Transmigrasi mit Langzeitfolgen

Die von der Weltbank geförderte Umsiedlungspolitik unter dem Suharto-Regime ist ein Hauptgrund für das Ausbrechen gewalttätiger Konflikte im Reich der tausend Inseln. Ein Bericht aus Kalimantan, dem indonesischen Teil von Borneo.

Von Rosemarie Pexa
"Unser Land lernt gerade, eine Demokratie zu sein", bringt Hadi Sucahyono die schwierige Situation, in der sich Indonesien derzeit befindet, auf den Punkt. Sucahyono ist Ingenieur und Manager des staatlichen Project of Housing Infrastructure Development (P3P) in West-Kalimantan. In Kalimantan haben Kämpfe zwischen den indigenen Dayak und Siedlern aus Madura zahlreiche Todesopfer gefordert. Tausende Menschen haben ihre Heimatdörfer verlassen und sind jetzt in Flüchtlingslagern in der Provinzhauptstadt Pontianak untergebracht.

1999 kam der schon jahrelang schwelende Landrechtskonflikt erneut zum Ausbruch. Seine Wurzeln liegen im Umsiedlungsprogramm (Transmigrasi) des Ex-Präsidenten Suharto. Mit der Begründung, ihre ökonomische Situation verbessern zu wollen, wurden EinwohnerInnen der nordöstlich von Java gelegenen Insel Madura nach Kalimantan umgesiedelt. Tatsächlich sah die Regierung darin vor allem eine Möglichkeit, soziale Spannungen auf der dicht bevölkerten Insel Madura abzubauen - und billige Arbeitskräfte zur Erschließung der "unterentwickelten" Zielregion zu gewinnen.

Die Weltbank, die zwischen 1976 und 1988 fünf Transmigrations-Projekte in Indonesien unterstützt hatte, konstatierte in einer 1994 veröffentlichten Studie hauptsächlich negative Folgen: Entwaldung und Verschlechterung der Böden ebenso wie Auseinandersetzungen zwischen Siedlern und der indigenen Bevölkerung. Da die Projekte schon abgeschlossen seien, könne die Weltbank allerdings keine ausgleichenden Maßnahmen mehr setzen.

"Der kollektive Landbesitz der Dayak ist gesetzlich nicht anerkannt", spricht John Bamba ein zentrales Problem in der Landrechtsfrage an. Der Direktor der NGO, die sich für den Schutz von Kultur und Rechten der Dayak einsetzt, hofft auf eine Änderung der Rechtslage unter der neuen Regierung. Während des Suahrto-Regimes fielen riesige Urwaldflächen, die den Dayak als Jägern und Sammlern als Nahrungsquelle gedient hatten, der Motorsäge zum Opfer. An ihre Stelle traten Monokulturen und Migrantensiedlungen. Die Dayak erhielten keine oder nur marginale Entschädigungszahlungen - und sahen sich damit gegenüber den Zuwanderern benachteiligt.

Neben der Landfrage führen auch unterschiedliche kulturelle Gebräuche immer wieder zur Eskalation. Eine weitere Problemzone ist die Religion: Die Dayak sind Christen bzw. Animisten, die Maduresen gemäßigte Moslems. Ihre Auslegung des Islam unterscheidet sich von der anderer moslemischer Gruppen - etwa der Melayu, die sich aus Malaien und zum Islam konvertierten Dayak zusammensetzen.

Nach schweren Unruhen im Jahr 1997 flammten die Kämpfe zwischen den ethnischen Gruppen 1999 in Sambas, West-Kalimantan, wieder auf. Auslöser waren, wie schon einige Male zuvor, persönliche Konflikte - diesmal wegen eines nicht bezahlten Bustickets und eines Diebstahls. Dayak und Melayu bildeten eine Allianz gegen die Maduresen. Nach Angriffen auf ihre Dörfer flohen Tausende Maduresen nach Pontianak, wo sie in Flüchtlingslagern untergebracht wurden.

Eines der größten Flüchtlingslager in Pontianak ist das Fußballstadion Untan, in dem über 800 Menschen auf engstem Raum leben. "Mein Bruder ist getötet worden, als die Dayak unser Dorf angegriffen haben. Die Polizei hat uns mit Lastwägen direkt hierher gebracht. Man hat uns gesagt, dass wir nach drei Tagen wieder heimfahren werden - aber jetzt sind wir schon seit neun Monaten hier", erzählt Nurjati aus der Ortschaft Paloh in West-Kalimantan. Sie hofft, wie viele im Lager, dass sie bald zurückkehren kann - oder woanders ein Zuhause findet.

Die indonesische Regierung plant, die Flüchtlinge in neu gegründeten Ortschaften anzusiedeln, da keine Beruhigung der Situation in Aussicht ist. Die Dayak, die nach offizieller Diktion als "Aggressoren" im derzeitigen Konflikt gelten, erhalten hingegen keine staatliche Unterstützung.

Auch dem Militär wird eine parteiische Haltung vorgeworfen. Es greife nur zum Schutz der Maduresen ein, beklagen sich Vertreter der anderen Volksgruppen. Hinter vorgehaltener Hand spricht man davon, dass dem Militär die Ausschreitungen in Kalimantan gerade recht kommen und es den Konflikt anheizt, statt ihn zu beruhigen. Die Kämpfe zwischen den Volksgruppen würden dem Militär als Rechtfertigung dienen, um einen Teil seiner Vormachtstellung unter dem Suharto-Regime zurückzuerobern.

Die Autorin lebt als freiberufliche Journalistin in Wien. Sie besuchte vor wenigen Monaten den indonesischen Teil der Insel Borneo.

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