Über Privilegien und Ausbeuter

Frieden in Europa, faire Schoko am Christbaum und viele Bücher. Privilegierte Weihnachten wünscht der Buchhändler unseres Vertrauens.

Von Rudi Lindorfer

Ich bin privilegiert. Meine Arbeit stimmt großteils mit meinen Interessen überein und bringt mir so viel ein, dass ich mir mit Begeisterung Bücher verkaufen kann. Zu Hause, beim ersten Durchblättern, finde ich manche enttäuschend, die meisten auslesenswert, wenigstens später einmal. Alleine beim Blättern springen mir schon Schätze ins Auge. Bei Lukrez „Das Leben ist niemandem als Besitz, sondern allen nur zum Gebrauch gegeben.“

Greife ich dann nach dem neuen „Schwarzbuch Markenfirmen“ von Klaus Werner-Lobo und Hans Weiss und lese da, wie Konzerne wirtschaften, wie sie Leben in Besitz nehmen und verbrauchen, habe ich diesen Satz bei mir und weiß dazu, dass wenigstens die ProduzentInnen, deren Lebensmittel und Kunsthandwerk wir im Weltladen verkaufen, einen anständigen Preis bekommen.

Das Aberwitzige ist, dass die Multis per Gesetz dazu verpflichtet sind, ihren AktionärInnen (zu denen zählen auch wir Lebens- und freiwillig Pensionsversicherten) den höchstmöglichen Ertrag zu bringen. Das bringt mit sich, dass „normale“ Schokolade, auch die, welche Christbäume schmückt, so viel kostet wie vor ca. 40 Jahren, als Schokolade nicht alltägliche Kost war. Das selbstverständlich nicht, weil Nahrungsmittelkonzerne Gewinnabstriche machen, auch nicht, weil es zu wenig Fairtrade-zertifizierten Kakao gäbe. Wenn wir heute 1,20 Euro im Supermarkt für Schokolade hinlegen, zahlen wir dafür  in etwa den Tagesverdienst eines Kakaobauern oder einer Kakaobäuerin.

Dass die Autoren auch Alternativen zu den Ungerechtigkeiten aufzeigen, hebt das Buch über ein bloßes Who’s who der Ausbeuter. Wie diese ihr Kapital gemehrt haben und weiterhin anhäufen, führt Thomas Piketty in seinen schlüssigen Analysen aus und tritt da einigen Ökonomen ziemlich auf die Zehen. Nachdem sein „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ erschienen war, erfuhr er begeisterte Kritiken. Kurze Zeit später wurde das Werk, oft in denselben Medien, wegen angeblich zweifelhafter bis absolut falscher Datenauswertung verrissen. Dass zu Goethes Zeit widerwärtig nicht nur für ekelhaft sondern auch für widerständig stand, erfuhr ich in einem Kommentar zu einem seiner Gedichte. Das Geschehen rund um „Das Kapital“ ließe sich so mit dem selben Wort ausdrücken.

Die spezielle Ausrichtung einer Buchhandlung wie unserer bringt Vorausexemplare von Titeln mit sich, von denen die Verlage hoffen, dass wir sie lesen, für gut befinden und bewerben. Wahrscheinlich hätte ich „Fluchtversuch“ des Spaniers Miguel Ángel Hernández nicht gelesen, hätte der Verlagsvertreter es mir nicht ans Herz gelegt. Der zeitgenössische Kunst lehrende Autor lässt in seinem engagierten Roman einen von der Presse gefeierten Aktionskünstler einen Afrikaner „ohne Papiere“ in eine Holzkiste sperren und in einer Kleinstadt in Spanien ausstellen. Dabei führt er wie nebenbei in eine Richtung des Aktionismus ein. Und er scheut sich nicht, die Frage aufzuwerfen, wie weit Kunst gehen darf und ob nur wir Privilegierten uns den Luxus leisten können, Menschenwürde einzufordern.

Ebenso aufklärerisch ist Alexis Jennis gewaltiges Epos „Die französische Kunst des Krieges“. Der zweite Golfkrieg ist ausgebrochen. Der Erzähler im Roman sieht eher gelangweilt Bilder dieses Krieges im Fernsehen und ist hauptsächlich damit beschäftigt, sich vor seiner Arbeit zu drücken und einen privaten Zeichenlehrer zu finden. Den findet er in einem Veteranen, der in der Résistance gegen die Deutschen, dann in Frankreichs Kolonialkriegen in Vietnam und Algerien gekämpft hat. Während des Unterrichts erzählt ihm dieser anschaulich und realitätsnah vom Leben im und für den Krieg und von den Albträumen, die ihn heimsuchen.

Je mehr der Erzähler erfährt, umso mehr merkt er, dass wir in Europa das Privileg haben, in einer sogenannten friedvollen Epoche zu leben. Die Kriege haben wir exportiert, die Bilder davon holen wir uns auf den Bildschirm und verstehen nicht, warum die dort unten keine Ruhe geben.

„Nicht die Sinne trügen, sondern der deutende Verstand“, würde Lukrez dazu sagen.

Der Autor ist Buchhändler bei Südwind-Buchwelt in Wien.

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