Trauma und Versöhnung

Von Richard Langthaler ·

Bürgerkrieg in Mosambik. Die Menschen lebten in ständiger Todesangst und leiden heute unter Kriegstraumen. Bei deren Heilung muss die kulturelle Dimension berücksichtigt werden.

Sie rennt mit einem Vulkan in der Brust, die Augen voller Panik. Sie rennt und flieht. Wahrgenommen wird nur die Angst, hart und voller Stacheln, wie die Erde, auf die ihre Füße in wildem Lauf treten.“ 1)
Mit ähnlichen Worten schildert die junge Mutter Maria Dzinhanbuia dem mosambikanischen Psychologen und Medizin-Anthropologen Victor Igreja ihr Kindheitserlebnis: Ihre Familie geriet in einen Hinterhalt und Mutter und Großmutter wurden dabei getötet. Seither träumt sie sehr oft von der Großmutter. Maria trägt einen sechsmonatigen, unterernährten, an Marasmus leidenden Säugling im Arm und an ihre Beine schmiegt sich ein achtzehnmonatiges Kind. Die Interviewgruppe sitzt im Schatten eines Mangobaums im Spitalsgelände. Einige kleine Schweine laufen herum und in einer alten Küche werden auf einem Drei-Steine-Feuer Maisbrei und Bohnen gekocht. Unter einem anderen Mangobaum zimmern Männer einen Sarg aus Bambus für einen gerade Verstorbenen. Im Hintergrund wird an einer neuen Küche und einem „Nutrition Center“ gebaut.
Dank einer vierjährigen Forschungsarbeit 2), die wissenschaftliche Grundlagen für die Anpassung von Trauma-Konzepten und Therapieansätzen an die kulturellen Gegebenheiten Mosambiks erarbeiten sollte, hatte Victor Igreja herausgefunden, dass eine der wichtigen Kriegsfolgen in dieser Gegend die (Zer–) Störung von „madzande“, der kulturellen Traditionen von Kinderbetreuung, war. Früher hatte eine Mutter nach der Geburt zwei Jahre keine sexuellen Kontakte, wodurch gewährleistet war, dass der Säugling in dieser Zeit Muttermilch bekam. Kriegsbedingt hielten jedoch viele „madzande“ nicht ein, Frauen wurden schon nach drei oder vier Monaten wieder schwanger und mussten abstillen. Unterernährung und Fehlernährung des Säuglings waren die Folgen, nicht selten auch der Tod.

Der Distrikt Gorongosa in der Provinz Sofala, Zentral-Mosambik, wurde für diese Studie als eine entlegene, vom Krieg sehr betroffene, immer noch stark verminte ländliche Zone ausgewählt.
Mosambik erlangte 1975 nach einem bewaffneten Befreiungskampf der FRELIMO (Frente de Libertação de Moçambique, gegr. 1962 unter Eduardo Mondlane) von 1962-1974 die Unabhängigkeit von Portugal. 1976 begann die RENAMO (Resistência Nacional Moçambicana), unterstützt von Portugal, Südafrika, dem damaligen Rhodesien (Simbabwe), einen brutalen Rebellenkrieg, der erst 1992 mit einem Friedensvertrag und Wahlen beendet werden konnte. Der Krieg forderte mindestens 1 Million Tote und mehrere Millionen Vertriebene und Flüchtlinge.
Das Hauptquartier der RENAMO befand sich während des Bürgerkriegs von 1976 bis 1992 am Berg Gorongosa, der von der FRELIMO heftig umkämpft war. 95% der Bevölkerung waren Übergriffen von beiden Kriegsparteien ausgesetzt, lebten in ständiger Todesangst und weisen deshalb eine hohe Häufigkeit von kriegsbezogenen, mentalen Krankheiten auf. Zudem war diese Gegend seit jeher als Zentrum traditioneller Heiler und Magier bekannt und gefürchtet.

Sowohl die westlichen Forschungskonzepte und diagnostischen Instrumentarien für traumatische Kriegsfolgen („post-traumatic stress disorder“) als auch die Heilmethoden sind zu individualistisch; daher ist es von Bedeutung, die traumatischen Erfahrungen in einen gesellschaftlichen Kontext zu stellen. In Afrika sind die Menschen Teil einer Familie bzw. Gemeinschaft, zu der auch die Ahnen zählen. Dies drückt sich z.B. bei der Zeremonie „madembe“ aus, die vom Familienoberhaupt einer (Groß–) Familie bei der Rückkehr von der Flucht auf dem alten Siedlungsplatz durchgeführt wird.
Ein Beispiel kollektiver traumatischer Erlebnisse ist etwa das Leben in Erdlöchern, in denen die Menschen aus Sicherheitsgründen sich während des Bürgerkriegs oft Monate lang verstecken mussten. Das Wohnen in Erdlöchern bewirkt jedoch einen schweren Bruch mit der Tradition. Nur die Toten werden in der Erde begraben, und nach den Begräbniszeremonien darf es keinerlei symbolischen Kontakt mit den Toten geben, denn jeder, der stirbt, ist Träger von „tsanganika“, mit dem Lebende infiziert werden und daran erkranken können.

