„Unser Feindbild sind nicht die Männer“

Die Guatemaltekin Paula Irene del Cid Vargas ist Psychologin und Mitbegründerin der feministischen Zeitschrift „La Cuerda“. Kürzlich war sie auf Einladung der Guatemala Solidarität in Wien. Mit Ralf Leonhard sprach sie über Feminismus, von Frauen angeführten Widerstand und über Frauenmorde.

Paula Irene del Cid Vargas

Südwind-Magazin: Feminismus. Gibt es so etwas in Guatemala?
Paula del Cid:
Ja. Uns als Kollektiv „La Cuerda“ gibt es seit 1997. Wir haben uns nach dem Friedensabkommen von 1996 konstituiert, als sich die politischen Freiräume langsam öffneten. Wir sahen die Notwendigkeit, ein Medium zu schaffen und brachten dann zum 8. März 1998 die Zeitschrift „La Cuerda“ heraus.

Was war daran feministisch?
Wir sind von ökologischen Problemen ausgegangen, die ja alle betreffen. Dabei ging es uns darum, die Rolle der Frau sichtbar zu machen. Cuerda ist ein Flächenmaß in Guatemala. Wir beanspruchen also ein Stück Raum für uns. Das tun wir in verschiedenen Themen und Problembereichen. Dafür suchten wir Allianzen und fanden sie in feministischen Organisationen, aber auch in Frauengruppen, die sich nicht als feministisch definieren. Da gibt es schon viele Berührungspunkte. Nehmen wir die Wahlen. Welche politischen Optionen werden uns geboten? Keine der vorhandenen Parteien hat wirklich ein Angebot für die Frauen.

Obwohl es ungefähr 28 Parteien gibt, die regelmäßig antreten?
Keine einzige etwa hat Vorschläge, wie man die hohe Müttersterblichkeit reduzieren kann. Die liegt in Guatemala bei 160 pro 100.000 Geburten. In manchen Provinzen sogar bei 200. Keine Partei spricht von integraler Bildung, bei der auch das Thema der Familienplanung angesprochen wird. Niemand will kommunale Kindergärten zur Entlastung der Frauen schaffen. Wir formulieren Vorschläge aus einer feministischen Motivation. Bei unseren Diskussionsrunden geht es manchmal um abstrakte, aber auch oft um sehr konkrete Dinge, etwa um Sexualität. Unser Feindbild sind nicht die Männer, sondern der Rassismus und die koloniale Denkweise.

Mit Feminismus im europäischen Verständnis hat das wenig zu tun.
Wer sagt das? Viele Frauen sind Feministinnen, aber wissen es nicht oder trauen sich nicht, sich als solche zu deklarieren. Da gibt es jene, die ihr Land verteidigen und andere, die es satt haben, dass unsere Mädchen in Unwissenheit aufwachsen, keine Ahnung von der Menstruation haben, wenn sie in die Pubertät kommen und keinen Zugang zu Verhütungsmitteln. Oder Frauen, die aus Angst vor sexueller Gewalt ihr Haus nicht verlassen. Mit ihnen schließen wir Allianzen.

Zum Beispiel?
Zum Beispiel mit Yolanda Oquelí in San José del Golfo. Das ist eine halbe Stunde von der Hauptstadt Guatemala-Stadt entfernt. Yolanda hatte keinerlei Erfahrung mit Organisationsarbeit, wurde aber zur Anführerin im Widerstand gegen eine Goldmine. Sie hat bemerkt, dass das Bergwerk der Gemeinde das wenige Wasser abgraben wird. In einem Workshop hat sie von Gandhi erfahren und sich für gewaltlosen Widerstand interessiert. Die Frauen haben dann den Zugang zur Mine blockiert. Anders als bei anderen Konflikten, wo die Betroffenen Straßensperren errichtet oder Baumaschinen abgefackelt haben, wurde in San José nur die Arbeit im Bergwerk behindert. Die Frauen haben dort das Protestcamp „La Puya“ errichtet.

Eines Abends wird Yolanda angeschossen. Der Attentäter glaubt, sie ist tot und verschwindet. Aber sie hat überlebt. Der Täter wurde natürlich nicht ausgeforscht, aber es ist offensichtlich, dass ein Zusammenhang zu Yolandas Aktivismus besteht. Wir unterstützen sie jetzt. Ausgehend von solchen konkreten Beispielen entwickeln wir einen feministischen Diskurs und so können wir aus den Kreisen der Mittelschicht und der akademischen Zirkel herauskommen.

Vor kurzem wurde in Guatemala der strafrechtliche Tatbestand des Frauenmordes geschaffen. Warum?
Guatemala ist durchaus mit der mexikanischen Grenzstadt Ciudad Juárez zu vergleichen, was Frauenmorde betrifft. Neun von 100.000 Frauen werden umgebracht. Nur ein Prozent der Gewaltdelikte wird jemals aufgeklärt. Viele der Frauen werden verstümmelt oder entstellt aufgefunden: mit abgeschnittenen Brüsten oder zerschnittenen Gesichtern. Manche Leichen sind grotesk geschminkt, wie Prostituierte. Es gibt viele Motive für die Frauenmorde. Viele haben mit dem organisierten Verbrechen und dem Kampf um Territorien zu tun. Es geht um Operationsgebiete für Drogenhandel, Geldwäsche, Waffen- oder Menschenhandel. Wenn du die Frau oder Tochter eines Rivalen ermordest, signalisierst du, dass du in dessen Territorium ungestraft operieren kannst. Manche Morde sind auch Teil von Initiationsriten in den Banden. Wer Mitglied sein will, muss einen grausamen Mord begehen. 

Ralf Leonhard ist freier Journalist und freier Mitarbeiter des Südwind-Magazins. Er lebt in Wien.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen