Unordnung und Vertrauen

Quer durch Lateinamerika praktizieren Menschen eine andere Art der Demokratie – eine Demokratie, die zwar Leben verändert, aber nur selten in die Schlagzeilen kommt; die „Demokratie der Zukunft“, meint der prominente uruguayische Schriftsteller Raúl Zibechi.

Volksbakkalaureat in Argentinien: Absolute Gleichberechtigung zwischen LehrerInnen und SchülerInnen.

"Im Klassenzimmer sind wir alle gleich“, sagt Marisel, eine etwa 40-jährige Frau, die bereits Großmutter ist. Wir befinden uns in der Armensiedlung Las Tunas, errichtet von ihren BewohnerInnen auf einer riesigen Müllhalde, 40 Kilometer vom Zentrum von Buenos Aires entfernt. Marisel nimmt an einem bachillerato popular, einem „Volksbakkalaureat“, teil. „Alle beteiligen sich an der Gestaltung der Stunde“, fügt Rossana hinzu, die als Putzfrau in einem der Wohnviertel in der Umgebung der villas miseria arbeitet, wie die Elendsviertel in Argentinien heißen.

Die meisten TeilnehmerInnen dieses informellen Lehrgangs sind arme Frauen ohne Schulabschluss. Sie sitzen im Kreis, diskutieren über den Lehrplan und die Unterrichtsmethoden und bewerten sowohl StudentInnen wie LehrerInnen. Hier herrscht radikale Demokratie – ganz anders als in offiziellen Sekundarschulen, wo LehrerInnen über absolute Macht verfügen. Der Lehrgang entstand vor sechs Jahren, in den Fabriken, die von ArbeiterInnen vor dem Zusperren gerettet wurden, indem sie sie selbst übernahmen und weiter betrieben. Die bachilleratos populares breiteten sich in Armenvierteln aus, und heute gibt es 40 davon, einige sogar staatlich anerkannt, mit rund 5.000 StudentInnen.

In Lateinamerika existieren heute Tausende solcher Experimente. Bei einem offiziellen Zensus der „Solidarökonomie“ in Brasilien wurden 15.000 ähnliche Basisinitiativen gezählt. In Argentinien dürften es mindestens 5.000 sein, und weit mehr in der ganzen Region. Was diese Initiativen charakterisiert, oft ignoriert von der Politik, der akademischen Forschung und sozial engagierten Menschen, ist eine „Demokratie von unten“, die zusehends zu einem Teil des Alltagslebens armer Menschen in Städten wie auf dem Land wird.

In der Regel haben diese Gruppen 15 bis 25 Mitglieder. Die Beziehungen beruhen auf Gleichberechtigung, es gibt regelmäßige Treffen, keine Chefs oder fixe Koordinatorinnen, und man sitzt im Kreis, um die allgemeine Beteiligung zu erleichtern. Und sie sind autonom, denn getan wird nur, was sie selbst beschlossen haben. „Anfangs war alles sehr chaotisch und ich wollte nicht mehr herkommen“, erinnert sich Marisel. Dann aber überwog doch der Umstand, „dass es viel Respekt gibt. Die Lehrer saßen neben uns und erklärten, bis wir es alle verstanden hatten“.

Ein Merkmal dieser Initiativen ist ihre Unordnung, besser gesagt ihre andere Ordnung, in der jedes Mitglied mit seinem Tun eine eigene Position einnimmt. Diese Praxis existiert auch unter indigenen Bevölkerungsgruppen, etwa bei den Zapatistas in Mexiko und den Mapuche im Süden Chiles. Sie existiert unter den Landlosen in Brasilien und in andinen Gemeinschaften in Peru, die gegen Bergbauunternehmen kämpfen. Man findet sie aber auch unter den Armen in den Städten, ob bei den Aymara im bolivianischen El Alto, bei Obdachlosen in Salvador oder São Paulo in Brasilien, unter den Arbeitslosen Argentiniens oder den eine Million SchülerInnen und StudentInnen des „Penguin Movement“, die in Chile auf die Straßen gingen (schwarz-weiß gekleidet) und ein besseres Bildungssystem forderten. Eigentlich gibt es diese Praxis unter allen Jugendlichen, unabhängig von Hautfarbe, Ideologie oder Land.

Auch wenn die Unterschiede zwischen all diesen Kollektiven nun zunehmen, gehören sie doch zur selben Generation von Bewegungen, alle geboren in der Zeit des Neoliberalismus, als ein Teil der Armen von der Arbeit ausgeschlossen und an der Wahrnehmung ihrer Grundrechte gehindert wurde. Man kann sagen, sie alle tendieren zum „Gemeinschaftlichen“: Sie haben keine VertreterInnen, und sie entscheiden per Konsens. Obwohl das Zeit in Anspruch nimmt, lehnen sie etwa die Praxis der Gewerkschaften ab, wo Führer oder wichtige PolitikerInnen die Entscheidungen stellvertretend für alle treffen.

Diese Demokratie von unten hat sich in zweierlei Hinsicht auf die Politik progressiver Regierungen ausgewirkt. Erstens neigen diese Regierungen dazu, sich einer ähnlichen Sprache wie die Bewegungen zu bedienen. Nestor und Cristina Kirchner in Argentinien haben etwa den Diskurs der Menschenrechtsgruppen übernommen. Zweitens müssen bei der Formulierung der Sozialpolitik die Basisorganisationen berücksichtigt werden, wenn sie die Armen erreichen und effektiv sein soll. Es sind die AktivistInnen an der Basis, die wissen, was ihre Nachbarinnen und Nachbarn brauchen, und sie genießen ihr Vertrauen.

