U-Bahn nahe den Wolken

Jüngst wurde im bolivianischen La Paz die dritte städtische Seilbahnlinie eingeweiht, fünf weitere sollen folgen. Die schwebenden Gondeln sind auch in anderen südamerikanischen Städten im Einsatz.

Von Knut Henkel
Wohnsitz in El Alto, Arbeitsplatz, Universität oder Schule in La Paz: Wie für Alejandro bedeutet die Seilbahn für viele eine Erleichterung beim täglichen Pendeln.

Taypi Uta steht über dem Fahrkartenschalter, vor dem eine Gruppe Schüler wartet. Auch Adela Cruz Quispe steht in der Schlange für Fahrkarten in der „Zentralstation“, was die Aymara-Worte übersetzt bedeuten. Mit Faltenrock, Umhängetuch und Melone trägt sie die traditionelle Kleidung der indigenen Aymara, zu denen auch Evo Morales gehört.

Die rote Linie, „la linea roja“, ist die meistbefahrene Seilbahnlinie von La Paz. Sie verbindet seit Mai 2014 das historische Zentrum von La Paz mit dem knapp 600 Meter darüber liegenden El Alto. La Paz und El Alto sind Schwesterstädte, die obere, El Alto, ist in den letzten Jahrzehnten stetig gewachsen und hat mittlerweile mehr Einwohnerinnen und Einwohner als das rund 800.000 Menschen beherbergende La Paz.

La Paz, Sitz der Regierung und wichtigste Stadt Boliviens, liegt in einem engen Talkessel. Aus der Seilbahn hat man einen prächtigen Blick über die Stadt. Auch ein Grund, weshalb Adela Cruz Quispe gern „El Teleférico“ (Spanisch für Seilbahn, Anm.) nimmt, um zwischen La Paz und ihrer Heimatstadt El Alto zu pendeln. „Der Ausblick ist toll, aber vor allem geht es viel schneller als mit den Mikrobussen oder dem Sammeltaxi und kostet auch nicht viel mehr“, so die Sozialarbeiterin. Sie kennt die beiden Schwesterstädte, die bis vor kurzem nur durch eine vierspurige Auto­bahn und ein paar kleinere Serpentinenstraßen verbunden waren, gut. Unten hat sie ihr Studium absolviert, oben mit ihren Eltern gelebt – Alltag für viele Bewohnerinnen und Bewohner. Mit der Seilbahn gibt es nun eine Verkehrsalternative.

Neben der roten Linie gibt es noch eine gelbe. Die verbindet Sopocachi, das südliche Stadtzentrum von La Paz, mit Ciudad Satélite in El Alto. „Estación Mirador“, auf Deutsch „Aussichtspunkt“, heißt die Endstation auf dem Hochplateau und folgerichtig überblickt man von dort das gesamte, weitgehend bebaute Tal von La Paz. Die beiden Linien lassen die zwei Städte quasi zusammenwachsen, auch wenn die Kapazität von rund 12.000 Passagieren pro Stunde noch nicht dem Bedarf entspricht. Eine U-Bahn schafft knapp 60.000 pro Stunde. „Aber die Seilbahn ist ein Fortschritt“, urteilt Adela Cruz Quispe. Die anderen Passagiere in der knallroten Gondel sind ihrer Meinung.

Ein knappes Dutzend Menschen passen in jede der mit hohen Plexiglasscheiben und bequemen Holzbänken ausgestatteten Gondeln. Die funkeln immer noch wie neu – ein Indiz dafür, dass die Bewohnerinnen und Bewohner von El Alto und La Paz das neue Verkehrsmittel gut angenommen haben und auf „ihre“ Seilbahn aufpassen.

