Unendlichkeit in ihrer Hand

Von Werner Hörtner · · 2010/09

Gioconda Belli

Roman. Aus dem nicaraguanischen Spanisch von Elisabeth Müller. Droemer Verlag, München 2009, 304 Seiten, € 17,50

Als die nicaraguanische Erfolgsautorin einmal lange allein in der Bibliothek eines Verwandten verbrachte, stieß sie auf einen Band „Große Geheimschriften“. Darin enthalten apokryphe Texte, also Versionen des Alten und Neuen Testaments, die nicht in den offiziellen Kirchenkanon aufgenommen wurden, u.a. die Bücher von Adam und Eva und ihre Lebensbeschreibung. Beim Hineinlesen in diese Texte erstand die Geschichte der ersten Menschen so lebendig vor ihrem geistigen Auge, dass sie noch am selben Nachmittag beschloss, diesem Thema ihr nächstes Buch zu widmen.

Belli lässt den Baum der Erkenntnis mit seinen verlockenden Früchten vor uns erstehen. Doch „Wissen weckt Unruhe und reizt zum Widerstand“, warnt eine Kreatur am Fuße des Baumes. „Dann nimmt man die Dinge nicht mehr, wie sie sind, sondern versucht, sie zu ändern.“ Adam und Eva wird von Elohim, dem Schöpfergott, die Freiheit gegeben, von den Früchten zu essen oder nicht. Eva beschließt, den „Sündenfall“ auf sich zu nehmen, von der verbotenen Frucht zu kosten.

Schrecklich ist die darauf folgende Vertreibung aus dem Paradies. Ein apokalyptisches Erdbeben schleudert Adam und Eva aus dem Garten Eden, zieht einen unüberbrückbaren Graben zwischen der üppigen himmlischen Landschaft und der unwirtlichen Wüste, in der sie nun leben müssen. Elohims Zorn war furchtbar.

Die nicaraguanische Autorin beschreibt in sehr stimmungsvollen Bildern und in teilweise eigenwilligen Interpretationen den großen mythischen Stoff von der Entstehung der Menschheit. Feministisch betrachtet, könnte man dieses Buch als einen Roman über die menschliche Entstehungsgeschichte aus der Gender-Perspektive betrachten. Eva ist die Mutige, die Impulsive und Kreative, die das Rad der Geschichte vorantreibt, während Adam die Rolle des gemütlichen Zauderers, des Vertreters des Status quo einnimmt.

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