Ungenütztes Eldorado

Die Zentralafrikanische Republik könnte einen Bergbauboom erleben – vorausgesetzt die Sicherheitslage bleibt stabil. Ein Report warnt jedoch bereits jetzt vor Rebellenattacken auf Diamantbergwerke.

Von François Misser
Der amtierende Präsident Bozizé gewann die Wahlen im Jänner. Die Opposition sieht das anders.

Es war klar, dass das Ergebnis angezweifelt werden würde. Nach den ersten Hochrechnungen des Ergebnisses der Präsidentschafts- und Verfassungswahl in der Zentralafrikanischen Republik (CAR) am 23. Jänner ging der Amtsinhaber General François Bozizé als Sieger hervor. Noch bevor die Auszählung der Stimmen abgeschlossen war, lehnten die vier Rivalen der Opposition, darunter auch der Vorgänger Bozizés Ange-Félix Patissé, das Ergebnis ab: Die Wahlen wären gefälscht und von Unregelmäßigkeiten geprägt gewesen. Sie zogen ihre VertreterInnen aus der unabhängigen Wahlbeobachtungskommission zurück. Am 2. Februar wurde Bozizé mit 66% der Stimmen als Sieger bekannt gegeben – die Opposition lehnt das Ergebnis ab. Bozizé war 2003 durch einen Putsch gegen Ange-Félix Patissé an die Macht gekommen. 2005 hatte er die Präsidentschaftswahlen gewonnen.

Offizielle Reaktionen zur Wahl vonseiten der UN, der EU oder Frankreich blieben aus. Die französische NGO „Survie“, die sich für eine neue Art der Beziehung zwischen Frankreich und seinen ehemaligen Kolonien einsetzt, kritisiert die EU für ihr Verhalten: Sie unterstützte die Wahlen mit 9,5 Millionen Euro, entsandte jedoch keine Wahlbeobachtungskommission.

Der mögliche Ausbruch von Unruhen hängt wie ein Damoklesschwert über dem Land, in dem mehr als 15.000 Menschen zu bewaffneten Gruppen gehören – auch wenn die Mehrheit von ihnen 2008 ein Friedensabkommen unterschrieben hat. Die Frage, die sich viele stellen, ist, ob das Wahl-Fiasko die Sicherheitslage verschlechtern und zukünftige Entwicklungschancen im Land verhindern wird. Die Regierung schafft es mit Ach und Krach, die Hälfte des Landes unter ihrer Kontrolle zu halten. Im Osten des Landes an den Grenzen zur Demokratischen Republik Kongo und Tschad agieren die Rebellen der ugandischen „Lord’s Resistance Army“ (LRA) und die „Convention of Patriots for Peace and Justice“ (CPJP). (Siehe SWM 7/09 zu der unübersichtlichen Vielzahl an Milizen und Rebellen in CAR.) Gleichzeitig versuchen französische und ugandische Gruppen, die Armee vor Ort gegen die Rebellen zu unterstützen. In Kombination mit Diplomatie kann das vielleicht das Schlimmste verhindern, und die Voraussetzungen schaffen, dieses unerschlossene Land zu entwickeln – mit wirtschaftlichem Nutzen für die BewohnerInnen.

Bis jetzt werden Gold und Diamanten noch in mühsamer Handarbeit geschürft. Doch die Zeit ist reif für industrielle Projekte. In den nächsten Jahren soll CAR ein wichtiger Uranproduzent werden. Letzten Dezember hat der französische Nuklearriese Areva mit dem Bau einer Tagbaumine in Bakouma im Osten des Landes begonnen (siehe SWM 12/07 und 6/10 zu Arevas menschen- und umweltschädlichem Uran-Abbau in Niger). Laut dem zentralafrikanischen Minister für Bergbau, Energie- und Wasserressourcen, Sylvain Ndoutingaï, beträgt die dort vorhandene Menge 48.000 Tonnen Uran – das entspricht etwa der weltweiten Uran-Produktion in einem Jahr. Das Vorkommen könnte sogar noch größer sein, meint der Geologe Gaétan Roch Moloto. Geologische Strukturen ähnlich wie in Bakouma gibt es über dutzende Kilometer nördlich und östlich der Mine. Doch auch hier wird die Sicherheit alles entscheiden: Letzten September haben die Rebellen der CPJP für kurze Zeit die Stadt Yalinga in Beschlag genommen, 100 Kilometer nordöstlich der Bakouma-Mine.

