„Unabhängigkeit ohne Folgen“

Die Pastorin Leonora Dorendji Balubun, genannt Dora, im Gespräch mit ­Südwind-Redakteur Werner Hörtner über Politik und die Beteiligung der Frauen daran.

Pastorin Dora freut sich, dass die Frauen in Westpapua die Möglichkeiten, die sich ihnen bieten, auch tatsächlich nutzen.

Südwind-Magazin: Wieso gibt es in der evangelischen Kirche Westpapuas mehr Frauen als Männer?
Dora:
Durch die Missionstätigkeit der Vergangenheit haben die Frauen die Chance bekommen, in die Schule zu gehen. Dieses Phänomen beobachten wir nicht nur im theologischen Bereich. Wir haben auch immer mehr Frauen, die als Ärztinnen arbeiten oder als Dozentinnen an den Universitäten. Offensichtlich nutzen die Frauen die Möglichkeiten, die sich ihnen bieten, auch tatsächlich.

Es gibt ja Strömungen, die in Westpapua sowohl das Christentum als auch den Islam für kolonialistische Projekte halten. Wie ist das Verhältnis Ihrer Kirche zu traditionellen Religionen?
Es gibt selbst in der Nähe der Hauptstadt Gemeinden, die sowohl den traditionellen als auch den christlichen Glauben praktizieren: sonntags feiern sie den christlichen Gottesdienst und freitags die traditionellen Zeremonien. Es gibt auch Gemeinden, in denen beides im Rahmen eines Gottesdienstes vermischt wird. Die evangelische Kirche beobachtet und untersucht dieses Phänomen. Im Grunde genommen hat man nichts dagegen und will bestimmte traditionelle Elemente auch unterstützen.

Was brachte der große Volkskongress im vergangenen Oktober?
Das Ergebnis dieses Kongresses war unsere Unabhängigkeit von Indonesien. Die Kongressteilnehmer haben die politische Unabhängigkeit von Westpapua ausgerufen. Wir haben jetzt eine eigene Verfassung, ein eigenes Staatswappen, eine eigene Hymne, sogar eine eigene Währung, den Papuanischen Gulden.

Und was sagt Indonesien dazu?
Es war für alle sehr überraschend, dass man tatsächlich am letzten Tag dieses Kongresses die Unabhängigkeit erklärt hat. Ein Präsident und ein Ministerpräsident wurden gewählt. Die sitzen jetzt alle im Gefängnis. Der Kongress verlief drei Tage lang friedlich, aber eine Stunde nach Ende griffen die Sicherheitskräfte ein. Es wurde geschossen, viele Menschen wurden verprügelt. Insgesamt drei Menschen waren auf der Stelle tot, an die 300 wurden festgenommen. Die meisten kamen nach einem Tag wieder frei, aber sechs Personen stehen nun wegen Hochverrats vor Gericht, darunter der gewählte Präsident Papuas, Forkorus Yoboisembut, und der Ministerpräsident, Edison Waromi. Die Unabhängigkeit hat natürlich keine politische Konsequenz. Aber diese Gewalt hat auch relativ viel internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen, so dass erstmals auch das US-Außenministerium reagierte. Durch diesen Kongress wurde der Konflikt in Papua ein Stück weit internationalisiert.

Es heißt, die Frauen waren dabei sehr aktiv.
Ja, es waren sogar mehr Frauen als Männer beteiligt. Sehr viele Frauen sind jetzt voll Hoffnung. Etliche kleine Gruppen sind nun in Papua unterwegs, um die Ergebnisse des Kongresses in den Dörfern bekannt zu machen, und es gibt auch Gruppen, die jetzt in Europa die Öffentlichkeit informieren.

Die Armee lässt das zu?
Nach dem Kongress mussten sich Menschen in die Wälder zurückziehen, auch die Frauen. Vor allem am 1. Dezember, dem traditionellen Unabhängigkeitstag der indigenen Papua. Das Militär durchsuchte damals einige Dörfer. Die Menschen trauen sich zum Teil noch nicht, in ihre Häuser zurückzukehren, weil die Sicherheitskräfte den Strom unterbrochen haben. Die Menschen haben große Angst, dass sie abends in der Dunkelheit sitzen und dann wieder Opfer von Gewalt werden können.

Nach der Besetzung Westpapuas durch Indonesien 1964 entstand die Organisation für ein freies Papua (OPM). Ist die durch die Militäraktionen stärker geworden?
Bei den Menschen, von denen ich rede, handelt es sich gar nicht um OPM-Anhänger, sondern um die ganz einfache Bevölkerung. Zwischen 1960 und Anfang der 1990er Jahre gab es sicherlich etliche OPM-Anhänger, aber viele haben die OPM verlassen und führen inzwischen ein ganz normales Leben in den Dörfern, sie gehen in ihre Gärten, sie gehen ganz normalen Arbeiten nach. Trotzdem werden einfache Zivilisten oft als OPM-Anhänger stigmatisiert, und das wird dann von den Medien aufgegriffen und breitgetreten. Wenn das Militär normale Dörfer angreift, dann heißt es im Nachhinein in den Medien, dass es sich dabei um ein OPM-Dorf gehandelt hätte, obwohl es ein Dorf mit ganz normalen Zivilisten war.

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