„Transparenz erhöht die Wahlmöglichkeit“

Unter dem Motto „Change your Shoes“ blicken zivilgesellschaftliche Organisationen hinter die Kulissen der globalisierten Leder- und Schuhproduktion. Die Koordinatorin Kathrin Pelzer schildert im Interview mit Brigitte Pilz, wie dieses vielschichtige und breit angelegte Projekt funktioniert.

Kathrin Pelzer vom Verein Südwind koordiniert „Change your Shoes“. An der Kampagne sind 18 Organisationen in ganz Europa und Asien beteiligt.© Tobias Pilz

Wie kam man auf das Thema Schuhe?

Südwind hat seit Jahren im Rahmen der Clean Clothes Kampagne (CCK) intensiv zum Thema Bekleidung gearbeitet. Die Kampagne Fair Play legte den Fokus 2012 auch auf Sportbekleidung, und Schuhe wurden erstmals zum Thema. Gerade Sportschuhe bestehen vielfach aus Kunststoff, aus Materialen, die häufig ökologisch bedenklich sind und in der Produktion sozial unfair. Immer wieder stellte sich die Frage: Sind Lederschuhe eine gangbare Alternative? Bei ersten Recherchen hat sich nicht nur gezeigt, dass dieses Marktsegment sehr stark wächst, sondern auch hier vieles im Argen liegt. So hat sich der Fokus der CCK auf das Thema Schuhe und Leder gerichtet.

Welche Anknüpfungspunkte bietet das Thema Schuhe für die entwicklungspolitische Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit?

Am Schuh kann viel aufgezeigt werden. Die Art der Herstellung von Leder und die langen Transportwege werfen ökologische Fragen auf. Neben der Umwelt sind die Menschen, die in der Produktion arbeiten, gesundheitlich gefährdet. Dazu kommen die völlig inakzeptablen sozialen Arbeitsbedingungen bei der Produktion wie fehlende Sicherheit und Löhne weit unter dem Existenzminimum sowie ganz allgemein die ungerechte globale Wertschöpfung auch in der Schuhproduktion und im Schuhhandel.

Das sind sehr viele Themen. Wie kann man ihnen in einer Kampagne gerecht werden?

Man kann anhand von Schuhen sehr gut aufzeigen, wie unser Handeln, unser Wirtschaften, der Umgang mit menschlichen und ökologischen Ressourcen miteinander verzahnt sind. Wir machen sehr intensive Informationsarbeit und nutzen dabei verschiedenste Medien. Es werden Broschüren, Factsheets, Newsletters etc. erarbeitet und verbreitet. Wir nutzen unsere Homepage, die sozialen Medien und öffentliche Veranstaltungen zur Bewusstseinsbildung und Vernetzung.

Wir veranstalten Pressekonferenzen, Workshops für politische Entscheidungsträger und -trägerinnen, Straßenaktionen, Seminare für Lehrpersonen und Studierende oder Roundtables, um verschiedene Akteure und Akteurinnen an einen Tisch zu bekommen. Je nach Zielgruppe und Aktualität können einzelne Schwerpunkte angesprochen werden.

Was wäre ein Bespiel für eine zielgruppenspezifische Aktivität?

Im ersten Jahr der Kampagne haben wir unter anderem versucht, ein jüngeres technik-affines Publikum anzusprechen. Wir haben einen virtuellen Marsch per Handy-App nach Brüssel initiiert, in dem die Verantwortlichen aufgefordert werden, für Transparenz in der Schuhindustrie Sorge zu tragen. So haben wir 63 Millionen Schritte gesammelt. Es haben 16.000 Menschen aus Europa, aber auch aus Malaysia und den USA teilgenommen.

Wie könnte ein Oberziel der Kampagne „Change your Shoes“ lauten?