Es kann noch einige Jahre dauern, bis Areva mit der Uran-Produktion beginnt. Bis 2012 will jedoch Aurafrique, eine Tochtergesellschaft des kanadischen Konzerns Axmin, mit dem Goldschürfen in der Tagbau-Mine Bambari beginnen. „5,6 Tonnen pro Jahr über die nächsten 67 Jahre“, schätzt der Generaldirektor Jean-Sylvain Feigoudozoui die Produktionskapazität ein. Außerdem hat Axmin ein 75 Kilometer langes Eisenerzvorkommen in Topa im Zentrum des Landes entdeckt. Man vermutet dort mehrere Milliarden Tonnen Eisenerz. Im Gegensatz zu Gold und Uran, dessen hoher Wert hohe Transportkosten rechtfertigt, ist die abgelegene Lage der Lagerstätte ein großes Hindernis, dort tatsächlich zu schürfen.

Verbesserungen erwartet man sich auch im Diamantensektor, der schwer von der Weltwirtschaftskrise getroffen wurde. Die Produktion fiel von 467.000 Karat in 2007 auf 311.000 Karat in 2009. Dem will man mit einer tausend Personen starken Anti-Schmuggel-Einheit entgegentreten. Sie soll den Schmuggel mit Diamanten vermindern. Schätzungen gehen davon aus, dass die Menge der geschmuggelten Ware der offiziellen Produktion entspricht.

Bis jetzt wurden nur Diamanten-Vorkommen im Schwemmland in Carnot und Berbérati behoben, doch die Regierung ist bereit, industrielle Entwicklungen voranzutreiben, die eine fortschreitende Erschließung von Diamantenvorkommen notwendig macht. Es wurde ein geologisches Forschungsbüro eingerichtet, doch es bleibt noch viel zu tun, da seit der Unabhängigkeit 1960 wenige, bis keine GeologInnen ausgebildet wurden. „Ganz generell gesagt: Das Land ist einfach untererforscht“, sagt Gaétan Moloto. Doch er und seine KollegInnen sind davon überzeugt, Kimberlit zu entdecken. (Anm. d. Red.: Das Gestein Kimberlit kann oft Diamanten führen.)

Obwohl noch immer an die 4.000 Rebellen keinen Waffenstillstand mit der Regierung unterzeichnet haben, ist sich der Bergbau-Minister Ndoutingaï sicher, dass es keine Blutdiamanten im Land gibt. Bis jetzt finanzierten weder die LRA oder andere Gruppen ihren Kampf durch das Schürfen oder den Schmuggel von Diamanten, erklärt Ndoutingaï. Sie plünderten eher Märkte, um ihre Vorräte aufzufüllen, kontrollierten selbst jedoch keinen Abbau oder Schürfungen. AutorInnen eines Reports über die Reform des Sicherheitssektors im Land, der von der EU finanziert wurde, warnen jedoch bereits jetzt vor möglichen Attacken der CPJP-Rebellen auf die an Diamanten reiche Region Bria im Zentrum des Landes.

Die Regierung hofft außerdem auf Öl: Früher oder später soll die Ölförderung im Norden des Landes Früchte tragen. „Das macht Sinn“, meint der Geologe Gaétan Moloto. Denn vom geologischen Standpunkt aus ist diese Gegend die Fortsetzung der ölreichen Doba- und Salamat-Becken in Tschad.