Das ist ein ganz anderer Zugang – sowohl der Form als auch dem Inhalt nach – als unter den neoliberalen Regierungen der 1990er Jahre.

Allerdings hat die neue Politik der progressiven Regierungen, die kurz als „mehr Mittel zur Bekämpfung der Armut ohne strukturelle Änderungen“ charakterisiert werden kann, die sozialen Bewegungen tatsächlich geschwächt. Dafür gibt es mehrere Gründe: Die Lage am Arbeitsmarkt hat sich verbessert, die Regierungen sind eher bereit, Geld auszugeben und arme Viertel mit Infrastruktur zu versorgen, und viele der prominentesten AktivistInnen wurden kooptiert und bekleiden heute Positionen in Ministerien oder NGOs.

Nun ist es zwar unbestreitbar, dass arme Familien heute besser leben, aber an der Ungleichheit hat sich nichts geändert. Und doch beginnen die sozialen Bewegungen, die armen Menschen ermöglicht haben, die schlimmste Zeit zu überstehen, nun zu zerbröckeln. Die Generation der sozialen Bewegungen und Kollektive, die Anfang der 1990er Jahre überall in Lateinamerika aus dem Boden schossen, haben ihren Lebenszyklus vollendet und befinden sich in der Defensive. Viele Bewegungen wurden zu NGOs, deren FührerInnen und Manager sich mehr für Kontakte mit internationalen Organisationen und Verhandlungen mit Regierungen interessieren als für organisatorische und politische Arbeit an der Basis.

Bestimmte wichtige Ereignisse deuten aber an, dass ein neuer Zyklus des sozialen Protests beginnt. In manchen Fällen handelt es sich um dieselben Bewegungen, die bereits die Protagonisten des vorhergehenden Zyklus waren; in anderen Fällen entstehen neue Akteure wie etwa in Zusammenhang mit den bachilleratos populares. Sicher ist jedenfalls, dass die progressiven Regierungen der Region sich zunehmend schwer tun, wenn sie es mit diesen Bewegungen zu tun bekommen.

Im vergangenen Juni stoppte die Vereinigung der Nachbarschaftsräte von El Alto (FEJUVE) die Versuche der MAS-Partei von Evo Morales, ihre eigenen Leute in Führungspositionen zu hieven, und protestierte gegen die „oligarchischen“ Praktiken der bolivianischen Regierung. Sie wählte auch erstmals eine Frau zur Präsidentin. Das Bündnis der indigenen Völker Ecuadors (CONAIE) organisierte Aufstände, Streiks und Straßensperren in Protest gegen die Entscheidungen Präsident Rafael Correas zugunsten von Bergwerksunternehmen und der Privatisierung der Wasserversorgung.

In Brasilien sind neue urbane Bewegungen entstanden, die jugendliche Hip-Hopper und afrobrasilianische Frauen in „Obdachlosencamps“ unter der Bezeichnung „Frente de Resistência Urbana“ („Urbane Widerstandsfront“) zusammenbringen. In Bolivien, Peru und Venezuela sind die neuen AkteurInnen Indigene aus dem Amazonasgebiet, die sich gegen die Ausbeutung natürlicher Ressourcen durch Multis zur Wehr setzen. In Argentinien gibt es neben den bachilleratos zahlreiche Initiativen gegen Bergwerksunternehmen, die sich im Rahmen der Unión de Asambleas Ciudadanas koordinieren.

Es ist nicht einfach, in diesem Universum experimenteller Organisationsformen, in dem viele kleine Gruppen gerade ihre ersten Schritte machen, Gemeinsamkeiten zu finden. Meiner Ansicht nach haben sie aber drei Merkmale gemeinsam: Erstens, Frauen und junge Menschen sind die Protagonisten; zweitens, die Gruppen, ob in der Stadt oder auf dem Land, stammen vom Rand des Systems, von dort, wo sich Staat und Kapital noch nicht mit ihrer zerstörerischen Energie etabliert haben; und drittens, sie praktizieren traditionelle Formen einer Demokratie von unten.

Diese Demokratie von Angesicht zu Angesicht, die auf Konsens beruht und sich die Zeit für Entscheidungen nimmt, in denen sich alle wiederfinden können, hat mit ihrer Präsenz und Dauerhaftigkeit selbst die kühnsten Erwartungen übertroffen. Jedes Jahr diskutieren die bachilleratos populares über dieselben Fragen: Sollten StudentInnen benotet werden; sollten alle dabei mitentscheiden, ob jemand aufsteigt oder nicht, mit Rücksicht auf die schulische Leistung, aber auch auf den wirtschaftlichen und sozialen Kontext? Das ist die Demokratie der Zukunft, die in den 1990er Jahren als neue Chance auftauchte und die langfristig das Tor für Veränderungen öffnen wird.

Raúl Zibechi gehört zu den führenden politischen TheoretikerInnen Lateinamerikas. Er publiziert regelmäßig im Magazin Brecha, Montevideo. Sein erstes ins Englische übersetzte Buch, Dispersing Power, wurde eben von AK Press veröffentlicht (www.akpress.org).

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