion, obwohl keineswegs gleicher Status zum Ausdruck gebracht wird. Uniformen lassen Rangunterschiede besonders eindeutig - etwa durch einfache Streifen oder Sterne - erkennen.

Immer schon hatte bestimmte Kleidung primär schützende Funktion: Eskimos sind in Felle gehüllt und trotzen so der extremen Kälte. Der antike Held und der mittelalterliche Ritter waren mit Brustpanzer, Helm oder durch einen ganzen Harnisch im Kampf gewappnet. Helme kennt man heute noch im Sport, beim Rad- und Motorradfahren, Polospielen oder Bergsteigen, und kugelsichere Westen entsprechen den Brustpanzern. Schutz bieten auch Arbeitskleider wie der Kittel vor Schmutz, der Asbestanzug vor Feuer, der keimfreie Anzug des Arztes im Operationssaal vor Bakterien. Während die funktionelle Arbeitskleidung keinerlei Verzierung trägt, waren die genannten historischen Schutzkleider meist mit „funktionslosen“ Ornamenten versehen, die kunstfertige Handwerker herstellten und die den Träger schmückten, um dabei zugleich seinen sozialen Status hervorzuheben und repräsentativ zu wirken.
Eine moralisierende, meist auf religiöse Vorschriften zurückgehende Auffassung erklärt die Kleidung aus dem Schamgefühl. Dass diese Vorstellung einseitig ist, beweisen nicht nur BewohnerInnen heißer Gegenden, die ohne Bekleidung leben und deren Schamgefühl offenbar keineswegs verletzt wird, sondern auch die Beobachtung, dass kleine Kinder in unserem Kulturkreis unbefangen auf Nacktheit reagieren. Schamgefühl wird demnach erlernt und ist nicht angeboren.

„Damenmode! Du grässliches Kapitel Kulturgeschichte!“ bemerkte der Wiener Architekt Adolf Loos Anfang des 20. Jahrhunderts. Er spielte dabei auf die psychologische Wirkung vor allem der Frauenkleidung an, die übereinstimmend als hauptsächlich erotisch definiert wurde.
Bis heute ist das Schmuckbedürfnis des Menschen einer der wichtigsten Beweggründe für die Bekleidung. Es ist eng verbunden mit dem Wunsch, sich damit selbst darzustellen. Dabei spielt die Mode eine wichtige Rolle. Sie wurde im Laufe der Zeit zum Teil raschen Veränderungen unterworfen, so dass das Wort Mode zum Synonym für alles Vorübergehende wurde.
Vor der französischen Revolution wurde die Mode in unseren Breiten ausschließlich vom Adel und von den höheren Ständen bestimmt. Während sich deren Kleider rascher änderten, waren die der BürgerInnen, der Bauern und Bäuerinnen einem langsameren Wechsel unterworfen. Dieser wurde zudem von Kleiderordnungen geregelt, die man vor allem gegen die „Aufsteiger“ erließ. Im Laufe des 19. und vor allem im 20. Jahrhundert veränderte sich die die Mode bestimmende Gesellschaftsschicht. Im 19. Jahrhundert wurde sie noch für die wohlhabenden BürgerInnen mittleren Alters entworfen, nach dem Ersten Weltkrieg jedoch für die Jüngeren.
Heute ist die bürgerliche Mittelschicht Trägerin der Modetendenzen, und hier sind es besonders sehr junge Menschen, die den raschen Wechsel mögen, ja eigentlich verursachen. Diesen mitzumachen ist heute fast allen Gesellschaftsschichten möglich, dank billigst produzierter Ware, die phantasievoll kombiniert werden kann und die im Moment dem Diktat des „Diktaktlosen“ zu folgen scheint. Andererseits gibt es die „Labelmanie“ nicht nur der Jugend; teure Markenware wird zum Erkennungszeichen unter Gleichgesinnten. Als Beispiel sei an die „Modeschauen“ der „Seitenblicke-Gesellschaft“ bei Preisverleihungen der Film- und Fernsehwelt oder bei Festwochen wie in Bayreuth oder Salzburg erinnert. Gerade die sehr Reichen und vor allem die Mächtigen, die PolitikerInnen, sind es aber, die sich bewusst den aktuellen Modetendenzen entziehen und mit ihrem Dresscode der „zeitlosen“ Kleidung Vornehmheit und hohen sozialen Status ausdrücken. So erscheinen die männlichen Teilnehmer internationaler Konferenzen oft wie aus „einem Ei“ gepellt.
Mode kann auf der anderen Seite für Proteste genutzt werden, indem man sich ihr entzieht. Man stellt dann mit der Kleidung Widerstand gegen bestehende Verhältnisse zur Schau. Während der französischen Revolution waren beispielsweise die langen bürgerlichen Männerhosen und das Empirekleid ohne Korsett und Reifrock Ausdruck des Protestes gegen den Adel, der Kniebundhosen, Reifrock und Schnürmieder trug als äußeres Zeichen derer, die nicht arbeiten müssen. Das Reformkleid der Zeit um 1900 war daneben ein vergleichsweise sanfter Protest der Künstlerinnen gegen die ungesunde Frauenmode und wies seine Trägerin als fortschrittlich aus.

In den 1960er und 1970er Jahren bildeten „Hippies“ und Männer mit langen Haaren und Bärten die modische Aussteigergruppe. Ihre legere und phantasievolle Kleidung diente später als Anregung für die Haute Couture. Die in der ganzen Welt getragenen Blue Jeans sind zu einem so selbstverständlichen Bestandteil der täglichen Kleidung vor allem der Jugend geworden, dass man sie heute nicht mehr - wie noch vor wenigen Jahrzehnten - in den Kreis der attributhaft getragenen Kleidung einordnen kann. Heute wird die „Jeansmode“ von allen Modehäuser, die Pret-à-Porter-Mode vertreiben, hergestellt und ist Veränderungen unterworfen, man denke nur an den Hosenschnitt oder an die allgegenwärtige Jeansjacke, die gar mit Nerz gefüttert sein kann. Dennoch sind Jeans zum Inbegriff der legeren, vereinheitlichenden, Standesunterschiede negierenden Kleidung geworden und repräsentieren heute zusammen mit dem T-Shirt die wahrscheinlich einzigen wirklich „demokratischen“ Kleidungsstücke.

Angela Völker ist Leiterin der Textilsammlung des MAK, des Österreichischen Museums für angewandte Kunst, in Wien.

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