Eine der wichtigsten „offenen Baustellen“ der Regierung ist der Abschluss des Rechtsstreits mit dem in Texas ansässigen Konzern RSM über das größte Ölfeld im Norden des Landes. Die Regierung wartet auf einen Rechtsspruch des „International Center for Settlement of Investment Disputes“ in Washington, um neue Angebote für die Ölförderung einholen zu können.

Minister Ndoutingaye ist zuversichtlich, dass die Regierung gewinnen wird. CAR hat 2004 die Förderlizenz von RSM, die Bozizés Vorgänger Ange-Félix Patassé ausgestellt hat, zurückgezogen. Die Lizenz wird von der jetzigen Regierung als „riesiger Fehler“ gesehen. Patassé hatte 1999 dem US-amerikanischen Konzern eine Lizenz über ein 54.000 km2 großes Explorationsgebiet ausgestellt. Er brach dadurch den zentralafrikanischen „Öl-Kodex“, der besagt, dass Ölförderlizenzen nur für Gebiete bis zu 5.000 km2 ausgestellt werden dürfen. Weiters hat RSM das Projekt nicht vorangetrieben. „Ein weiterer Punkt, warum die Regierung dem Konzern die Lizenz entzog“, sagt der Bergbau-Minister.

Sobald dieses Problem gelöst ist, wird die Regierung das Explorationsgebiet aufteilen und auf neue Angebote warten. Sie ist auch zuversichtlich, dass Prospektionen Ergebnisse bringen können. 1990, erzählt Jean-Sylvain Feigoudozoui, habe Esso positive Resultate einer 2.476 Meter tiefen Bohrung in Aoukélé verlautbart. Außerdem hat der Streit mit RSM nicht alle Ölaktivitäten im Land gestoppt. Im Gegenteil: Die Regierung hat letzten Sommer einen Vertrag mit der China Poly Group Corporation unterschrieben. Laut Jean-Sylvain Feigoudozoui haben auch andere internationale Konzerne Interesse gezeigt: „Wir wurden von Konzernen aus drei Kontinenten kontaktiert und wir werden uns bald für eine Partnerschaft entscheiden.“ Namen konnte er derzeit nicht nennen.

Doch auch hier könnte die Sicherheitslage die Förderung vor Herausforderungen stellen. Die Förderanlage Aoukélé liebt nur 50 Kilometer östlich der Stadt Birao, die von der CPJP letzten November besetzt und daraufhin von der tschadischen Luftwaffe bombardiert wurde.

Noch erschwerend kommt hinzu: Die industrielle Entwicklung des Landes verlangt nach einer adäquaten Infrastruktur. Der Zustand der Straßen ist miserabel. Außerdem muss die Stromversorgung im Land dringend verbessert werden. Nur die Hauptstadt Bangui und die Grenzstadt Mobaye haben eine funktionierende Elektrizitätsversorgung – und selbst hier sind Stromausfälle häufig.

Das Land hätte ein großes Potenzial an Wasserkraft. In ein paar Jahren sollte sich die Lage etwas bessern. Eine chinesische Firma verwirklicht ein 10-MW-Staudammprojekt. Der Damm ist bereits fertig und die Hydro China Engineering Corporation hat zugestimmt, zwei Turbinen zur Verfügung zu stellen. Die African Development Bank sollte auch die Erweiterung des existierenden Boali-Kraftwerks finanzieren und eine neue Übertragungsleitung nach Bangui bauen. Die Konstruktion von „Mini-Kraftwerken“ sollte eigentlich fast im ganzen Gebiet des ungenutzten Eldorados möglich sein.

Der französische Journalist François Misser beschäftigt sich seit zwei Jahrzehnten mit Afrika und den Beziehungen EU-Afrika. Er ist Mitarbeiter der Berliner taz, von BBC-Afrique und anderen Medien sowie Autor mehrerer Bücher.

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