Das bestätigt auch Torsten Bäuerlen. Der 34-jährige ist Projektmanager beim österreichischen Seilbahn-Spezialisten Doppelmayr. Das Unternehmen hat die Anlagen in Bolivien errichtet. Bäuerlen lebt seit zwei Jahren in La Paz und ist regelmäßig mit der Gondel unterwegs. „Mehr als zwölf Millionen Passagiere haben wir zwischen Mai und Anfang Jänner registriert. Das Gros sind klassische Pendler.“

Natürlich mischen sich auch ein paar Touristinnen und Touristen darunter, aber grundsätzlich treffen in den Gondeln unterschiedliche soziale Schichten aufeinander: traditionell gekleidete Frauen wie Adela Cruz Quispe, Arbeiter und Geschäftsleute. Letztere haben mehr und mehr in El Alto zu tun, weil viele Industrieunternehmen sich in der Stadt angesiedelt haben und sich der Flughafen dort befindet. Sie ziehen die Seilbahn den engen und rußenden Kleinbussen, dem klassischen Transportmittel, vor. Eine Fahrt mit den „Micros“ kostet 2,5 Bolivianos, etwas weniger als die drei Bolivianos – umgerechnet 0,30 Euro – die pro Fahrt mit der Seilbahn fällig werden. Den Preis können sich die meisten Bolivianerinnen und Bolivianer leisten, für Schülerinnen und Schüler, Studierende, Pensionistinnen und Pensionisten sowie Behinderte gibt es Sondertarife.

Auch Alejandro ist täglich zwischen oben und unten unterwegs: Der 15-jährige Schüler lernt im Tal und lebt auf dem Hochplateau von El Alto. „Die Fahrt wird nie langweilig, man bekommt immer wieder etwas Neues zu sehen“, erklärt er lächelnd. Zustimmend nickt der Sitznachbar, der sich als Fan der Transportalternative outet: „Sie ist leise, kommt ohne Emissionen aus und ist eine großartige Alternative zum Bau von Straßen oder gar einer U-Bahn“, sagt der Bolivianer Anfang Vierzig. Miguel Ruiz Marcos heißt er, ist Fotograf und mag den Charme der engen Straßen, die die Altstadt prägen. „Schauen sie in den Talkessel – da ist doch kein Platz für zusätzliche Straßen.“

Die Türme der Seilbahn hingegen brauchen nur ein paar Quadratmeter Platz. „So werden gewachsene Strukturen geschont“, werben die Doppelmayr-Experten. Auch in La Paz, Caracas, Buenos Aires und Rio de Janeiro werden Seilbahnen eingesetzt, um marginalisierte Stadtteile besser an den öffentlichen Verkehr anzuschließen. Pionier ist Kolumbiens Metropole Medellín, wo eine Seilbahn seit mehr als zehn Jahren ärmere Stadtteile wie die „Comuna 13“ mit dem Zentrum verbindet. Die Linien zwischen La Paz und El Alto stehen in dieser Tradition, und Torsten Bäuerlen und seine Kollegen werden dort noch länger zu tun haben. Im Dezember wurde als dritte die „grüne Linie“ eröffnet, im März soll ein Folgeauftrag für fünf weitere Seilbahnlinien unterschrieben werden, so Finanzminister Luis Alberto Arce. 450 Millionen US-Dollar hat er in seinem Etat für 2015 bereitgestellt, um weitere Stadtteile mit der Seilbahn zu erschließen.

„Wir rücken näher zusammen“, sagt Minister Arce stolz und diese Einschätzung teilt auch Adela Cruz Quispe. Nach der zehnminütigen Fahrt steigt sie oben an der Station „Feria 16 de Julio“ aus der Gondel. „Früher war El Alto als arm, dreckig und kriminell verschrien und obendrein konnten die Leute von unten die hier oben kaum verstehen“, lacht die 42-Jährige. Sie spricht wie fast alle in El Alto Aymara, die Muttersprache von rund drei Millionen Bolivianerinnen und Bolivianern. Die sprachliche Hürde zwischen La Paz, wo vornehmlich Spanisch gesprochen wird und El Alto, wo Aymara dominiert, ist in den letzten Jahren etwas niedriger geworden. Die Seilbahn könnte dazu beitragen, dass sie weiter sinkt. 

Knut Henkel ist Politikwissenschaftler und freiberuflicher Journalist mit Schwerpunkt Entwicklungspolitik.

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