Tretpumpen statt Staudämme

Dezentrale, angepasste Wasserprojekte können die Armut wirkungsvoller bekämpfen als herkömmliche Großprojekte. Günstige und bewährte Möglichkeiten zur Armutsbekämpfung sind vorhanden. Zu deren Durchsetzung fehlt bloß der politische Wille, meint Peter Bosshard.

Von Peter Bosshard
Am Weltwasserforum in Mexiko-Stadt stritten sich Mitte März die Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft einmal mehr um die globale Wasserpolitik. Der Handlungsbedarf ist enorm: 1,1 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Mehr als zwei Millionen Kinder sterben jedes Jahr an verschmutztem Wasser.
Die konventionelle Antwort auf diese Herausforderung, die auch am Weltwasserforum dominierte, lautet „Big Is Beautiful“. Regierungen, Weltbank und Industrie setzen zum Ausbau der Wasserversorgung in erster Linie auf die moderne Bewässerungslandwirtschaft mit großen Dämmen, Wasserstraßen und Kanälen.
Die Erfolgsbilanz dieses Ansatzes ist bescheiden. Zentralisierte Großprojekte kommen hauptsächlich den Großbauern auf den fruchtbarsten Böden, der Industrie und der städtischen Bevölkerung zugute. Doch die Mehrheit der Armen lebt nicht in Städten und fruchtbaren Tälern. Das „Epizentrum der extremen Armut“ bilden gemäß der UNO die mehr als 500 Millionen Kleinbauernfamilien. Sie leben zumeist abseits der modernen Bewässerungssysteme, der Stromnetze und der modernen Trinkwasserversorgung. An ihnen zielen die Großprojekte vorbei.

Die Millenniums-Entwicklungsziele der UNO sehen vor, dass die Armut in der Welt bis zum Jahr 2015 halbiert werden soll. Damit dieses Ziel erreicht werden kann, braucht es eine grundlegende Neuorientierung der globalen Wasserpolitik. In deren Zentrum müssen zukünftig die ländlichen Armen stehen, die mit Regenfeldbau rund zwei Drittel aller Nahrungsmittel anbauen. Sie brauchen Unterstützung beim Bau dezentraler Wasserspeicher, beim schonenden Umgang mit Grundwasser und der Entwicklung von Wasser sparenden Anbaumethoden.
Die Weltbank behauptet, die Zeit der „einfachen und günstigen Lösungen“ im Wasserbereich sei um; nötig sei die Förderung von so genannten Hochrisikoprojekten. Diese Einschätzung geht völlig an der Realität vorbei. Es gibt zahlreiche technisch machbare, günstige und bewährte Alternativen, um den ländlichen Armen den Zugang und effizienteren Umgang mit Wasser zu ermöglichen.
Im wasserarmen indischen Bundesstaat Rajasthan baut eine breit abgestützte soziale Bewegung Tausende von kleinen Staubecken, um die spärlichen Regengüsse zu speichern. Die Wasserspeicher dienen der Landwirtschaft und speisen das Grundwasser. Als Folge fließen heute ganzjährig wieder drei Flüsse, die zuvor versiegt waren, und die Lebensgrundlagen breiter Bevölkerungsschichten haben sich verbessert. Die Organisation International Development Enterprises entwickelt günstige Tretpumpen. Diese erlauben Millionen von Kleinbauern, Grundwasser für die Bewässerung ihrer Felder einzusetzen. Die gleiche Organisation hat eine günstige Form der Tröpfchenbewässerung entworfen, welche Wasser direkt zu den Wurzeln leitet und damit rund die Hälfte des Wassers einspart. In mehr als 30 Ländern experimentieren Bäuerinnen und Bauern schließlich mit einer revolutionären Art des Reisanbaus, bei welcher der Reis nicht mehr permanent unter Wasser gesetzt wird. Die neue Methode erfordert mehr Arbeit, kommt aber mit einem Bruchteil an Saatgut, Wasser und Dünger aus und wirft größere Erträge ab.

Lokale Wasserspeicher, Tretpumpen und die Tröpfchenbewässerung setzen sowohl traditionelle als auch neue Techniken ein. All diesen Methoden ist gemeinsam, dass sie arbeitsintensiv, technisch einfach und billig sind. Die Tretpumpen kosten 25 US-Dollar, die Anlagen zur Tröpfchenbewässerung nicht mehr als drei Dollar pro Pflanzbeet. Ihre Herstellung erfordert keine importierten Technologien, sondern schafft lokale Arbeitsplätze. Externe Unterstützung braucht es hauptsächlich bei der weiteren Entwicklung von angepassten Technologien und ihrer Propagierung in ländlichen Regionen.
Paul Polak von International Development Enterprises schätzt, dass mit 20 Milliarden Dollar für angepasste Technologien im Wassersektor bis im Jahr 2015 100 Millionen Kleinbauernfamilien aus der Armut befreit werden können. Konventionelle Ansätze sind viel teurer. Die Wasserversorgung in Rajasthan kostet mit lokalen Wasserspeichern zwei Dollar, mit dem Narmada-Staudamm rund 200 Dollar pro Person. Die Bewässerung eines Hektars Land kostet durch das Narmada-Projekt 3.800 Dollar, mit Tretpumpen 120 Dollar. Doch für Staudammprojekte stehen von Weltbank und anderen Kreditinstitutionen jedes Jahr rund 20 Milliarden Dollar zur Verfügung. Den angepassten Technologien haben die Weltbank und die meisten Regierungen bisher die kalte Schulter gezeigt.

Dezentrale, angepasste Ansätze in der Wasserversorgung sind kommerziell und politisch nicht sehr attraktiv. Sie werfen kaum Exportaufträge, politisches Prestige und Bestechungsgelder ab. Sie sind aber machbar und können die Armut wirksam reduzieren. Für die notwendige Neuausrichtung der Wasserpolitik braucht es bloß politischen Willen.

Peter Bosshard ist Policy Director beim International Rivers Network (IRN) in Berkeley/USA. Ein neuer IRN-Bericht über die globale Wasserpolitik (Spreading the Water Wealth) ist auf www.irn.org erhältlich.

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