Unbequeme Zuversicht

Von Brigitte Pilz ·

Wollen wir als Menschheit Teil des Problems sein oder Teil der Lösung?

Der Trendforscher Franz Kühmayer drückt es etwas kompliziert aus: „Die Umgebungsvariablen für Optimismus sind momentan ungünstig.“ (Der Standard, 1. Jänner 2017) Andere befinden: „2016 war ein katastrophales Jahr.“ In den Medien jagt eine Hiobsbotschaft die andere, anscheinend ohne Lösungsansätze in Sicht: kriegerische Auseinandersetzungen; terroristische Übergriffe; Millionen Menschen auf der Flucht; Reiche immer reicher, Arme immer ärmer; Umweltkatastrophen, wo man hinblickt; irrwitzige Aktionen nicht allein des neuen US-Präsidenten. Unsere Welt scheint ökologisch, politisch und ökonomisch aus den Fugen geraten zu sein.

Fast hat man den Eindruck, es gebe nur zwei Möglichkeiten: Augen und Ohren zu und soweit möglich sein kleines privates Glück hegen und pflegen. Oder: sich von Gefühlen der Bedrohung und Angst lähmen zu lassen. Tatsächlich fällt es derzeit vielen Menschen schwer, eine optimistische Welthaltung einzunehmen.

Pessimismus lähmt. Der Pessimismus ist auf dem Vormarsch. Man spricht gar von einer Epidemie des Pessimismus. Dabei können wir uns diese negativen Gefühle überhaupt nicht leisten. Der Zukunftsforscher Matthias Horx nennt sie eine „kognitive Katastrophe“, denn „Pessimismus taugt nicht als Handlungsansatz, weil er lähmt“. Vielmehr brauchen wir gerade in schwierigen Zeiten eine optimistische Weltsicht, damit wir vom Betrachten, Analysieren, Erleiden oder Erdulden auch zum Tun kommen.

In einer bemerkenswerten Ausgabe des von mir sehr geschätzten Radiokollegs auf Ö1 wurde gleich in der ersten Jännerwoche dieses Jahres der Fokus genau darauf gerichtet: „Verantwortungsvoller Optimismus“. Dieser ist nicht platt, nicht naiv, nicht oberflächlich. Er reflektiert zentrale Probleme der Gegenwart. Er ignoriert nicht kritische Einwände. Man weiß um das Böse und steht trotzdem für das Gute ein. Auf der anderen Seite steht der „apokalyptische Spießer“ (Horx) – ein angepasster, veränderungsunwilliger Charakter, der persönliches Engagement ablehnt, weil er doch in „der schlechtesten aller Welten lebt“.

Der Optimismus ist in einer schwierigeren Lage als der Pessimismus. Es ist in kritischen Artikeln, Vorträgen und Diskussionen derzeit tatsächlich eine Tendenz beobachtbar, sich fundiert und detailreich in Fehlentwicklungen und Unzulänglichkeiten zu vertiefen, ohne die Auswege aufzuzeigen.

Dem kann durchaus einiges entgegengesetzt werden. Man sollte nachfragen, wo die Alternativen liegen, wo Gegenentwürfe und positive Probeläufe. Fortschritte oder neue Handlungsansätze können dargelegt und weiterentwickelt werden.

Zuversicht! In der Berichterstattung über Afrika, Asien und Lateinamerika, über benachteiligte Gesellschaften, Ungerechtigkeiten zwischen Norden und Süden drängen sich „bad news“ geradezu auf. Sie dürfen nicht verschwiegen werden. Wichtig ist es, auch die Ursachen eines Missstandes anzusprechen und den politischen Widerstand, der sich regt, engagierte Bewegungen und zukunftsorientierte Ideen. Hier kann angesetzt, weitergedacht und vernetzt werden.

Zukunftsforscher Horx ist überzeugt davon, dass „es eine neue Revolution der unbequemen Zuversicht gegen jene geben wird, die sich am Pessimistischen mästen“. Er glaubt fest daran, dass eine Weltbewegung der Zuversicht im Kommen ist. Denn wir müssen uns entscheiden, ob wir „als Menschheit Teil des Problems sein wollen oder Teil einer Lösung“.

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