Auch „gandira“ (Zwangsarbeit) ist ein solches Beispiel. Die Bevölkerung in den RENAMO-Gebieten musste für die Kämpfer Nahrung bereitstellen, die Versorgung gewährleisten und schwere Lasten mit Nahrungsmitteln und Waffen über lange Distanzen schleppen, wobei sie oft mehrere Wochen von zu Hause weg war. In dieser Zeit waren die Frauen den Kämpfern wehrlos ausgesetzt und wurden zu sexuellen Diensten gezwungen. Das Problem der Vergewaltigung ist ein Kriegsphänomen, das vorher so gut wie unbekannt war. Die betroffenen Frauen schweigen zumeist beim Interview. Sie sind als ehemalige (Zwangs–) Frauen der RENAMO stigmatisiert, haben oft schwere Gesundheitsschäden und Probleme, Kinder zu bekommen, was ebenso sehr traumatisiert wie die Vergewaltigung selbst.
Auch Naturkatastrophen werden als Folge des Krieges gewertet. Sowohl die Dürre während des Krieges als auch die große Flut nach dem Krieg wurden als Strafe für das Töten von Menschen, die Missachtung der Ahnen und die Verletzung der kulturellen Verpflichtungen gedeutet.

Die Forschungsergebnisse zeigen, dass es auf der sozialen und kulturellen Ebene durch den langen Krieg einen Zusammenbruch der kulturellen Identität und der traditionellen Verpflichtungen gab. Oft standen sich Mitglieder einer Familie durch die Zwangsrekrutierungen vor allem der RENAMO im Kampf gegenüber. Deshalb bedürfte es auch der Versöhnung durch eine Zeremonie innerhalb der Familien. Der Täter müsste anerkennen, dass er dem Opfer Schmerz bereitet und dass er ein Verbrechen begangen hat. Dem Opfer müsste eine Chance gegeben werden, einen Preis als Vergeltung für das Verbrechen zu nennen. Die Nichtbearbeitung dieser Traumen in der Gemeinschaft führen jedoch zu „Community Paranoia“, Misstrauen zwischen den Menschen, Massenpanik-Reaktionen und zunehmender Gewalt.
Die rechtliche Aufarbeitung auf Dorfebene – denn Verbrechen müssen gesühnt und Gerechtigkeit hergestellt werden – verlangt einen politischen Prozess, der an die traditionelle Justiz „ka wa nuira“ anknüpfen könnte, die vor dem „regulo“, dem traditionellen König, und dem traditionellen Richter zwischen Opfer und Täter stattfindet. Doch dieser Vorgang, der eine Bedingung für die Versöhnung ist, müsste von der Regierung initiiert werden. (Vgl. dazu die Wahrheitskommission in Südafrika.)
Die Region Gorongosa ist, wie oben erwähnt, auch ein Zentrum traditioneller Heiler („curandero“, bzw. „nyanga nhakwa“), die von den Kolonialisten, der Mission und auch von der FRELIMO ab 1975 verfolgt wurden und deren Tätigkeit untersagt war. Deren wichtigste psycho-soziale Aufgabe ist es, die Harmonie der Gemeinschaft wiederherzustellen. Für alle wichtigen Lebensabschnitte, aber auch für außergewöhnliche Ereignisse gibt es Zeremonien, wie z.B. „n’fukua“ oder „gamba“ für die Rückkehr eines Soldaten ins zivile Leben nach dem Krieg. Wenn sich die ehemaligen Kämpfer dem Ritual nicht unterziehen, kommen die Geister der Getöteten und üben Rache am Täter und seiner Familie.

Die Bedeutung der „curanderos“ für die Gemeinschaft findet in den letzten Jahren immer mehr Anerkennung. Dies wird vom Heiler Senhor Amedramo, Präsident der lokalen Heiler-Assoziation, zum Abschluss unseres Gespräches in der Abenddämmerung unter dem Litschibaum noch unterstrichen: „Wir Heiler sind bereit, ein Ritual der kollektiven Versöhnung in den Dörfern durchzuführen, wenn die Regierung die Initiative ergreift.“
Wenn es Victor Igreja gelänge, wie es sein Wunsch ist, ein Heiler-Zentrum gemeinsam mit einer Trauma-Klinik zu errichten, in der traditionelle Heiler und westlich ausgebildete PsychologInnen zusammenarbeiten, könnte Gorongosa für andere Länder ein Modell für die Trauma-Rehabilitierung sowie die individuelle und gemeinschaftliche Versöhnung werden.

1) von Calane da Silva; in: Elisa Fuchs/Elsa Fuchs-de Melo (Hrsg.): Die Liebe aller Tage. Erzählungen aus Moçambique. S. 129-133, DIPA, Frankfurt 1992

2) Die Studie ist im Artikel „The cultural dimension of war traumas in central Mozambique: The case of Gorongosa“ beschrieben: www.priory.com/psych/traumacult.htm

Richard Langthaler ist Afrika-Referent der Österreichischen Forschungsstiftung für Entwicklungshilfe (ÖFSE). Von 1979-82 war er Redakteur bei EPN und früher einige Jahre in Afrika tätig.

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