Trompeten gegen Drogen

Venezuelas Jugendorchester sind ein Sozialprojekt, dessen Erfolg bereits auf ganz Lateinamerika ausstrahlt. Mit dem Gründer der in den Armenvierteln angesiedelten Musikschulen, José Antonio Abreu, sprach Ralf Leonhard

Von Ralf Leonhard
Ende November war Wien wieder einmal Schauplatz einer Opern-Uraufführung: „The Flowering Tree“, ein indisches Sozialmärchen, vertont vom US-Komponisten John Adams, ein Auftragswerk im Rahmen des Mozartjahrs. Das wäre nicht weiter ungewöhnlich. Das Besondere an dieser Premiere waren Orchester und Chor, die aus Südamerika eingeflogen wurden: das Jugendorchester von Venezuela. „Kein anderes Orchester der Welt wäre bereit gewesen, diese Oper so schnell einzustudieren“, erklärt Marianne Dacosta, Österreichs Botschafterin in Caracas. Denn zwischen Fertigstellen der Partitur und Welturaufführung lagen gerade sechs Wochen. Praktisch Tag und Nacht probten die jugendlichen Musikerinnen und Musiker, bevor sie im Wiener Museumsquartier den verdienten Applaus ernteten.
Schöpfer des venezolanischen Musikwunders ist José Antonio Abreu, der vor der Opernvorstellung mit dem renommierten GLOBArt Award geehrt wurde. Nach dem langen Überseeflug in seinen dicken Wintermantel versunken, wirkt der 67-jährige Mann noch kleiner und zerbrechlicher als er ist. Abreu, der 1975 in einer Garage in Caracas die erste Musikschule in einem Armenviertel aufbaute, kann inzwischen auf eine Million Kinder und Jugendliche verweisen, die in der von ihm gegründeten Orchesterinitiative den Umgang mit einem Instrument gelernt haben. 250.000 sind es derzeit in ganz Venezuela, die in einem der unzähligen Jugendorchester spielen. „Wir haben die symphonische Musik aus den elitären Zirkeln herausgeholt und dem ganzen Volk zugänglich gemacht“, zeigt sich Abreu zufrieden über sein Werk.

Trotz der von ExpertInnen bestaunten hohen Qualität der Orchester betrachtet Abreu sein Netzwerk in erster Linie als Sozialprojekt. Wie der Sport halte die Musik junge Menschen davon ab, auf dumme Gedanken zu kommen. „Aber anders als der Sport dringt sie auch in Seele und Geist ein und wird so zu einem Element der sozialen Entwicklung. Das Kind empfängt den Lehrer zu Hause und stellt sein Talent zur Verfügung.“ Über die Kinder und Jugendlichen werden die Familien und ganze Wohnviertel einbezogen. Geprobt wird jeden Tag. Der falsche Gebrauch der Freizeit sei eines der Grundübel der Gesellschaft, ist Abreu überzeugt. „Wer Sport betreibt oder musiziert, nimmt keine Drogen.“ Und die kriminelle Energie, die gerade in Venezuela den Gewaltpegel hoch getrieben hat, werde transformiert.
„Ich habe die Pistole gegen die Klarinette getauscht“, schrieb ein Teenager in einen Fragebogen über die sozialen Auswirkungen der Orchesterarbeit auf sein tägliches Leben. Kinder, die so den sozialen Aufstieg sichern können, werden also durch die Kinderorchester resozialisiert. Abreu kennt keinen Fall, dass einer oder eine im Orchester mit Drogen erwischt worden wäre: „Kein Kind, das seine Trompete oder Klarinette liebt, kann in seinem Herzen die Saat der Drogensucht aufgehen lassen. Denn Drogen nimmt nur, wer eine Leere verspürt. Aber wer seine Seele mit der Freude über die Musik erfüllt, der ist nicht anfällig.“ Es sei unmöglich, den gesellschaftlichen Nutzen der Jugendorchester zu quantifizieren, sagt José Antonio Abreu, doch eine lohnende Investition sei das Projekt für den Staat allemal.

Deswegen haben sich alle Regierungen seit 1975 voll zu den Jugendorchestern bekannt. Egal, ob Sozialdemokraten, Christdemokraten oder jetzt Hugo Chávez: Jeder Präsident hat die staatliche Finanzierung verlängert. So gebe es in den Orchestern auch keine politische Polemik obwohl die Polarisierung zwischen Chávez-GegnerInnen und Chávez-AnhängerInnen alle Bereiche und Gesellschaftsschichten erfasst hat. Dank der staatlichen Subvention ist nicht nur der Unterricht kostenlos: Die Kinder bekommen auch Instrumente geschenkt. José Antonio Abreu, gelernter Volkswirt, der seinen sicheren Posten in der Zentralbank aufgab, um sich ganz seinem Lebensprojekt widmen zu können, ist für seine Arbeit bereits mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden. Die Interamerikanische Entwicklungsbank hat die Musikschulen kürzlich als bestes Sozialprojekt ganz Lateinamerikas ausgewählt und steuert auch regelmäßig zur Grundfinanzierung bei.
Nicht weniger als 90 Musikschulen sind in den letzten 30 Jahren landesweit entstanden. 15.000 Lehrerinnen und Lehrer kümmern sich um eine Viertelmillion Musikschüler. Wer in Europa als Kind mit Klavierunterricht gequält wurde, bis er seine Eltern von seiner Talentlosigkeit überzeugen konnte, kann die Begeisterung der venezolanischen Jugend kaum nachvollziehen. „Bei uns haben alle Talent für die Musik. Ich weiß von keinem, der wegen mangelnder Begabung aufgegeben hätte“, versichert der Maestro, der sein Modell längst in ganz Lateinamerika popularisiert hat. Von Argentinien bis Mexiko wurden Jugendorchester nach dem venezolanischen Vorbild eingerichtet. Es findet ein regelmäßiger Austausch statt. Auch mit Jugendorchestern in Europa, Asien und Australien wurden bereits Kontakte geknüpft.

Aber nicht nur nach außen, auch nach innen wird der Dialog mit anderen Kulturen gepflegt. In den indianischen Gemeinschaften „fördern wir vor allem die Pflege der eigenen musikalischen Traditionen“. Die autochthonen Instrumente werden dort in die Orchester integriert. Viele der Indigenen wollen aber auch die klassischen Instrumente erlernen. Dass ihnen dafür nicht die Begabung fehlt, entdeckten schon die Jesuiten im 17. Jahrhundert in Paraguay und Bolivien.
In Venezuela geht die Tradition der klassischen Musik auf das 18. Jahrhundert zurück. Man sprach vom „musikalischen Wunder Venezuelas“, als Pater Feliciano Palacios y Sojo ab 1750 mehrere Generationen von Musikern und Komponisten ausbildete.
Dass Kinder aus venezolanischen Armenvierteln internationale Karriere machen wie der 25-jährige Gustavo Dudanel, der 2004 gegen fast 300 KonkurrentInnen den Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerb in Bamberg gewann, ist noch die Ausnahme. Aber in praktisch allen Profiorchestern Venezuelas findet man ehemalige Schützlinge von Abreu. Sir Simon Rattle, der sich die Premiere in Wien nicht entgehen ließ, hält die Jugendorchester „für das zur Zeit wichtigste Ereignis in der Welt der klassischen Musik überhaupt“.

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