Tourismus gegen Armut

Ist Ferntourismus ethisch vertretbar und unter welchen Bedingungen? Auf einem internationalen Symposium in Salzburg wurden Antworten auf diese Frage gesucht.

Von Ralf Leonhard
Der Friede im Nahen Osten würde sich fast von selbst einstellen, „wenn es gelänge, Israel/Palästina an ein internationales Tourismuskonsortium zu überantworten und die heutigen Politiker daraus zu verbannen“. Diese optimistische Vision hegt der Ethnologieprofessor Dieter Kramer von der Universität Frankfurt. Die Region biete eine geradezu ideale Kombination von Anreizen für Landschafts-, Städte-, Kultur-, Pilger- und Badetourismus.
Um Ethos und Nachhaltigkeit im Fremdenverkehr ging es beim 5. Salzburger Tourismusforum, das am 28./29. November 2002 unter dem Motto „Ferntourismus – Wohin?“ die Frage stellte, ob und unter welchen Umständen Ferntourismus ethisch vertretbar ist.
Die Antwort auf der vom Tourismusforschungsinstitut an der Universität Salzburg und dem Institut für Freizeitgestaltung an der Universität Lüneburg organisierten Veranstaltung fiel insgesamt – trotz aller Bedenken und Vorbehalte – positiv aus. Durch Terrorismus, Bürgerkriege und Diktaturen seien zwar neue weiße Flecken auf der Landkarte entstanden, die man besser meiden solle, doch bestätige ein ungebrochenes Wachstum von Urlaubsreisen, dass der Tourismus weltweit einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren bleibt.
Allein von 2000 auf 2001 erhöhte sich weltweit die Anzahl der Reisen von 700 Millionen auf eine Milliarde. Trotz Börsenkrise und Wirtschaftsflaute in den Quellenländern. Professor Kramer meint, dass ein expansiver Prosperitätstourismus interessanter sei „als die Vernichtung von anlagesuchendem Kapital und freier Kaufkraft durch Rüstung und kriegerische Rüstungsverwertung“. Vorausgesetzt man denkt volkswirtschaftlich und nicht im Sinne der Rüstungsindustrie.

So weit zu den potenziell wohltätigen Auswirkungen des Massentourismus.Es ist davon auszugehen, dass Öko- und nachhaltiger Tourismus immer Nischenprodukte auf dem Urlaubsmarkt bleiben werden. Der Landschaftsökologe Christian Baumgartner versteht unter nachhaltigem Tourismus ein komplexes System, das sich vom Ökotourismus unterscheidet, insoweit es auch ökonomische, soziale und kulturelle Faktoren berücksichtigt. Dabei sei die Einbeziehung der am Prozess beteiligten Personen unerlässlich. Wie nachhaltig die durch den Tourismus geförderte Entwicklung sein könne, hänge nämlich von den jeweiligen regionalen Gegebenheiten ab. Die Urlauber seien durchaus bereit, sich anzupassen, wenn entsprechende Programme angeboten werden. Das verheißt zumindest eine Umfrage in der Schweiz, wonach 95 Prozent der Reisenden den Respekt vor Traditionen der Einheimischen für wichtig halten.
Der Ethikdiskurs in der Tourismuswissenschaft hat aber gerade erst begonnen. Karlheiz Wöhler und Anja Saretzki von der Universität Lüneburg meinen, dass zwar in der Tourismusliteratur viel davon die Rede sei, dass die „individuelle Glückssuche“ der Urlauber auch in den Destinationen Gutes stifte – durch Beschäftigung, Einkommen, Entwicklung – in der Praxis aber das Glück der einen oft mit dem Unglück der anderen erkauft werde. Denn das Glück würde auf Kosten der Natur realisiert. Womit wir wieder beim Thema Nachhaltigkeit wären, das sicher kein Nischenthema bleiben wird. Denn auch der Massentourismus kann nicht auf Dauer seine eigene Grundlage, unversehrte Natur, zerstören.

In den Niederlanden wurde von der Entwicklungsorganisation SNV ein eigenes Modell des Tourismus zur Armutsbekämpfung entwickelt. Was Weltbank und Weltwährungsfonds den hundert ärmsten Ländern als Tourismusentwicklung empfehlen, basiert auf der Utopie vom „Trickle-down“-Effekt. Es ist aber erwiesen, das die Gewinne größtenteils in die industrialisierten Länder transferiert werden. SNV arbeitet in Nepal und Indochina in einigen Pilotprojekten des Tourismus gegen die Armut. Alle, so John Hummel, Berater für nachhaltigen Tourismus, befinden sich in entlegenen und von Armut geschlagenen Zonen mit hohem Potenzial für Tourismus. SNV vermittelt nicht nur Reisegruppen in diese Regionen, sondern bietet auch Ausbildungslehrgänge an, fördert die Entwicklung kleiner und mittlerer Betriebe und erstellt Machbarkeitsstudien. Erste Erfahrungen beweisen, dass Tourismus tatsächlich zur Verminderung der Armut beitragen kann, wenn die Zielgruppe eingebunden wird. Sicherlich ein Programm für Minderheiten, die auf Luxushotels und internationale Küche verzichten können. Aber nachhaltiger, so die übereinstimmende Meinung auf dem Tourismusforum, müsse auch der Massentourismus werden.

Der Autor arbeitete jahrelang als Journalist in Zentralamerika. Derzeit lebt er in Wien als freier Mitarbeiter des SÜDWIND-Magazins und Korrespondent mehrer deutschsprachiger Medien.

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