Ein wichtiges Ziel ist es, Transparenz in der Leder- und Schuhindustrie zu schaffen. Im ersten Jahr haben wir europaweit unter 10.000 Menschen eine Umfrage gemacht und feststellen können, dass der Wunsch nach Transparenz sowie fairen und nachhaltig produzierten Schuhen sehr hoch ist. Die Leute wollen wissen: Wer produziert meine Schuhe? Wer sind die Zulieferer? Was steckt in meinen Schuhen? Nur wenn ich das weiß, kann ich als Konsumentin und Konsument entscheiden, was ich kaufe und was nicht. Und was fordere ich vom Handel ein. Es geht also um die Erhöhung der Entscheidungskompetenz. Transparenz erhöht die Wahlmöglichkeit.

Gibt es Bestrebungen, ein europäisches Label für ökologisch und sozial einwandfreie Schuhe zu schaffen?

Ja, absolut. Ein gut kontrolliertes Label gäbe große Sicherheit und Vereinfachung für die Konsumentinnen und Konsumenten. Österreich ist mit seinem Umweltzeichen für Schuhe in dieser Hinsicht ein wirkliches Vorbild.

Sind noch andere Schritte in Richtung einer Entscheidungshilfe für Käuferinnen und Käufer geplant?

Wir werden, wie wir es bei der CCK gemacht haben, demnächst einen Firmencheck zu Schuhen starten. Damit bekommt man ein klares Bild der Marken und Konzerne: Wie auskunftsfreudig sind sie? Wie weit legen sie ihre Produktion, ihre Zulieferer, die verwendeten Materialien, die bezahlten Löhne etc. offen? Sind sie bei Kritik gesprächsbereit?

Wer ist „wir“? Wie ist diese Kampagne organisiert?

Zum Thema „Change your Shoes“ arbeiten 15 europäische und drei asiatische zivilgesellschaftliche Organisationen. Dieser Kampagnenschwerpunkt ist derzeit auf drei Jahre angelegt und wird wesentlich aus EU-Mitteln gefördert, federführend ist die CCK, die der Verein Südwind koordiniert. Mit vielen der NGOs gibt es langjährige Kooperationen. Andere kamen neu hinzu. Ich finde es zum Beispiel sehr bereichernd, dass eine NGO aus Bulgarien dabei ist, wo es noch eine Schuhindustrie gibt. Die Kollegen und Kolleginnen in Spanien arbeiten auch direkt mit Schuhherstellern im Land. Ganz wichtig sind die Partner in Hongkong, die zu China arbeiten, jene in Indien, die zu Problemen der Heimarbeit tätig sind. Aus Indonesien ist eine Gewerkschaft dabei. Sie alle haben Erfahrung im Einsatz für die Rechte von Arbeiterinnen und Arbeitern. Dadurch gelangen wir schnell an authentische Informationen. Wir können mit Hilfe unserer Aktivistinnen und Aktivisten Unternehmen hier in Europa ansprechen.

Wie funktionieren die Zusammenarbeit und die Arbeitsteilung über so viele Länder hinweg?

Jede Organisation hat ihre Schwerpunkte – thematisch und methodisch. Die Informationen werden geteilt. Manche arbeiten stärker wissenschaftlich, zum Beispiel von der Herkunft des Leders in Brasilien bis hin zum Verkauf von Schuhen in Italien. Die polnischen Partner sind sehr gut im Lobbying bei Unternehmen. Ein Kollege aus Dänemark bringt viel Erfahrung in der Zusammenarbeit mit dem EU-Parlament mit. Das alles macht die Arbeit sehr spannend. Das Schöne sind die Flexibilität und das vielfältige Engagement.

Um die Synergien gut zu nutzen, ist eine sorgfältige Arbeitsplanung nötig. Wir haben uns alle erst vor kurzem in Berlin als Gruppe von mehr als 24 Personen aus Indonesien, China und Europa getroffen, um die Aktivitäten der nächsten zwei Jahre zu planen. Kleinere Arbeitsgruppen treffen einander regelmäßig. Der meiste Austausch passiert aber natürlich über Telefonkonferenzen und E-Mails.

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