„Über die Enden der Welt“

Die Wiener Festwochen zeigen auch heuer wieder zahlreiche Produktionen zu existenziellen Fragen aus verschiedensten Weltregionen.

Von Werner Hörtner
Die „Unschuldigen Kinder“ im kolumbianischen Dschungel der Gewalt.

Unter der Direktorin Stefanie Carp ist das Schauspielprogramm der Wiener Festwochen zu einem künstlerischen Zentrum für die Reflexion über Fragen geworden, die die Zukunft der Menschheit und des Planeten bestimmen. Die deutsche Theaterfrau, die vier Jahre mit Christoph Marthaler am Zürcher Schauspielhaus arbeitete, ist keine Frau fürs Bequeme, fürs Etablierte, fürs Klassische. „Mich interessieren die Erfahrungen, wie sie in der Dritten Welt gemacht werden und wie sie die Theaterleute dort umsetzen – und wie Europa über sich selbst reflektiert“, hat Carp schon vor Jahren in einem Interview mit dem Südwind-Magazin erklärt.

Diese intellektuelle und künstlerische Neugierde prägt auch das diesjährige Schauspielprogramm mit 41 Produktionen aus 23 Ländern – gemixt mit einer gehörigen Portion Experimentierfreudigkeit. Das Programm führt, nach Carps eigenen Worten, „von den Enden der Welt über die Enden der Welt“. Thematisiert werden die Enden im Sinne ökologischer und sozialer Katastrophen und als Ränder, als marginalisierte Regionen, die am Wohlstand nicht beteiligt sind.

Carps künstlerischer Weggefährte Marthaler kommt mit einem Grönlandprojekt nach Wien. Gemeinsam mit einigen SchauspielerInnen bricht er nach Grönland auf, um ein Theaterprojekt zu erfinden. Und sie werden berichten von der Unmöglichkeit einer Ankunft. Das Stück wird in Nuuk in Grönland und in Wien uraufgeführt.

Aus der sehr lebendigen jungen Performing-Art-Szene in Tokio werden drei neue Arbeiten präsentiert. Auf Glück hat man in der heute noch sehr geschlossenen japanischen Gesellschaft kein Recht, aber man hat die Pflicht, Scham und Schande zu vermeiden. Der Regisseur und Choreograph Toshiki Okada widmet sich in „A Sonic Life of Giant Tortoise“ dem strukturellen Glücksdefizit japanischer Gefühlshaushalte – und geht dabei humorvoll an tiefernste Fragen seiner Generation heran.

Das Mapa Teatro aus Bogotá, geführt und geleitet von den Schweizer Geschwistern Abderhalden, war schon 2005 mit einer eindrucksvollen Videodokumentation über die Zerstörung eines Stadtteils der kolumbianischen Hauptstadt bei den Festwochen. Im Mittelpunkt steht das „Fest der Unschuldigen Kinder“ in Guapí, einem fast ausschließlich von AfrokolumbianerInnen bewohnten Ort. Live-Musik vermengt sich mit Videoaufnahmen und Lebensbeichten brutaler Paramilitärs. Der kolumbianische, in New York lebende Videokünstler Carlos Motta hat in zwölf lateinamerikanischen Städten mehr als 400 Interviews über Demokratisierungsprozesse in den jeweiligen Ländern gemacht.

Der US-Regisseur Peter Sellars, häufig zu Gast in Wien, bringt ein Konzert der afrikanischen Sängerin und Komponistin Rokia Traoré auf die Bühne, gegenübergestellt einem Monolog von Toni Morrison. Ein Dialog zweier Frauen über Kontinente, Lebens- und Liebesgeschichten hinweg.

Kurz und gut: Wieder ein Festwochen-Schauspielprogramm, das den Eindruck erweckt, auf Südwind-LeserInnen zugeschnitten zu sein.

Wiener Festwochen, 13. Mai bis 19. Juni 2011, Programm und Infos unter Tel. 01/589 2222, www.festwochen.at
Kartenverkauf 01/589 2211

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