Tröpfelnder Fortschritt

Nepal ist nach Brasilien das Land mit den größten Wasserreserven weltweit. Trotzdem ist die Wasserversorgung prekär.

Von Jürgen Plank
Zu wenig, zu weit weg oder verschmutzt: Probleme mit Wasser prägen vielerorts den nepalesischen Alltag.

Der Zugang zu sauberem Wasser wurde 2010 per UN-Resolution in die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte aufgenommen, in Nepal sieht die Realität allerdings anders aus: Elf Prozent der NepalesInnen haben kein sauberes Trinkwasser zur Verfügung. Vor allem im Distrikt Ilam und in ländlichen Gebieten West-Nepals ist die Lage in Bezug auf die Wasserversorgung und den Zugang zu sanitären Einrichtungen prekär.

„In abgelegenen Regionen müssen die Menschen zum Teil mehrere Stunden gehen, um Wasser zu holen“, sagt ­Roshan Suwal, der für die japanische EZA-Agentur JICA (Japanese International Cooperation Agency) arbeitet. Suwal ist Ingenieur und auf sanitäre Einrichtungen, Wasserversorgung und -qualität spezialisiert. In seinem Büro in Kathmandu laufen Daten aus Ost-Nepal zusammen, denn JICA ist zurzeit in den Distrikten Ilam, Jhapa und Morang ­tätig.

„Pro Kopf sollte jeder täglich 60 bis 65 Liter Wasser zur Verfügung haben“, meint Roshan Suwal. In Ilam sind es manchmal nur rund 30 Liter. Zum Vergleich: Jede Österreicherin, jeder Österreicher verbraucht Tag für Tag rund 160 Liter.

Nicht nur in den Dörfern Nepals, auch in Städten wie Patan und Gorkha kann man Frauen und Kinder mit Aluminiumkrügen beim Holen von Trinkwasser an öffentlichen Brunnen beobachten. In Bhaktapur ist jeden Tag ein riesiger Tankwagen zu sehen, der Hotels mit jeweils rund 7.500 Liter Nutzwasser beliefert. In Kathmandu – einer Hauptstadt ohne flächendeckende Kanalisation – ist Wasser ein kostbares Gut: Manchmal heißt es vier oder fünf Tage warten, bis die 500 bis 1.000 Liter fassenden Tanks wieder aufgefüllt werden können.

In anderen Regionen, etwa im Terai an der Grenze zu Indien, ist Wasser zwar überall verfügbar, dafür in vielen Fällen mit Eisen oder Arsen kontaminiert. „Bei schwacher Verunreinigung setzen wir Biosand-Filter ein, um das Wasser trinkbar zu machen“, so Roshan Suwal. Solche Filter werden kostenlos an die Bevölkerung verteilt.

Die Verschmutzung von Wasser – egal ob Grund- oder Flusswasser – entsteht in Nepal nur zu leicht: Zum einen wird etwa in Kathmandu Abwasser ungeklärt in den Fluss Bagmati geleitet. Zum anderen haben zwei Drittel der Bevölkerung keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen. Die Errichtung von Latrinen ist somit ein wichtiger Baustein zur Verbesserung der Wasserqualität und der Gesundheit der Bevölkerung.

Organisationen und Agenturen wie JICA vermitteln den DorfbewohnerInnen, wie sie die verfügbare Wassermenge erhöhen bzw. das vorhandene Wasser besser nutzen können.

Eine aus Südamerika bekannte Technologie, die die natürlichen Gegebenheiten nutzt, wird in Nepal bereits erfolgreich eingesetzt: Die Wassergewinnung aus Nebel, der entsteht, wenn warme Luft vom Golf von Bengalen in Richtung Himalaya strömt, dort auf kalte Bergluft trifft und kondensiert. So genannte „Large Fog Collectors“ aus vier mal acht Meter großen Plastiksegeln leiten das derart gewonnene Wasser in unterirdische Reservoirs. Bei Untersuchungen erfüllt das Kondenswasser alle Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für sauberes Wasser.

Die Hälfte der bestehenden Infrastruktur zur Wasserversorgung ist Schätzungen zufolge in reparaturwürdigem Zustand und funktioniert nur schlecht. Oft genügt das Errichten von einfachen Wasserleitungssystemen aus PVC-Rohren, die ineinander gesteckt werden. Überall im Land sieht man oberirdisch verlaufende Leitungen, teils aus Metall, teils aus PVC. So auch im Dorf Sun­dari Daada am Begnas-See. „Wir haben 20 Jahre lang auf die Wasserleitung bis in den Garten vor unserem Haus gewartet“, erzählt Dinesh Adhikary, der hier lebt. Das ganze Dorf hat zusammengezahlt, um einen Wasserspeicher zu errichten.

In der Umgebung von Sundari Daada bestehen neben den neu errichteten Wasserleitungen und öffentlich zugänglichen Wasserhähnen die traditionellen steinernen Zisternen, kuwa genannt. Die kuwas sind vor allem in Ost-Nepal in Verwendung, sie füllen sich während der Regenzeit von selbst auf, hier holt die lokale Bevölkerung dann ihr Trinkwasser. „Manche waschen auch ihre Wäsche hier und verunreinigen das Wasser, sodass andere davon krank werden“, so Dinesh Adhikary. In ganz Nepal ist Wasser die Ursache für Krankheiten wie Cholera und Durchfall.

In der Monsunzeit, von Juni bis Oktober, sorgt Wasser für weitere Probleme: Wegen der Regenmassen kommt es immer wieder zu Überflutungen und Erdrutschen. Straßen werden unpassierbar, weggespült oder Fahrzeuge mitgerissen.

Obwohl es durchaus schon messbare Fortschritte gab und die Regierung seit 2006 ein regelmäßiges Monitoring zum Thema Wasser durchführt – die Nutzung der Wasserressourcen und die Frage nach sauberem Wasser wird Nepal auch in den nächsten Jahren beschäftigen. Ebenso wie die Stromerzeugung mittels Wasserkraft. In dem kleinen Himalaya-Land verfügen laut Weltb

ank 76% der Bevölkerung über elektrischen Strom. Die zur Deckung des Strombedarfs nötigen Kraftwerkskapazitäten werde auf 1,2 GW (Gigawatt) geschätzt. Nepal verfügt über 0,9 GW, davon entfallen  0,7 GW  auf Wasserkraftwerke. Im Jahr 2008 lagen die Kapazitäten aufgrund niedriger Pegelstände der Flüsse nur bei 0,28 GW.

Wegen des Stromdefizits gibt es Stromabschaltungen von bis zu 18 Stunden Dauer pro Tag. Ein Stundenplan legt fest, wo und wann im Kathmandutal der Strom abgedreht wird. Der Aufbau von Industriebetrieben ist unter diesen Bedingungen schwierig.

Im Herbst 2014 hat Norwegen 60 Millionen US-Dollar für die Verbesserung des Stromnetzes und den Bau von Wasserkraftwerken zugesagt. Das Geld wird von der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) verwaltet. Gelingt der Ausbau, dann wird in Zukunft Strom nach Indien exportiert statt wie jetzt importiert. „Das Geld aus Norwegen ist eine gute Nachricht“, sagt Roshan Suwal von JICA. „Aber bevor dieses Geld verwendet wird, muss die nepalesische Regierung eine klare Politik für die Stromversorgung des ganzen Landes ausarbeiten“, fügt er hinzu: „Einen Plan für die nächsten 10 bis 15 Jahre.“

Jürgen Plank ist Ethnologe, Musiker, DJ und hat vor kurzem in Nepal recherchiert.

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